Es ist ein Besuch voller Wehmut. Theresa Illgner, Sheila Mae Quiachon-Temmar und Julia Lubos sind mal wieder an ihrem alten Lieblingsplatz. Doch sie stehen hinter Gittern, vor verschlossenen Türen. Die Sportplätze an der Cotta-Schule sind seit mehr als einem halben Jahr außerhalb der Schulzeiten gesperrt. Kinder aus der Nachbarschaft, die abends und am Wochenende kicken und spielen wollen, werden ausgesperrt, ebenso die gut 70 Basketballer, die sich dort regelmäßig getroffen hatten. Seit vor gut 15 Jahren die Plätze umgestaltet wurden, haben sie dort gespielt. So gut, dass Scouts des Bundesligisten Alba Berlin vorbeischauten, um Talente zu finden. Vergangene Zeiten. Die drei Frauen sind stellvertretend für ihre Mitspieler gekommen, noch immer kämpfen sie um ihren Platz.
Selbst Talentspäher schauten vorbei
Einen Verein haben sie gegründet mit 70 Mitgliedern, weil die Verwaltung ihnen gesagt habe, so könne man ihnen einen Platz zum Spielen besorgen. Das Gemeinschaftserlebnis Sport hat ihnen eine Halle organisiert, von 22 bis 1 Uhr. „Das war prima“, sagt Illgner, „aber die Zeit ist schwierig.“ Die Schule selbst will ihnen helfen, würde den Platz montags von 17 bis 21 Uhr öffnen. Dafür muss das Schulverwaltungsamt sein Plazet geben. Von dort gab es bisher keine Reaktion. Per Pressestelle lässt die Stadt ausrichten: „Die Fachämter sehen eine außerschulische Nutzung als nicht möglich an.“
„Es ist frustrierend, es tut sich nichts“, sagt Ilgner. Und Julia Lubos ergänzt: „Dabei haben wir alles so gemacht, wie man es uns gesagt hat.“ Obwohl sie Unterstützung haben. Abgeordnete des Landtags waren da, im Petitionsausschuss will man über den Fall reden. Der Bezirksbeirat Ost ist auf ihrer Seite. „Wer eine Wohnung an einem Sportplatz kauft, weiß, worauf er sich einlässt“, sagt SPD-Bezirksbeirat Jörg Trüdinger, „zumal der Bezirksbeirat vor dem Bau einen einstimmigen Beschluss gefasst hat, dass die öffentliche Nutzung des Platzes gewährleistet bleiben muss.“ Er fordert eine öffentliche Nutzung bis zu den „üblichen 22 Uhr“.
Das Linksbündnis Die Fraktion im Gemeinderat findet den „Vorgang skandalös“. Laura Halding-Hoppenheit von der Linken sagt: „Es ist mir völlig unverständlich, dass Kinder und junge Erwachsene daran gehindert werden, wenn sie mit Spaß an der Bewegung Sport in ihrer Freizeit treiben. Sie dürfen nicht das Nachsehen haben.“ Auch SPD-Stadträtin Lucia Schanbacher ist fassungslos: „Die jungen Leute organisieren sich selbst, sie sind draußen, sie treiben Sport, sie kümmern sich, sind engagiert. Sie machen alles, was man sich wünschen kann.“ Was ist der Lohn? Ein Zaun vor der Nase.
„Gerade im Osten haben wir viel zu wenige Spielflächen“, sagt sie, „das trifft vor allem die Kinder, deren Familien weniger Geld haben.“ Letztlich teilt sie die Analyse des Kollegen Hannes Rockenbauch von der SÖS, „dies ist die Folge einer verfehlten Politik.“ Denn die Vorgeschichte ist ein Handel zwischen Stadt und Investoren. 2007 hatte der SWR die Villa Berg an Rudi Häussler verkauft. Nach dessen Insolvenz übernahm die Firma PDI die Villa. Sie wollte Wohnungen anstelle der Fernsehstudios bauen, ein Varieté sollte in die Villa einziehen. Doch 2012 weigerte sich der Gemeinderat, das Baurecht zu ändern, im Park sollten keine Wohnungen entstehen. Im Jahr 2015 tauschte der Investor die Villa und 3,2 Millionen Euro gegen das Gelände des Betriebshofs. Darauf durfte gebaut werden. „Dreizeit – Wohnen an der Villa Berg“, ein „exklusiver Wohnraum in erstklassiger Lage“. So die Werbung. Den Sportplatz vergaß man offenbar zu erwähnen.
Nach dem Einzug der neuen Nachbarn dauerte es nicht lange, bis die ersten Beschwerden kamen. Im September 2022 beklagten sich zwei der Anwohner, nach eigenen Angaben stellvertretend für zwölf der etwa 20 unmittelbar angrenzenden Wohnparteien, in einer öffentlichen Sitzung des Bezirksbeirats Stuttgart-Ost. An Wochenenden sei der Platz vom Vormittag bis in die Abendstunden hinein belegt, mit entsprechender Geräuschkulisse. Andere Anwohner störten sich nicht daran, im Gegenteil, sie setzten sich dafür ein, dass auf dem Sportplatz weiter gespielt werden darf. Doch „am 29. März wurde im Rahmen eines Treffens des Arbeitskreises Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule, bestehend aus Vertretern des Schulverwaltungsamts, der Nachbarschaft, des Bezirksamts,der mobilen Jugendhilfe, der Jugendhausgesellschaft, des Gemeinschaftserlebnis Sport und der Hobbyspieler, mitgeteilt, dass die außerschulische Nutzung der Sportfläche künftig nicht mehr möglich sein wird“. So die Verwaltung.
Den Sportplatz abgesperrt
Die Begründung: „Der Sportplatz wurde baurechtlich nur als Nebenanlage zur Schule außerhalb des Baufensters zugelassen. Eine Genehmigung als öffentliche Sportanlage gibt es nicht.“ Dafür wäre ein Bauantragsverfahren mit Immissionsgutachten nötig. Dabei hätten die Eigentümer der benachbarten Grundstücke ein Abwehrrecht gegen Baugrenzen- und Lärmüberschreitung.
„Da hat der Gemeinderat einen Fehler gemacht“, sagt Schanbacher. Am 12. Januar 2017 hat der Gemeinderat einen neuen Bebauungsplan verabschiedet, seitdem ist dort ein Allgemeines Wohngebiet, der Lärm darf 55 Dezibel nicht überschreiten. Das ist ein leises Gespräch. „Für Schulsport gelten Ausnahmen“, sagt die Verwaltung, „aber die Fachämter sehen eine außerschulische Nutzung als nicht möglich an, mit Blick auf das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme.“
Ausnahme nur für Schulsport
„Wer nimmt Rücksicht auf uns?“, fragt Theresa Illgner, „was ist mit den Interessen von jungen Leuten? Wer vertritt die?“ Legitime Fragen, so findet Schanbacher. Zumal es im Osten viel zu wenige Sportflächen gebe. Das Sportamt versucht nun, auf der Waldau in Degerloch einen Platz für die Basketballer zu schaffen. Doch das hilft den Kindern im Osten nichts. „Das ist ein verheerendes Signal“, sagt Schanbacher, „da können wir uns die Sonntagsreden sparen, wie wichtig uns angeblich die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen sind, wie wichtig Bewegung ist.“ Flächen dafür zu finden ist schwierig. Sagt Daniela Klein, Leiterin des Sportamtes. „Wir sind auf der Suche, gerade im Osten, aber wir haben an vielen Orten leider dieselben Konflikte.“ Junge Leute sind offenbar nur erwünscht, wenn sie leise sind.