Kinderärzte sind rar – auch in Sindelfingen. Nun wird ein weiterer seine Praxis schließen.. Foto: picture alliance/dpa
Zum Ende des Monats schließt Kinderarzt Helmut Gulde seine Praxis in Sindelfingen. Eine Nachfolgerin stand bereit, sprang aber ab. Hunderte Kinder brauchen nun einen neuen Arzt.
Der Ruhestand ist in greifbarer Nähe, Ruhe verspürt Helmut Gulde aber nicht. Vor der Eingangstüre seiner Kinderarztpraxis stehen Patienten Schlange. Sie alle benötigen eine Behandlung, eine Beratung oder ein Rezept. Und sie alle werden ab dem 1. April hier keine Hilfe mehr bekommen. Helmut Gulde wird Ende März nach 24 Jahren altersbedingt seine Praxis schließen. Eine Anschlusslösung gibt es nicht.
Rund zwei Jahre bemühte sich der Pädiater um eine Nachfolge. „Ich habe im Dezember 2024 gegenüber der Stadt kommuniziert, dass ich im Mai 2025 in Ruhestand gehen möchte“, sagt Gulde. Dass er im Frühjahr 2026 noch immer praktiziert, liege nicht nur daran, dass er mit Leidenschaft Kinderarzt sei, sondern auch an der inzwischen begrabenen Hoffnung, noch fündig zu werden.
Seit 2002 behandelte Helmut Gulde Kinder in seiner Praxis. Nun ist Schluss. Foto: privat
Seit 2024 suchte Kinderarzt Gulde im Radius von 200 Kilometern um Sindelfingen
Ab 2024 lief die Suche auf Hochtouren, wie Gulde sagt: „Ich habe mich im Umfeld umgehört, öffentlich ausgeschrieben, sogar Praxen und Kinderkliniken weit über die Region Stuttgart über Tübingen, Oberschwaben, Schwarzwald und dem Bodensee angeschrieben.“ Bis auf zwei Interessensbekundungen habe er kaum Resonanz erhalten.
Im vergangenen Jahr keimte Hoffnung auf. „Eine Kinderärztin meldete ernsthaftes Interesse an. Ich hielt sie für ausgesprochen geeignet, weil sie aus der Region kommt und in einer Kinderklinik arbeitet“, erinnert sich Gulde. Für die Bewerberin sei aber eine finanzielle Unterstützung Bedingung gewesen: „Sie sagte, dass sie neben dem bestehenden zinslosen Darlehen auch den diskutierten städtischen Zuschuss von 100 000 Euro benötige.“
Guldes Nachfolgelösung für die Sindelfinger Kinderarztpraxis scheiterte
Weil der Zuschuss-Vorschlag im Gemeinderat seinerzeit keine Mehrheit fand, sprang die Ärztin ab. Der Auszug aus der Email, in der die Pädiaterin Gulde absagte, liegt uns vor: „Es tut mir sehr leid, aber unter diesen Gesichtspunkten kann ich Ihre Praxis nicht übernehmen. In Stuttgart wird sicher eine Förderung bezahlt. Sie können sicher verstehen, dass ich mich in Stuttgart umsehe.“ Helmut Gulde ist noch heute verärgert: „Obwohl man wusste, dass die Bereitschaft der Bewerberin da war und es in Stuttgart Fördermittel gibt, wurde der Zuschuss abgelehnt.“
Klare Worte: Helmut Gulde ist frustriert darüber, wie die Nachfolgesuche gelaufen ist. Foto: Dudenhöffer
Eine Fraktion, die den Zuschuss ablehnte, war die Grüne. Auf Anfrage erklärt Grünen-Stadtrat Ulrich Hensinger, dass sie die Verbesserung der Versorgungslage durchaus auch als „städtische Aufgabe“ betrachteten. Dennoch betont er: „Wir möchten den Mangel nicht dadurch lösen, dass wir allen eine hohe Startprämie versprechen.“ Zum einen ließe das die „derzeitige Haushaltslage nicht zu“, zum anderen würde sich „unweigerlich die Frage stellen, wer sich dann überhaupt noch unentgeltlich in Sindelfingen niederlassen wolle“. Dann müsse man auch beantworten, warum man nicht auch andere Mangelberufe subventioniere.
Statt „einem für die Stadt teuren Zuschuss für eine Praxisübernahme“ halte seine Fraktion das aktuelle Angebot für richtig: ein zinsloses Darlehen von bis zu 100 000 Euro, zudem Unterstützung im Projektmanagement und bei der Suche nach Wohnraum oder einem Kita-Platz.
Kinderarzt: „Andere Prioritäten setzen“
Trotz knapper Kasse – Helmut Gulde hätte sich eine andere Priorisierung gewünscht. „Die Situation ist schon prekär und sie wird sich verschärfen, wenn die nächsten Kinderärzte in Sindelfingen in Ruhestand gehen. Wenn ich sehe, dass für die Markthalle Geld ausgegeben wird, frage ich mich, ob hier die richtigen Prioritäten gesetzt werden.“
Rund 900 Kinder, die Gulde durchschnittlich pro Quartal behandelt, müssten nun eine neue Praxis finden. „Die Auswirkungen werden besonders chronisch kranke Kinder spüren. Ich denke da an ein Kind, das regelmäßig Rezepte brauchte und in meiner Praxis über die Vene Nahrung erhielt“, sagt Gulde. Viele würden über die wegfallende Behandlung akuter Erkrankungen hinaus auch Probleme bei Impfungen, U-Untersuchungen oder Rezepten bekommen.
Hausärzte durch Darlehen angelockt
Die Stadt Sindelfingen jedenfalls setzt auf einen weiteren Runden Tisch und vor allem das zinslose Darlehen. Wie häufig das Angebot bisher angenommen wurde, dazu schreibt die Stadtverwaltung: „Bislang konnte das Darlehen zweimal im hausärztlichen Bereich gewährt werden. Wir stehen mit weiteren Ärzten im Austausch über eine mögliche Förderung.“
Für Helmut Gulde hat keine der Maßnahmen gefruchtet. Er wird dieser Tage mit dem Ausräumen der Praxis beginnen. Seine Mitarbeiter werden beruflich keine Probleme haben, etwas zu finden, ist er überzeugt.
Pläne für seinen Ruhestand hat Gulde bereits: „Ich möchte mich etwas zurückziehen und, wenn politisch möglich, wieder Flüchtlingskinder im Libanon behandeln. Dort wird Hilfe gebraucht.“
Versorgungslage
Kinderärzte im Kreis Der Versorgungsgrad bei Kinder- und Jugendärzten liegt kreisweit bei 101,4 Prozent. 2024 waren laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) im Kreis 33 Kinderärzte niedergelassen. Ein Drittel ist mindestens 60 Jahre alt. Formal liege auch hier keine Unterversorgung durch Kinderärzte vor.
Kinderärzte in Sindelfingen Die KV listet für Sindelfingen drei Kinderärzte auf. Mit dem Abtreten von Helmut Gulde bleiben noch zwei übrig.