Nachfolge von Horst Seehofer Chaostage in der CSU

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Wer beerbt Bayerns Ministerpräsidenten? In dieser Debatte übertreffen sich Parteichef und Fraktion mit intriganten Manövern. Plötzlich ist der bayerische Verkehrsminister Joachim Hermann als Nachfolger im Gespräch. Wem nützt dieser Schachzug?

Die bayerischen Ministerkollegen Markus Söder und Joachim Hermann im Gespräch Foto: dpa
Die bayerischen Ministerkollegen Markus Söder und Joachim Hermann im Gespräch Foto: dpa

München - „600 000 Tonnen Streusalz werden reichen.“ Joachim Herrmann ist sich da ganz sicher. Als bayerischer Verkehrsminister steht er an diesem Donnerstag seelenruhig an einer fränkischen Autobahn und rühmt die staatlich-stattliche Vorsorge für den Winter. Damit ja keiner in den Graben rutscht. Wo er selber enden könnte oder seine heftig schlingernde CSU, darüber spricht Herrmann lieber nicht.

Dabei ist Joachim Herrmann nur wenige Stunden zuvor mitten hineingeraten in das Chaos um die doppelte Nachfolge von Horst Seehofer als Ministerpräsident und als Parteichef. Seehofer, so melden es Münchner Zeitungen, habe ein Geheimtreffen in der Staatskanzlei arrangiert, und dieser engste Kreis der Getreuen habe Herrmann weichgeklopft, bei den Landtagswahlen im Herbst genauso als Spitzenkandidat anzutreten, wie er es schon bei der Bundestagswahl getan hatte. Alles, um einen anderen zu verhindern: Seehofers Erzrivalen Markus Söder.

Noch in der Nacht dementierte Herrmann: Gar nichts habe er zugesagt. Er tat es aber nur gegenüber einigen Abgeordneten; in der Öffentlichkeit hält er sich an die Maxime: Zuerst müsse Seehofer selber sich erklären. Bis dahin hätten andere zu schweigen.

Vom Chef verschaukelt

Mit so viel „Anstand und Respekt“ allerdings ist Herrmann der Letzte seines Stammes. Andere haben Seehofer das Heft aus der Hand genommen. Die Landtagsfraktion war wütend, weil der Chef sie vor einer Woche regelrecht verschaukelt hatte. „Klarheit, auch zu meiner Person“ hatte er für die Sondersitzung versprochen – und dann seinen Personalvorschlag auf Anfang Dezember verschoben.

Auf dem Weg zum Parteivorstand am gleichen Abend dämmerte Seehofer allerdings, dass das Ärger geben könnte – und urplötzlich zog er eine Art Ältestenrat aus dem Hut: Landtagspräsidentin Barbara Stamm sowie die beiden früheren CSU-Chefs Theo Waigel und Edmund Stoiber sollten bis zum 4. Dezember eine „Zukunftslösung“ für die Partei erarbeiten.

Kam gut an, der Zaubertrick. Der Vorstand applaudierte. Die Fraktion indes sann auf Rache – und beschloss, den Dreierrat mit einem eigenen Personalvorschlag zu überholen. Um noch knapp vor dem Parteivorstand abstimmen zu können, will man sich am kommenden Montag in aller Herrgottsfrühe treffen. Dass Markus Söder, der in der Fraktion seine stärkste Hausmacht hat, an dieser Verfahrensidee nicht ganz unbeteiligt war, gilt als sicher. Treuherzig versichert die Fraktion indes, die Aktion sei mit Seehofer abgestimmt. Viel zu sagen hatte er dabei allerdings nicht.

Warum wurde das Geheimtreffen öffentlich gemacht?

Kaum allerdings war der rebellische Beschluss der Fraktion in den Schlagzeilen, ließ irgendjemand Seehofers Geheimkränzchen in der Staatskanzlei bekannt werden – damit auch die (angebliche?) Kandidatur Herrmanns. Das wiederum stellt die Fraktion vor die Zerreißprobe. Wenn Joachim Herrmann nämlich kandidiert, tut er das in offenem Kampf gegen Markus Söder. Die Anhängerschaften dürften gleich groß sein; Herrmann war vor zehn Jahren selber Fraktionschef, und jetzt ist er als „Mister Sicherheit“ bei den Abgeordneten – und in der Rest-CSU – genauso beliebt wie damals.

Warum „jemand“ dieses Geheimtreffen öffentlich machte (es war nicht das erste, und auch nicht das erste hochrangige in der Staatskanzlei), ist also klar. Pikant ist aber auch, dass Horst Seehofer sich damit selber überholt hat – und seinen eigenen Dreierrat außerdem. Dieser nämlich war ein Rohrkrepierer. Die sonst „dem Horst“ so freundlich gesinnte Barbara Stamm maulte im „Münchner Merkur“: „Ich brauche kein Gremium, ich bin die stellvertretende Parteivorsitzende.“ Es habe kein Treffen der Runde gegeben, und es werde keines geben.

Söder bleibt verdächtig ruhig

Von Theo Waigel und Edmund Stoiber – die sich früher mal Parteivorsitz und Ministerpräsidentenamt teilten, bis Stoiber den anderen vom Hof biss – weiß man sowieso, dass sie einander nicht ausstehen können. Schon vorher hatte heftiger Medienspott den nie seetüchtigen Dreimaster versenkt: Zusammen seien die Herrschaften 227 Jahre alt – und sie wollten über die Zukunft der CSU bestimmen? Einer war während all dieser Chaostage verdächtig ruhig: Markus Söder. Er glaube, dass alles nun von selbst auf ihn zulaufe, sagt man in München. Wenn er sich da mal nicht täuscht.