Nachhaltig leben in Weimar Behaglich wohnen im Haus aus Stroh

Das lasttragende Strohhaus der Architekten Florian Hoppe und Alexandra-Schenker-Primus steht in einem kleinen Dorf nahe Weimar. Foto: Andreas Beetz | studiobeetz.de/Andreas Beetz

Kein Brandschutz, Mäuse in den Wänden und mangelnde Standfestigkeit: Zum Thema Haus aus Stroh gibt es viele Vorurteile. Zwei Architekten aus Weimar haben es trotzdem gewagt und ein Strohhaus gebaut – und das auch noch ohne Heizung.

Digital Desk: Philip Kearney (kea)

Ein Haus nur aus Strohballen und ganz ohne Holzrahmen – hält das? Diese Frage bekamen die Architekten des Weimarer Architekturbüros Ziegelhof Architektur immer wieder von ihren Kunden gestellt. Deshalb entschieden sich die beiden Architekten Florian Hoppe und Alexandra Schenker-Primus dazu, zusammen ein eigenes Haus aus Strohballen zu bauen.

 

Schenker-Primus erinnert sich an die Reaktionen auf den Bau ihres Strohhauses zurück: „Wir wurden extrem belächelt, als wir unser Haus gebaut haben, aber wir wussten, wir können den anderen Menschen die Standfestigkeit nur dann beweisen, wenn wir selbst ein Haus aus Stroh bauen. Keiner sagt: Probiert das doch mit uns aus.“

Lasttragende Strohballen

Zwar ist die Verwendung von Strohballen beim Hausbau in Deutschland heute keine Seltenheit mehr, meist kommt das Stroh allerdings nur als Dämmmaterial zum Einsatz. Wie bei der Holzständerbauweise, wo die Strohballen zwischen die dicken Balken des Holzrahmens gedrückt und verdichtet werden. Anders sieht es beim Doppelhaus von Schenker-Primus und Hoppe aus. Dieses hat keinen Holzrahmen. Hier sind die Strohballen selbst lasttragend.

Die sogenannte lasttragende Strohbauweise ist besonders in der Schweiz und Österreich populär. In Deutschland hingegen wartet sie noch auf ihren Durchbruch. Anders als die Holzständerbauweise, die hierzulande seit 2014 bauaufsichtlich anerkannt ist, ist der Hausbau mit der lasttragenden Strohbauweise nur mit einer Sondergenehmigung des lokalen Bauamtes möglich. So muss die tragende Funktion eines Strohballenhauses gemäß dem deutschen Gesetz von Holz oder einem anderen statisch stabilen Material übernommen werden.

Die Chancen, vom Bauamt eine Sondergenehmigung zu erhalten, stehen laut Schenker-Primus aber gut: „Wir werden bei den Ämtern inzwischen mit offenen Armen empfangen“, sagt die Architektin und merkt an: „Es gibt mittlerweile zahlreiche fundierte Unterlagen und Berechnungen, sodass die Anträge schnell durchgehen.“

Angst als Hauptgrund für Verzicht auf Bauen mit Stroh

Alexandra Schenker-Primus ist der Ansicht, dass der wahre Grund, weshalb die lasttragende Strohbauweise in Deutschland kaum angewandt wird, ein anderer als die fehlende Normierung ist: „Es liegt an der Angst“, so die Architektin. Jeder kenne das Märchen von den drei kleinen Schweinchen, in dem der Wolf das Haus aus Stroh einfach umpustet. Wenn man aber mit Landwirten spreche, dann habe niemand Zweifel an der Standfestigkeit, Tragfähigkeit und Belastbarkeit lasttragendender Strohhäuser.

Der Bauingenieur Christoph Taube von der Bauhaus-Universität Weimar attestiert den lasttragenden Strohballen, die üblicherweise zwischen 0,9 und 1,3 Meter breit und pro Kubikmeter zwischen 140 und 200 Kilogramm schwer sind, eine Traglast von vier Tonnen je Quadratmeter.

Zur Angst tragen laut Schenker-Primus neben dem Märchen über die drei Schweinchen Mythen über unzureichenden Brandschutz und Mäuse in den Wänden bei. Schenker-Primus erklärt, warum die Bedenken unberechtigt sind: „Erstens sind die Strohballen verputzt, sodass die Maus erstmal durch den Putz kommen müsste und zweitens ist der Strohball viel zu fest gepresst, als dass sich die Maus durch diesen ihre Wege bahnen könnte.“

Durch die dichte Komprimierung sei im Inneren der Wände kein Sauerstoff. Sollte die Außenseite der Strohballen anfangen zu brennen, könnte das Feuer aufgrund des Sauerstoffmangels in der Wand gar nicht bis ins Innere der Ballen vordringen, erklärt die Architektin. Zur Veranschaulichung vergleicht Schenker-Primus die Entzündbarkeit des Strohballens mit der eines Telefonbuchs. „Die einzelnen Seiten des Telefonbuchs sind leicht entzündlich, aber im geschlossenen Zustand ist es schwierig, das Telefonbuch anzuzünden.“

Trockenheit und Länge von Strohhalmen entscheidend

Nässe sei ein viel größeres Problem als Feuer. Denn wenn Wasser in das Innere der Strohballen gelangt – beispielsweise durch Regen während des Einbaus der Strohballen – beginnen die Ballen zu gären und zu schimmeln. Für den Feuchtigkeits- und Wetterschutz werden die Strohballen daher von innen und außen mit Lehm oder Kalk verputzt.

Bei ihrem Haus haben sich Schenker-Primus und Hoppe für Stroh aus Weizen entschieden. Die Strohsorte sei jedoch nicht so relevant wie die Tatsache, wie viel Halmverkürzer benutzt wurde. Denn je länger die einzelnen Strohhalme sind, desto stabiler sind sie und desto besser dämmen sie.

Verzicht auf Heizung dank Wärmedämmung

Die Nachhaltigkeit ist für Schenker-Primus einer der großen Pluspunkte des Strohhauses. Der Baustoff kann regional angebaut werden, ist kompostierbar, bindet CO2 und wächst nach. Zudem ist Stroh wärmedämmend – so sehr sogar, dass sich Schenker-Primus und Hoppe dazu entschieden, auf die Installation einer Heizung in ihrem Haus zu verzichten. „Das Haus ist nach Süden hin fast komplett verglast, sodass wir darüber passiv heizen“, erklärt Schenker-Primus.

Während im Erdgeschoss noch ein Ofen steht, gibt es im Obergeschoss keine zusätzliche Wärmequelle. „Die Wände halten die Wärme gut. Auch bei Sturm und Regen ist es drinnen noch wohnlich warm“, sagt die Architektin und merkt an: „Das Strohhaus ist fast ein Nullenergiehaus.“ Dementsprechend gering seien auch die Betriebskosten.

Kooperation mit der Bauhaus-Universität Weimar

Um die Normierung der lasttragenden Strohbauweise voranzutreiben, arbeiten Schenker-Primus und ihre Kollegen von Ziegelhof Architektur mit der Bauhaus-Universität Weimar zusammen. In der Material- und Prüfanstalt der Universität testen sie die Belastbarkeit und Tragfähigkeit von lasttragenden Strohballen im Hochbau. Ziel ist es, wesentliche Grundlagen zur statischen Berechnung der lasttragenden Bauweise mit Strohballen zu erarbeiten, um im nächsten Schritt eine Normierung zu erwirken.

Als Ideallösung sieht Schenker-Primus den Bau von lasttragenden Strohhäusern trotz allem nicht an. „Der Strohbau ist ein Kompromiss, dass man sagt, wenn man ein neues Haus baut, dann wenigstens eins, das kompostierbar ist, aber eigentlich wäre es besser, die bestehenden Häuser zu sanieren.“ Zudem brauche man für den Bau eines lasttragenden Strohhauses viel Platz. Platz, den es vor allem in Städten nicht gibt. Der Strohbau sei daher nur ein Teil der Lösung, wenn es um nachhaltiges Wohnen geht.

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