Nachhaltige Freude in Fellbach Auf der Suche nach einem Geldbeutel-Finder

Wer seine Börse mit Geld und Papieren verloren hat, hofft, dass sich ein ehrlicher Finder meldet. Eine Fellbacherin hat diese schöne Erfahrung gemacht. Foto: dpa/Federico Gambarini

Avanelle Dieterich aus Fellbach möchte sich bedanken: Jemand hat ihr verloren gegangenes Portemonnaie gefunden und dann persönlich nach Hause gebracht. Dabei hatte sie noch gar nichts vermisst. Es ist eine berührende Geschichte.

Rems-Murr: Eva Schäfer (esc)

Es gibt sie auch noch in diesen angespannten Zeiten – diese herzerwärmenden Momente, die einen an das Gute im Menschen glauben lassen. Ein freudiges Lachen ist immer wieder zu hören, wenn Avanelle Dieterich über ihr glückliches Erlebnis berichtet, an dem sie die Leserinnen und Leser unserer Zeitung teilhaben lassen möchte. „Ich habe mich unheimlich gefreut, auch darüber, dass es wirklich noch ehrliche Menschen gibt“, hatte sie unserer Redaktion geschrieben. Avanelle Dieterich hat ihre Geschichte auf Nachfrage gerne ein bisschen ausführlicher erzählt.

 

An einem Morgen hatte sie mit dem Fahrrad einige Erledigungen in der Stadt gemacht. Sehr früh war sie unterwegs gewesen an verschiedenen Stellen im Fellbacher Rathaus-Carrée. Reibungslos sei alles gegangen, sagt sie. Sie sei dann auch bald wieder in ihrer Wohnung in der Wilhelmstraße zu Hause gewesen.

Der Finder kommt persönlich an den Gartenzaun

„Ich war nicht einmal 20 Minuten daheim und ging gerade durch den Garten“, sagt Avanelle Dieterich , „da hat es geklingelt.“ Es stand ein Mann an der Gartentür und hielt ein Portemonnaie hoch. „Ja so was, was will er denn von mir“, habe sie gedacht, erinnert sie sich. „Ich war so perplex und überrascht, dass ich gar nicht reagiert habe“, sagt die Frau aus Fellbach. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte sie gar nichts vermisst, den Verlust ihrer Geldbörse noch nicht bemerkt.

„Dann hielt der Mann auch meinen Personalausweis und diverse andere Papiere hoch“, erzählt die Fellbacherin. Der Unbekannte habe gemeint, ich solle mal nachschauen, es seien sicher noch alle Dokumente enthalten. Er habe den Geldbeutel in der Hinteren Straße gefunden.

Nachdem er das Portemonnaie übergeben hatte, kehrte der Finder auf dem Absatz um, stieg in sein Auto und war weg, erinnert sich Avanelle Dieterich an diesen Donnerstagmorgen im April. Alles sei so schnell gegangen, sie sei so verblüfft gewesen, dass sie gar nicht nach dem Namen des überraschenden Besuchers gefragt habe. Wie viel Glück sie eigentlich hatte, das sei ihr erst im Nachhinein richtig bewusst geworden. Die Erleichterung war groß: Der Geldbetrag in bar war im zweistelligen Bereich. „Doch viel schmerzlicher als das Bargeld wäre der Verlust der ganzen Ausweise und Papiere gewesen“, sagt Avanelle Dieterich. Einige Behördengänge hätte ihr der hilfsbereite Mann auf jeden Fall erspart. Dessen Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit hat die Fellbacherin so berührt, dass sie sich mit einer Tasse Tee an den Tisch setzte, das Erlebnis spontan aufschrieb und an unsere Zeitung schickte. „Ich würde mich freuen, wenn sich viele Menschen an diesem Verhalten ein Beispiel nehmen“, hat Avanelle Dieterich in ihren Notizen an die Redaktion geschrieben. Sie hofft, dass auch der unbekannte Finder von diesen Zeilen erfährt, um sich nochmals herzlich bei ihm bedanken zu können. Gute Nachrichten bereicherten das Leben, davon ist sie auf alle Fälle überzeugt.

Auf Nachfrage erklärt die Stadt Fellbach, was denn am meisten verloren wird. Schlüssel, Geldbeutel, Ausweisdokumente und auch Fahrräder. „In Regel erhalten wir als Fundbüro zwei Geldbeutel im Schnitt pro Monat, teilweise noch mit Geld drin“, berichtet Steffen Hörth vom Einwohnermeldeamt. Auch Bargeld ohne Geldbeutel werde als Fundsache abgegeben.

Wenn man den Besitzer gar nicht ermitteln kann, wenn Dokumente in der Börse fehlen, was passiert dann? Sofern kein Eigentümer festgestellt werden kann und der Eigentümer seinen Anspruch nicht innerhalb von sechs Monaten bei der Behörde geltend macht, kann der Finder Eigentum an der Sache erwerben, erläutert Hörth. Sofern der Finder auf die Sache verzichtet, würden die Gegenstände für eine Versteigerung gesammelt, je nach Zustand auch mal vernichtet oder bei Kleidung etwa an karitative Zwecke gespendet.

Es kommt einiges zusammen bei dem, was offenbar keiner vermisst:„Etwa 50 bis 60 Prozent aller Fundsachen werden nicht abgeholt, vor allem Schlüssel“, teilt Hörth mit. Eine Fundsachenversteigerung sei wieder geplant, ein Datum stehe aber noch nicht fest. Auch bei Polizeirevieren und Dienststellen gehen Fundsachen ein und werden an das Fundbüro weitergeleitet.

Nicht abgeholte Gegenstände werden online versteigert

Sima Karaman, die bei der Stadtverwaltung Waiblingen für Fundsachen zuständig ist, berichtet, dass vor allem Schlüssel und Handys verloren würden. „Etwa drei Mal im Monat landen Geldbeutel mit Geld beim Fundbüro“, teilt sie mit. Wenn man den Besitzer nicht ermitteln kann, wenn Dokumente in der Börse fehlen, was passiert dann? „Wenn der Finder bei Abgabe des Fundgeldes sein Interesse bekundet hat, bekommt er das Geld, wenn es nicht bis zum Ablauf von sechs Monaten vom Eigentümer abgeholt wurde. Bei Nichtabholung wird es letztlich bei der Stadtkasse eingezahlt“, teilt Karaman mit. Rund 20 Prozent der Fundsachen würden beim Fundbüro verbleiben.

Und was macht Waiblingen mit nicht abgeholten Dingen? Wenn der geschätzte Wert über zehn Euro liegt, werden die Fundsachen auch hier versteigert. Es gibt eine Fundsachenauktion im Internet unter sonderauktionen.net. Die nächste startet am Donnerstag, 9. Mai, von 18 Uhr an.

Psychologische Studie mit vermeintlich verlorener Geldbörse

Feldversuch
 Wie ehrlich gehen Menschen mit einer gefundenen Geldbörse um? Macht es einen Unterschied, ob viel oder wenig Geld darin ist? Verhaltensökonomen und -ethiker aus den USA und der Schweiz starteten einen weltweiten Feldversuch. Die Arbeit erschien 2019 im Fachjournal „Science“. In 355 Metropolen in 40 Ländern stellten die Forscher Menschen auf die Probe: Jemand gab vor, eine Brieftasche gefunden zu haben, sei aber in Eile und übergab sie einer fremden Person an einem offiziellen Ort wie einer Rezeption, einer Polizeiwache oder einer anderen öffentlichen Anlaufstelle. Die Brieftaschen waren bestückt mit Visitenkarte, einer Einkaufsliste, einem Schlüssel, mit einem mittleren oder einem hohen Geldbetrag, manchmal auch ohne Geld.

Überraschung
Die Forscher untersuchten, wie oft die Brieftaschen ihren Weg zurück zum vermeintlichen Besitzer fanden. Es gab ein überraschendes Resultat: Je mehr Geld in der Brieftasche war, desto ehrlicher waren die auf die Probe gestellten Leute. Mögliche Begründung: Laut der Studie haben Menschen eine Abneigung dagegen, sich als Dieb wahrzunehmen. Je mehr Geld man sich durch das Unterlassen aneigne, desto größer sei die empfundene Unehrlichkeit.

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