Nachhaltige Möbel Alte Lattenroste werden zu Tischen und Stühlen

Joachim Herzel macht in seiner kleinen Werkstatt aus Altem Neues. Foto: Werner Kuhnle

Joachim Herzel stellt in Ludwigsburg-Poppenweiler nachhaltige Hocker, Regale und anderes mehr her. Die Unikate aus Holz bekommen auf Wunsch sogar eine ganz eigene Note.

Hat man sich in ein neues Bett verliebt und das nötige Kleingeld dafür beisammen, wandert die ausgediente Schlafstatt in aller Regel in den Müll – samt Lattenrost. Wer einmal durch die kleine Werkstatt von Joachim Herzel in der ehemaligen Mühle in Poppenweiler spaziert ist und gesehen hat, was der 65-Jährige alles aus den ausrangierten Hölzer-Ketten fabriziert, wird sich womöglich künftig von dieser Wegwerfmentalität verabschieden. Der Erdmannhäuser haucht den Lattenrosten nämlich neues und ein anderes Leben ein, gestaltet aus den Brettern nachhaltige Möbel.

 

Die Idee dazu kam dem gelernten Maler und Lackierer beim Besuch eines Möbelgeschäfts. „Da habe ich einen Tisch gesehen, der aus feinen, flachen, dünnen Stäben gefertigt war. Da habe ich gedacht: Das könntest du doch auch mal probieren, so etwas herzustellen. Das sieht aus wie Lattenroste“, erklärt er. Herzel fing an zu experimentieren. Daraus entwickelte sich letztlich die eigene kleine Werkstatt, die er knackig-einprägsam „Joes Lattenrosterei“ nannte.

Den Grundstoff für seine handwerklichen Umtriebe erhält er frei Haus. Der Berufsschullehrer kann sich zum Beispiel bei einem Bettenhaus in Backnang bedienen. Das Geschäft müsste ausrangierte Modelle sonst gegen Bezahlung entsorgen lassen. Holt Herzel die Latten ab, fällt dieser Ausgaben-Posten weg. Eine klassische Win-win-Situation. Manchmal melden sich auch Privatleute bei dem Erdmannhäuser, die keine Verwendung mehr für ihren Lattenrost haben. Herzel fährt dann vorbei und lädt die Bretter ein. Der begeisterte Handwerker schlägt auch zu, wenn er zufällig am Straßenrand einen dort zur Entsorgung bereitliegenden Lattenrost entdeckt. Dann klingelt er bei den Besitzern, fragt, ob er die Hölzer mitnehmen darf.

Lattenrost ist nicht gleich Lattenrost

Nachdem er sich intensiv mit der Materie beschäftigt hat, weiß er auch: Lattenrost ist nicht gleich Lattenrost. „Man glaubt gar nicht, was es für unterschiedliche Formen gibt, das reicht von ganz dünn bis richtig dick“, sagt der Kenner.

Schier unglaublich ist auch, was sich alles aus den unscheinbaren Latten zusammenschrauben lässt. Joachim Herzel zimmert schmucke Hocker ebenso wie Stühle mit Lehnen – auf denen man nicht nur sitzen kann. Ein Möbelstück in seiner Werkstatt hat er so gebaut, dass in die Sitzfläche Halterungen eingelassen sind. Dort kann man nun eine oder mehrere Fläschchen Bier abstellen. Tische gehören ebenso zum Portfolio. Dabei verwendet der Tüftler als Platte auch Holzscheiben, die bei der Produktion von Lautsprecherboxen abfallen. Ein echter Hingucker sind zudem die urigen Bänke, die Herzel aus den Lattenrosten erschafft. Oder die Möbel, in denen man alles Mögliche abstellen kann, von der Tasse bis zur Zinnfigur. Neudeutsch würde man Organizer dazu sagen. In dem Segment lässt der 65-Jährige ebenfalls seine Fantasie spielen, bastelt hübsche regalartige Holzelemente zusammen.

Reich wird Herzel von all dem nicht. Zwar muss man als Kunde zum Beispiel für eine Bank rund 350 Euro investieren. Aber berücksichtige man die Arbeitsstunden, die er für die Möbel einsetze, müsste eigentlich ein weitaus höheres Preisschild an den Waren kleben, sagt er. Doch ums Geldverdienen geht es Herzel bei diesem Projekt sowieso nur am Rande. Hauptsächlich möchte der Ruheständler, der aktuell nochmals interimsweise für einen erkrankten Kollegen an der Berufsschule unterrichtet, damit den Gedanken der Nachhaltigkeit weitertragen. „Ich will damit zeigen, dass man nicht alles wegschmeißen und neu kaufen muss. Man kann aus alten Sachen noch frische Produkte herstellen“, erklärt er. Passend zu diesem Ansatz hat Herzel alte Eisbecher zu Gefäßen umgestaltet, in denen man Stifte deponieren kann.

Keiner fällt vom Hocker

Herzel betont, dass es sich bei den Upcycling-Produkten um keine minderwertige Ware handle. „Das ist gute Qualität und nicht irgendwie nur zusammengeschustert“, erklärt er. Stühle, Hocker und Co. seien selbstverständlich stabil. Auf Wunsch erhalten die Möbel sogar eine ganz besondere Note, eignen sich somit unter anderem als Geburtstagsgeschenk. Für einen VfB-Fan kann Herzel zum Beispiel einen Stuhl bauen, der mit Zeitungsartikeln seines Lieblingsclubs überzogen ist. Comic-Liebhaber würden vielleicht die Sitzgelegenheit bevorzugen, die mit Panels aus einem Disney-Werk verkleidet ist.

Herzel schätzt, dass er bislang insgesamt etwa 50 Lattenroste zu Möbeln aller Art weiterverarbeitet hat. Ein bisschen wundert er sich darüber, dass bisher niemand auf die Idee gekommen ist, einen ausrangierten Lattenrost bei ihm abzugeben, um daraus für den Eigengebrauch einen Stuhl oder etwas anderes Neues bauen zu lassen. Dabei wäre das doch eine nette Story: wo man früher darauf geschlafen hat, sitzt man jetzt.

Einen Teil der Arbeiten von Joachim Herzel kann man vom 6. bis 17. November bei einer Ausstellung im Erdmannhäuser Rathaus sehen. Informationen zur Werkstatt gibt es unter www.joeslattenrosterei.de.

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