Samstag, das war immer der Tag. Jedes Mal aufs Neue fuhren sie los. Der Vater mit seinen zwei Söhnen, David, dem älteren, und Julian, dem jüngeren. Beide gingen zu der Zeit noch zur Schule, doch am Wochenende bestiegen sie alle zusammen den Pritschenwagen. Wochenende, das hieß Abenteuer.
„Wir haben spannende Orte betreten und viel gesehen“, erinnert sich David Bloos. Obschon es nicht zu allseits beliebten Ausflugszielen ging – sondern zu alten Häusern. Und vor allem in alte Häuser. Im Inneren gingen die Jungs zusammen mit ihrem Vater auf Schatzsuche. Sie strichen durch das jeweilige Haus, trieben sich in allen möglichen noch so dunklen Ecken herum und fanden Fenstergriffe, Maueranker und Schrauben. Und einmal auch eine Handgranate. Die Fundstücke – einmal abgesehen vom Letzteren – verkauften sie dann auf Flohmärkten, direkt von der Pritsche runter.
Der Vater hat den Laden aufgebaut
Die Woche über ging der Vater Wolfgang Bloos zu der Zeit aber seinem eigentlichen Brotjob nach: Er war Architekt mit Schwerpunkt Altbausanierung – und saß somit nahe dran an der Quelle. Bevor die Bagger und Kräne anrückten, kamen die drei Bloos’. Es ging ihnen dabei jedoch nicht ums Geld, sondern darum, alte Gegenstände zu bergen, zu bewahren, ja zu retten.
Im Jahr 1998 eröffnete Wolfgang Bloos dann einen Baumarkt für historische Baustoffe in Kirchheim/Teck. Er wagte – und gewann. Sein Laden mit dem Namen Kreislauf funktionierte. Die beiden Söhne entschieden sich nach dem Schulabschluss aber gegen das Abenteuer und für das Solide; beide lernten jeweils einen Beruf und arbeiteten dann auch viele Jahre darin. Nur die Samstagsabenteuer blieben auch weiterhin Teil ihres Alltags, sie bargen nun auch alte Türen, wertvolle Holzbohlen oder gut erhaltene Waschbecken.
Als der Vater 2018 in Rente gehen wollte, stand eine Entscheidung der Söhne an – die für den Kreislauf ausfiel: David (43) ist nun zuständig für den Papierkram, Julian (37) für den Verkauf. „Wir wollten das fortführen, was unser Vater aufgebaut hat“, sagt Julian. „Aber wir hätten das keinesfalls gemacht, wenn wir keine Lust dazu gehabt hätten.“
Ihr Antrieb ist derselbe, der auch schon den Vater bewegte: ökologisch nachhaltig zu handeln. „Für jede Türe, die wir bergen, muss ein Baum weniger gefällt werden, für jeden Ziegel, den wir retten, muss ein Ofen weniger angeworfen werden“, sagt Julian Bloos. Doch bei allem Idealismus sind sich die Brüder auch einig, dass sie das Geschäft auch betreiben, weil es funktioniert und sich lohnt.
Der Diamantenhändler aus Schwäbisch Hall
Meistens zumindest. Denn nicht alle geborgenen Schätze finden gleich Absatz im Baumarkt. Manch ein Schatz muss gar zehn Jahre im Ladengeschäft mit seiner Fläche von 2000 Quadratmetern ausharren. Dazu gehörte auch eine alte freistehende Badewanne mit Füßen. Ihr Besitzer war einst ein Diamantenhändler aus Schwäbisch Gmünd. Dieser besaß auf einem Berg eine mehrstöckige Villa. Im dritten und obersten Stockwerk befand sich ein Bad, das erneuert werden sollte. Dafür aber musste erst einmal die 800 Kilogramm schwere Badewanne aus Porzellan weg. Die Treppen runter konnte man sie wegen ihres Gewichts nicht tragen – also wurde kurzerhand das Dach der Villa angehoben und das gute Stück mit einem Kran herausgehoben. Danach stand es eben jene zehn Jahre bei den Brüdern Bloos.
Bis ein illustrer Kunde sich für sie interessierte. Der Gründer einer Fitnesskette entdeckte sie für sich und sein Chalet auf Mallorca. „Ihm ging es um die Originalität – denn bei der Höhe des Preises hätte er sich bei der Firma ein Replikat herstellen lassen können“, sagt David Bloos.
Manchmal ist der Absatz aber auch rasant. So bei einigen alten Weinkäfigen, die die beiden Brüder bei einem alten Gasthof im Lenninger Tal erstanden. „Wir waren uns zunächst uneins, ob das überhaupt was für uns ist“, sagt David Bloos, der eher gegen den Kauf war. Doch sein Bruder setzte sich durch: „Mir war klar, das ist was Seltenes – und dann noch dazu ein großer Bestand davon“. Als solchen bewarben sie die Weinkäfige auch – und innerhalb kürzester Zeit waren sie allesamt weg. Die Käufer waren sowohl Privatleute, die ihre Weinflaschen in einem dekorativen und antiquarischen Schrank lagern wollten, als auch Hoteliers.
Die Bloos’ verkaufen ansonsten weniger Einrichtungsgegenstände, sondern eben Baustoffe. In ihrem Baumarkt an der Dettinger Straße gibt es im Hauptausstellungsraum eine Abteilung für Türen; dort findet sich wohl auch das älteste Stück, das die Brüder derzeit anbieten, eine Fetzentür aus dem 16. Jahrhundert. Eine Fetzentüre ist eine Türe, die mit einem geschmiedeten Blech belegt wird. Es handelt sich dabei um kein homogenes, glattes Blech, sondern sie wird aus verschiedenen Blechfetzen zusammengeschmiedet. Die Türe der Gebrüder stammt aus Italien. „Sie ist etwas Besonderes und sehr hochpreisig, wir wollen sie aber auch gar nicht unbedingt verkaufen“, sagt Julian Bloos. Ein bisschen Sammelleidenschaft kommt eben allenthalben doch durch . . .
Julian und David Bloos wissen, dass das, was sie selbst tief berührt, auch ihre Kundschaft zum Kauf inspiriert. Es sind die Geschichten hinter den Dingen. Woher kommt diese Türe? Wie alt ist sie? Wer hat sie gebaut? Warum ist sie nun hier? Die Kunden suchen in doppelter Hinsicht Gegenstände mit Geschichte. Deshalb machen sich die beiden auch die Mühe, neben den Maßen, dem Material und den Kosten auch etwas zur Herkunft der Ware auf kleinen Schildchen zu vermerken, die an jedem Objekt baumeln.
Eine Orangerie aus alten Fenstern
Gleichwohl werden die Dinge oft zweckentfremdet – die Brüder fungieren dabei auch gerne als Ideengeber. So entstand im Garten eines Schönheitschirurgen aus Rottenburg eine Orangerie aus einer Vielzahl an – aus einer Serie stammenden – alten Fenstern. „Das sind dann echte Highlights, die Gartenanlage war toll, sogar Pfaue spazierten da rum“, sagt Julian Bloos.
Doch weiter im Rundlauf durch den Laden: Vorbei geht es an einer Sammlung aus Schrauben und Türbeschlägen. Sie stammen aus unterschiedlichen Epochen, sind aus unterschiedlichen Materialien und in unterschiedlichen Größen gefertigt.
In der Sanitärabteilung steht auch derzeit wieder eine dickwandige Badewanne aus Porzellan, dazu verschiedene Waschbecken etwa von Villeroy & Boch aus Freiburg oder auch Friseurwaschbecken aus Bad Cannstatt. Es gibt eine kleine Metallabteilung, in der sogar ein altes Fahrrad steht, ein „klassischer Beifang“, wie David Bloos sagt. Dann besagte Fensterabteilung inklusive historischem Vogelhaus – auch so ein Streitobjekt der Brüder. In der Elektrikabteilung gibt es neben Steckdosen und Schaltern auch alte Leuchten, in der mit Haushaltsbedarf gibt es „Kruscht und Keramik“, wie Julian Bloos sagt. Diese sei aber ganz besonders beliebt bei den Amerikanern, die jedes Jahr eigens aus den USA anreisten, um den Kreislauf zu besuchen. „Das sind frühere GIs, die Jahr für Jahr diese Ausflüge organisieren, denn etwas vergleichbares gibt es dort nicht“, sagt David Bloos. In Deutschland allerdings auch kaum: „Es gibt hierzulande nur drei vergleichbare Läden.“ Es gäbe zwar einige Händler, die sich auf einen bestimmten Baustoff spezialisiert hätten, aber eben nur drei Generalisten.
Wenig Laufkundschaft
Es kommt nur recht wenig Laufkundschaft in den Laden nach Kirchheim/Teck. „Vieles geht heute über E-Mails und Fotos – wir haben natürlich einen Onlineshop. Selbst die Angebote kommen oft auf diesem Weg zu uns rein“, sagt David Bloos. Manche kämen aber auch mit der Ware auf dem Dach vorgefahren. Andererseits mussten sie einmal den Laden für die Laufkundschaft schließen, weil sich ein VfB-Fußballer angekündigt hatte, der sich in ganz in Ruhe und unbehelligt umschauen wollte.
Insgesamt seien die Bergungen seltener geworden, früher rückten die Brüder zwei bis dreimal im Monat aus, heute noch einmal in einem halben Jahr. „Die Abrissmentalität hat sich verändert“, sagt Julian Bloos. „Wenn heute eine Genehmigung erteilt wird, ist das Haus innerhalb von ein bis zwei Tagen weg. Da bleibt uns nur wenig Zeit.“
Wenn es aber doch mal wieder auf Tour geht, dann fahren sie vorrangig durch Süddeutschland. Für das, was sie bergen, müssen sie fast immer zahlen: „Die Hausbesitzer wissen, was die Baustoffe wert sind“, sagt David Bloos. So erklärt sich auch der Preis für jede Holzplanke, die sie eigens ausbauen, nummerieren, mitnehmen und vor Ort aufarbeiten – auch ganz nach Kundenwunsch: „Wir stecken da immens viel Geld und Arbeit rein“, sagt David Bloom. „Das Holz ist bei uns gewiss nicht billiger als im herkömmlichen Handel. Aber es ist sehr hochwertig, Holz in dieser Qualität gibt es nicht mehr – denn Holz, das lange Zeit hatte zu wachsen, hat eine andere Dichte und Härte.“
Und so leben die alten, wertvollen Hölzer als Böden, Wände oder Tischplatten weiter – mitunter auch zweckentfremdet als Laufsteg für Models. Ein Kreislauf par excellence.