Nachhaltiges Bauen „Ein Neubau muss auch wieder verschwinden können“

Gebaut wird auch in Zukunft – aber anders, sagt der Experte Peter Mösle. Foto: dpa/Wolfram Kastl

Peter Mösle von Drees & Sommer ist überzeugt, dass recycelbare Neubauten künftig Standard sein werden. Wie dies mit dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum zusammengeht, erklärt er hier.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Vaihingen - Herr Mösle, der Fokus richtet sich in der Baubranche immer mehr auf Urban Mining, also die Stadt als Rohstoffquelle. Werden recycelbare Häuser zukünftig der Standard sein?

 

Definitiv ja. Zum Fahrplan der neuen Bundesregierung gehört ein Gebäuderessourcenpass. Wir von Drees & Sommer machen das in vielen Neubauvorhaben heute schon. Da lernen gerade einige Städte von uns.

Mit recyceltem Beton soll dem hohen Energieaufwand bei der Zementherstellung begegnet werden, aber auch der Rohstoffknappheit. Sind Häuser aus Recyclingbeton auch sicher?

Ja, da braucht man nur in die Schweiz zu schauen. Die Schweiz hat eine Verordnung, die dazu verpflichtet, bis zu 45 Prozent Anteil Recyclingbeton einzusetzen. Im Kanton Zürich ist es sogar schon umgedreht: Wenn ich nicht Recyclingbeton zu einem höheren Anteil einsetze, muss ich begründen, warum. Wenn ich mit renommierten Betonherstellern spreche, sagen die: Uns behindern heute eher die DIN- oder EU-Normen. Bis zu 75 Prozent könnte man sehr einfach Recyclingbeton einsetzen und die gleiche Sicherheit in der Standfestigkeit erzielen. Ich rede jetzt nicht von 200-Meter-Hochhäusern, da gibt es sicherlich noch ein paar andere Themen, aber für den klassischen Bau ist Sicherheit gar nicht mehr die Fragestellung. Was uns auch hemmt, ist, dass die Verfügbarkeit gering ist. Recyclingbeton kann ich nicht von A nach B über Hunderte Kilometer fahren. Das macht auch ökologisch keinen Sinn. Das heißt, wir brauchen dezentrale Strukturen.

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Wie kann das gelingen?

Madaster, eine holländische Plattform, hat sich zum Ziel gesetzt, ein Materialkataster zu erstellen, um Quelle und Verwender zusammenzubringen. In den heutigen kommunalen Katastern fehlen Information zur Materialverfügbarkeit. Wir sind gerade mit einigen Städten dran, so ein Kataster zu etablieren. Das erlaubt Prognosen, welche Rohstoffe wann in welcher Menge verfügbar sind und wo man infrastrukturell Hubs aufbauen müsste, damit man diese echte Kreislaufwirtschaft im Bauen etablieren kann.

Ist Bauen mit Recyclingbeton teurer?

Ganz klar: ja. Jedes knappe Gut ist erst mal teurer. Wenn sich das ändert und sich immer mehr standardisiert, werden die Preise sinken. Und das wird es wohl, weil die Politik jetzt sagt: Wir müssen in die Ressourcenwende kommen und nicht nur in die Energiewende.

Wir brauchen in Zukunft viel mehr bezahlbaren Wohnraum, gleichzeitig wächst der Druck, nachhaltiger zu bauen. Wie geht das zusammen?

Wenn man neue Dinge angeht, sind die in der Regel erst mal teurer. Wir können sozialen Wohnungsbau auch nachhaltig gestalten. Wenn man sieht, wie groß die Subventionen in fossile Energien heute immer noch sind – das ist ja Wahnsinn. Wenn wir dieses Geld verwenden könnten, um die neue Industrie zu unterstützen, käme das Neue sehr viel schneller voran. Wir dürfen nicht Nachhaltigkeit und sozialen Wohnungsbau gegeneinander ausspielen.

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Warum überhaupt noch neu bauen bei all dem Leerstand?

Ich wehre mich, zu sagen, ich darf nicht mehr neu bauen, wenn es dafür genügend Gründe gibt. Wichtig ist, dass wir vor jedem Rückbau oder Ersatzneubau diskutieren: Welche Art von Nutzung sollte da rein, wie viel Bestand können wir maximal erhalten? Dann könnten wir auch den maximalen Mehrwert für Ökologie und Ökonomie rausholen.

Für Ingenieure wie Sie sind Neubauten doch sicher auch Selbstverwirklichung?

Für mich ist klar: Der zukünftige Neubau muss auch wieder komplett verschwinden können, also voll rezyklierbar sein. Die eingesetzten Materialien dienen so als Nährstoffe für eine nächste Generation Neubau oder Sanierung. Wir müssen dahin kommen, dass der Sekundäranteil in Materialien sexy und gut ist und eine hohe Qualität besitzt. Aber es ist doch logisch, dass wir mit der Zeit gehen müssen, wir wollen ja keine Innovationsverhinderer sein.

Zur Person

Drees & Sommer
Peter Mösle, Jahrgang 1969, studierte Maschinenbau und arbeitet seit 25 Jahren bei Drees & Sommer in Stuttgart-Vaihingen.

DGNB
Jüngst wurde Mösle zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ernannt. Diese wurde 2007 gegründet, Mösle ist von Anfang an dabei. ana

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