Es gibt große Reden und zahlreiche Papiere. Es gibt Strategien und Pläne, wie diese umzusetzen sind. Aber manchmal gibt es auch einfach: die Realität.
Und die sah in Stuttgart im vergangenen Jahr kurzfristig mal so aus: Obwohl gerade die Fußball-Europameisterschaft ein Zeichen für Nachhaltigkeit setzen soll, sollten im Rahmen des Umbaus der MHP-Arena die vorgesehenen Solarmodule auf dem Dach der Haupttribüne gestrichen werden. Der Grund: Unwirtschaftlichkeit. Die Kosten für Beschaffung, Montage und Verstärkung der Dachkonstruktion waren von 1,5 auf 3,5 Millionen Euro gestiegen, die erzeugte Kilowattstunde damit deutlich teurer als geplant. Ein Antrag der Grünen im Gemeinderat sorgte am Ende für eine Wende.
1650 Quadratmeter groß wird nun die Solar-Fläche sein, die demnächst – allerdings erst nach der EM – zehn Prozent des Strombedarfs im Stadion decken soll. Auf nachhaltiges Bauen war bereits in der fast zweijährigen Umbauphase der Arena geachtet worden. Unter anderem durch das Urban-Mining-Prinzip, das vorsieht, dass wiederverwertbare Komponenten des Altbaus ausgebaut, verkauft und weiter genutzt werden.
Stuttgart, so war und ist zumindest der Plan, leistet also seinen Teil, damit die Nachhaltigkeitsziele dieser Europameisterschaft erreicht werden können – unter anderem auch durch die hundertprozentige Nutzung von Ökostrom für die vier Fanzonen in der Stadt. Klar ist aber auch: Diese generellen Ziele der Veranstaltung sind ziemlich ambitioniert.
Es geht nicht nur um Umweltschutz
Das Turnier solle „die bislang grünste Europameisterschaft werden“, sagt Andreas Schär, der Geschäftsführer der Euro GmbH von Uefa und DFB. „Wir wollen für nachhaltige Sportgroßveranstaltungen auch in anderen Ländern Standards setzen“, erklärt Philipp Lahm, der OK-Chef. Und Michele Uva, Direktor soziale und ökologische Nachhaltigkeit bei der Uefa, ergänzt: „Durch gezielte Investitionen und Maßnahmen im Rahmen unserer Strategie haben wir die Grundlagen geschaffen, um zu einem Vermächtnis des Turniers beizutragen, das den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung entspricht.“
Kurz vor Turnierstart wurden 100 Maßnahmen präsentiert, die unter dem Thema Nachhaltigkeit gebündelt werden. Das sind alle Aktivitäten der zehn Host Cities, dazu übergeordnete Maßnahmen für alle Fanzones und die Programmpunkte der Bundesregierung.
Dabei geht es nicht nur um Umweltschutz, sondern selbst um Trinkwasser-Spender oder kostenlose Sonnencreme zum Schutz der Besucher. Vor allem sind aber Respekt, Integration, Innovation, Transparenz, Fairness, der Kampf gegen Ausgrenzung, Barrierefreiheit und Kostenbewusstsein weitere Stichworte, die immer wieder genannt werden. Die EM solle „ein Fußballfest für alle Fans sein, bei dem der Sport und die Begegnungen zwischen Menschen aus ganz Europa im Mittelpunkt stehen“, sagt Nancy Faeser, die Bundesinnenministerin und betont: „Wir wollen uns als ein offenes und modernes Land mit einer vielfältigen Gesellschaft präsentieren.“ Es gehe auch um die Bekämpfung von „Rassismus und Diskriminierung im Sport und darüber hinaus“.
Um im Nachhinein zu sehen, ob die ehrgeizigen Ziele erreicht werden konnte, sollen jede Menge Daten gesammelt werden in den kommenden Wochen. Bestimmte Maßnahmen wurden bereits im Vorfeld eingeleitet.
Dass für die EM in Deutschland kein einziges Stadion neu gebaut werden musste, sieht man beim Organisationskomitee schon als nachhaltig an. Zudem habe man bei der Uefa „hartnäckig“ (Lahm) darauf hingewirkt, dass der Spielplan nach anderen Kriterien als bisher gestaltet wird. So gibt es drei regionale Cluster, in denen die 24 Teams jeweils ihre Spiele in der Vorrunde austragen. Damit sollen Reiseaktivitäten der Teams, aber vor allem auch der Fans eingeschränkt werden. Es sei, versichert die DFB-Vizepräsidentin Celia Sasic, „ein Novum bei einem Uefa-Turnier, dass der Spielplan nach Nachhaltigkeitskriterien gestaltet worden ist“.
Die EM als „Partner der Energiewende“?
Inhaber von Karten für eines oder mehrere der 51 EM-Spiele können vergünstigte Zugtickets erwerben. Die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ist mit den Tickets rund um die Spieltage 36 Stunden lang kostenlos. In Stuttgart wirbt man noch mit einem Abfallkonzept in den Fanzonen und mit 800 zusätzlichen Fahrrad-Abstellplätzen rund um die Eventflächen. Bei den Stadtwerken des Landeshauptstadt heißt es, die EM sei „Partner der Energiewende und ein Beispiel für den Einsatz erneuerbarer Energien sowie nachhaltiger Mobilität im Rahmen von Großevents“. Die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart erklärt: „Wir als Host City wollen die negativen Auswirkungen des Turniers auf die Umwelt bestmöglich reduzieren. Ziel ist insbesondere, die Emissionen der Veranstaltung zu verringern.“
Ob all das gelingt, zeigt sich in den Bilanzen nach dem 14. Juli. Dann will die deutsche Elf Fußball-Europameister sein. Und das Turnier Nachhaltigkeits-Weltmeister.