Den Begriff „Abfall“ sollte man eigentlich vermeiden, findet Max Schuchardt. Der Projektleiter der Stuttgarter Bioökonomie-Strategie bevorzugt das Wort „Rohstoff“. Und von denen würden aus Stuttgart noch viele exportiert. Dabei könnte man viele intelligenter nutzen, meint Schuchardt. Etwa Speisefette, Altöle oder auch Phosphor und Stickstoff. Aus alten Ölen, die beim Kochen anfallen und die oft im Abfluss landen, lässt sich beispielsweise Biodiesel herstellen. Und aus Phosphor, das Menschen über die Toilette ausscheiden, kann man Mineraldünger machen.
Doch damit das klappt, braucht es einerseits teils spezielle Anlagen, andererseits den Willen der entscheidenden Personen, solche biologischen und pflanzlichen Rohstoffe zu nutzen. In der Fachsprache nennt man dies Bioökonomie. Die Stadt Stuttgart hat nun als erste Kommune im deutschsprachigen Raum eine Bioökonomie-Strategie vorgelegt. Deutschland und Baden-Württemberg haben solche Strategien bereits.
Keine Feuchttücher in die Toilette
Schuchardt und sein Kollege Florian Sorg, der für Kreislaufwirtschaft bei der Stadt zuständig ist, haben mit acht Fachämtern und Eigenbetrieben (wie der Abfallwirtschaft) 22 Maßnahmen für mehr Bioökonomie erarbeitet. Dazu gehört zum Beispiel eine Kampagne, die Menschen dafür sensibilisieren soll, keine Feuchttücher ins Klo zu werfen. Dazu gehören aber auch dezentrale Sammelstellen für Fette und Öle sowie die Reduktion des CO2-Fußabdrucks bei Beton.
Letzteres gelingt durch die Beimischung von Pflanzenkohle, die beim Verbrennen von Pflanzenmaterial, wie zum Beispiel Gehölzschnitt, anfällt, in Beton. In Österreich wurde dies bereits ausprobiert: Bei dem Bau des Technikgebäudes der Österreichischen Bundesbahnen in Bregenz sei der CO2-Fußabdruck um 47 Prozent reduziert worden, indem 2 Prozent Pflanzenkohle in den Beton beigemischt wurde. „Die Ersparnis ist so groß, weil die Herstellung von Beton extrem aufwendig ist“, erläutert Schuchardt. Bisher sei dieser sogenannte Klimabeton aber nicht in Deutschland erlaubt. In dem Bereich liegen jedoch große Potenziale, da der Bausektor rund 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen verursacht.
Bäume in Stuttgart-West erhalten „Müsliriegel“
Was unterdessen bereits in Stuttgart ausprobiert wird, ist das Einbringen von Pflanzenkohle in Baumbeeten, zum Beispiel an der Seyfferstraße im Westen. Pflanzenkohle sei für Bäume wie ein „Müsliriegel“, sagt Max Schuchardt, trage also zu einem verbesserten Nährstoff- und Wasserhaushalt sowie zur Bodendurchlüftung bei. „Dadurch sterben weniger Jungbäume und Stadtbäume werden klimaresilienter.“
In den kommenden Monaten und Jahren dürften noch mehr der Bioökonomie-Maßnahmen konkret werden. Denn abgesehen von der AfD stimmten in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Klima und Umwelt in Stuttgart alle Stadträte dafür, dass für die weitere Arbeit an der Bioökonomie-Strategie eine Vollzeitstelle außerhalb des Stellenplans genehmigt werden solle.