Nachhaltigkeit in Fellbach Faire „Stadtschocki“ als Motivation
Die Stadt Fellbach wie auch weitere Kommunen im Rems-Murr-Kreis arbeiten weiter auf ihrem Weg zu einer „Fairtrade Town“. Doch der Weg dorthin hat so manche Tücken .
Die Stadt Fellbach wie auch weitere Kommunen im Rems-Murr-Kreis arbeiten weiter auf ihrem Weg zu einer „Fairtrade Town“. Doch der Weg dorthin hat so manche Tücken .
Mit interessanten Statistiken ließ der Verband Region Stuttgart kürzlich aufhorchen: So werden in ganz Deutschland pro Kopf jährlich durchschnittlich 11,5 Kilogramm Schokolade, 150 Liter Kaffee und 16 Kilogramm Bananen verbraucht. Allerdings steckt dahinter in den Anbauländern oftmals eine Entlohnung unter dem Existenzminimum ohne Kinderarbeit oder Aussicht der jungen Menschen auf einen Schulbesuch. Um hier moralisch einwandfrei unterwegs zu sein, haben sich die Vertreter aus dem Großraum Stuttgart das Ziel gesetzt, zur „Vorreiter-Region in Baden-Württemberg“ zu werden.
Doch nicht nur als Fairtrade-Region, sondern auch in den einzelnen Kommunen wird das Label „Fairtrade Town“ immer wichtiger. Nach einer bereits vor einigen Monaten von der Fellbacher Stadtverwaltung veröffentlichten Auflistung sind weltweit in 36 Ländern mehr als 2200 Städte und Gemeinden engagiert, in Deutschland streben 733 Kommunen den Titel an oder haben die Bedingungen bereits erfüllt. Im Rems-Murr-Kreis sind laut offizieller Liste neben Fellbach die vier weiteren Kommunen Backnang, Schorndorf, Winterbach und Weissach im Tal auf dem besten Weg. Das Engagement in diesen Fairtrade-Towns stelle ein wichtiges Instrument der Kommunen zur Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele im Sinne der Agenda 2030 dar, so die Argumentation. Es gehe darum, sich gemeinsam lokal, also auf kommunaler Ebene, für den fairen Handel starkzumachen.
Damit die Lokalpolitiker auch auf den fairen Geschmack kommen, lag zu Beginn der Sitzung als Präsent aus dem Fellbacher Weltladen auf den jeweiligen Tischen eine Tafel Vollmilch-Schokolade, mit dem Schriftzug „Faire Stadtschocki“ versehen. Wobei man sich in Fellbach in Sachen nachhaltige regionale Versorgung auf dem richtigen Weg sieht, wie es das Projekt der Bürgerstiftung unter dem Titel „Gesund aufwachsen in Fellbach“ oder auch das Konzept der Markthalle zeige. Und: „Die Stadtverwaltung selbst setzt bei Geschenken und Bewirtungen auf regionale Produkte und wird dies in Zukunft – wo immer möglich – weiter ausbauen.“
Für eine Einstufung zur Fairtrade Town sind allerdings einige Kriterien zu erfüllen. Neben dem Grundsatzbeschluss des Gemeinderats – in Fellbach erfolgte dies im Oktober 2021 – ist die Bildung einer lokalen Steuerungsgruppe Pflicht. Zu dieser Gruppe gehören in Fellbach auch der Verein für eine gerechte Welt und der Redaktionskreis der Weltwochen. Überdies sollen in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Vereinen und Kirchen Fairtrade-Produkte verwendet werden. So wird beispielsweise ab der Klassenstufe 8 das Programm „Fair macht Schule“ unterbreitet. Und am Gustav-Stresemann-Gymnasium und an der Swiss International School steht ein Fair-o-mat, ein Automat, der keinen elektrischen Strom für Beleuchtung, Kühlung und Münzprüfer benötigt und aus dem man nach dem Münzeinwurf fair gehandelte Snacks erhält.
Eine weitere Bedingung ist allerdings offenkundig nicht so leicht umsetzbar, wie zunächst gedacht. Es geht um das Angebot von gesiegelten Produkten in den Einzelhandelsgeschäften und der Gastronomie. Wie Fellbachs Erster Bürgermeister Johannes Berner vor einigen Wochen im Sozialausschuss erläuterte, war es „unproblematisch“, die vorgegebenen neun Einzelhandelsgeschäfte zu finden: Sämtliche Lebensmittelhändler in der Stadt, die zu größeren Handelsketten gehören, haben mindestens zwei gesiegelte Produkte in ihrem Sortiment.
Als „herausfordernd“ erwies sich in der Stadt am Fuße des Kappelbergs jedoch die Suche nach fünf Gastronomiebetrieben, die die entsprechenden Kriterien erfüllen. „Ein Fairtrade-Siegel zu bekommen, ist für Gastronomen mit einem finanziellen Aufwand verbunden; nur wenige Gäste legen bislang auf diesen Aspekt großen Wert“, sagt Johannes Berner. Deshalb haben etliche Fellbacher Gastrobetriebe zwar Produkte in ihrem Sortiment, die grundsätzlich den Bedingungen für fairen Handel entsprechen, allerdings haben diese Produkte eben nicht das entsprechende Siegel.
Ein „weiterer erfreulicher Grund“ sei, so Michaela Gamsjäger, die das Projekt im Rathaus federführend betreut, dass viele Marktteilnehmer ihre Waren im lokalen und regionalen Umfeld beziehen: „Zertifizierungen für faire Produktionsbedingungen sind bei heimischen Lebensmitteln aber unüblich.“ Eine Ausnahme bildet dabei jedoch offenkundig das „Warensegment Milch“, dort sei mittlerweile auch für Endverbraucher die Zahlung fairer Milchpreise an die landwirtschaftlichen Hersteller ersichtlich.