Nachhaltigkeit Mit Gurkenwasser gegen die Glätte
In Niederbayern und am Münchner Flughafen nutzt der Winterdienst das Abfallprodukt einer Firma – und spart so tonnenweise Streusalz.
In Niederbayern und am Münchner Flughafen nutzt der Winterdienst das Abfallprodukt einer Firma – und spart so tonnenweise Streusalz.
Wenn es eisglatt auf den Straßen ist, dann riecht es mitunter recht säuerlich. So ist das zumindest in Städten und Gemeinden in Niederbayern sowie am Münchner Flughafen. Denn dort sind die Wagen der Straßenmeistereien nicht mit herkömmlichem Streusalz unterwegs, um die Fahrbahnen sicher zu machen und eisfrei zu bekommen – sondern mit einer Flüssigkeit, die man vereinfacht als Gurkenwasser bezeichnen kann.
Das hat mit dem Lebensmittelhersteller Develey mit Hauptsitz nahe München zu tun, das Unternehmen produziert seine Gewürz- und Essiggurken im Werk in Dingolfing, 100 Kilometer nordöstlich von der Landeshauptstadt. Bevor sie ins Glas kommen, müssen die Gurken fermentiert, also haltbar gemacht werden. Dafür wandern sie eine Weile in Sole, sprich gesalzenes Wasser.
Von einem Mitarbeiter aus der Gurkenproduktion kam vor sieben Jahren die Idee, dass man die verwendete Sole nicht teuer und auch wenig umweltfreundlich entsorgen sollte – sondern sie wiederverwertet. „Nachhaltigkeit gehört bei Develey als Familienunternehmen seit vielen Jahren zum Selbstverständnis“, sagt der Prozessingenieur Patrick Biebl. So wandte sich die Firma an das bayerische Verkehrsministerium mit der Idee, die benutzte Gurkensole als Ersatz für das übliche Streusalz zu verwenden. Versuche ergaben, dass das Gurkenwasser bestens für den Winterdienst geeignet ist. Man muss nur noch etwas mehr Salz hinzugeben, dessen Konzentration wird von zehn auf 21 Prozent erhöht. Aus 1000 Tonnen gereinigtem Gurkenwasser entstehen so in einer eigens dafür installierten Anlage 1100 Tonnen fertige Enteisungssole. Diese wirkt bei bis zu minus 18 Grad.
Im Jahr 2021 startete man mit der Belieferung von drei Gemeinden in der Umgebung der Produktionsstätte. Inzwischen sind auch die Winterdienste der Städte Dingolfing, Landau und Landshut mit von der Partie. Die Niederbayern schwören auf ihre Gurkensole, die dem Glatteis den Garaus macht. Develey-Geschäftsführer Michael Durach lobt das Konzept, das zeige, „dass es sich lohnt, wenn Unternehmen und Politik im Dienst der Nachhaltigkeit an einem Strang ziehen“.
Seit 2024 ist auch der Münchner Flughafen als wirklich großes Unternehmen beteiligt, man holt die Sole aus dem nahen Dingolfing ins Erdinger Moos. Dort stehen Tanks und eine Pumpanlage, mit der die Streu-Fahrzeuge gefüllt werden. Die Sole wird auf Straßen und Wegen des Airports verwendet. Auf die Rollfelder kommt sie jedoch nicht, denn Flugzeuge dürfen keinen Kontakt mit Salz haben. Die Fertigung von Anti-Eis-Sole ist durchaus kein kleines Nischenprodukt, sondern hat eine ordentliche Dimension: 180 Tonnen normales Streusalz werden nach Firmenangaben dadurch insgesamt im Jahr eingespart sowie 1,5 Millionen Liter Wasser. Develey-Mitarbeiter Biebl meint: „Das ist pragmatisch, effizient und mit messbarem Nutzen.“
Ein vollständiges ökologisches Kreislaufkonzept kann mit dem Gurkenwasser allerdings nicht erzielt werden. Denn es handelt sich ja weiterhin um Salz, das letztlich auch ins Erdreich abgegeben wird. Es ist aber eine sinnvolle Zweitverwertung als Eisschmelzer.
Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Wasser aus den Gläsern mit Essig- oder Gewürzgurken, in dem meist auch Senfkörner sowie Zwiebel- und Paprikastückchen mitschwimmen, ist als Ersatz für Streusplit oder -Salz gänzlich ungeeignet. Denn das hat viel zu wenig Salz. Wer es vor den Eingang oder auf den Gehweg kippt, bewahrt damit niemanden vor bösen Ausrutschern.