Nachhaltigkeit Öko-Label für Geldanlagen gefordert

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Bislang fehlt es an einheitlichen Mindeststandards für nachhaltige Finanzprodukte. Eine EU-Expertengruppe will das ändern. Das soll Anlegern die Orientierung erleichtern – und mehr Geld in Klimaschutzprojekte lenken. Brüssel sieht einen Investitionsbedarf von 180 Milliarden Euro jährlich.

Viele Menschen wollen ihr Geld nicht nur rentabel, sondern auch sinnvoll anlegen. Foto: dpa
Viele Menschen wollen ihr Geld nicht nur rentabel, sondern auch sinnvoll anlegen. Foto: dpa

Frankfurt - Experten aus Finanzwirtschaft, Wissenschaft und Umweltschutzorganisationen fordern ein EU-Label für nachhaltige Geldanlagen. Der Markt sei gegenwärtig sehr unübersichtlich, kritisierte die von der EU-Kommission eingesetzte Expertengruppe am Mittwoch. Die Kommission solle deshalb ein Gütesiegel für solche Finanzprodukte entwickeln. Zwar gebe es in Europa schon heute mehr als 1000 Investmentfonds, die als nachhaltig beworben würden. Dahinter stünden aber ganz unterschiedliche Definitionen von Nachhaltigkeit.

Die Expertengruppe fordert daher in einem ersten Schritt die Festlegung eines Mindeststandards, dem künftig jeder als nachhaltig bezeichnete Fonds auf dem europäischen Markt genügen müsse. Um das EU-Gütesiegel zu erhalten, müssten die Anbieter noch weitere Kriterien erfüllen. Fonds dürften mit diesem Siegel nur ausgezeichnet werden, wenn sie auf Investitionen in fossile Brennstoffe verzichteten und Menschenrechtsverletzungen durch die Unternehmen in ihrem Portfolio ausschließen könnten. Daneben sollte ein hohes Maß an dezidiert umweltfreundlichen Investitionen vorgeschrieben werden, empfahl die Expertengruppe.

Verbraucherschützerin sieht Nachbesserungsbedarf

„Diese Kriterien sollten für alle nachhaltigen Fonds gelten, nicht nur für die mit Gütesiegel“, sagte dazu Ulrike Brendel, Expertin für sozial-ökologische Geldanlage bei der Verbraucherzentrale Bremen. „Das A und O sind für uns die Mindeststandards.“ Diese dürften nicht „ganz unten angesiedelt werden mit dem Argument, dass es ja zusätzlich noch ein freiwilliges Gütesiegel gibt“.

Grundsätzlich begrüßte Brendel aber, dass die EU-Expertengruppe überhaupt einen Mindeststandard empfehle: „Das fordern wir Verbraucherschützer in Deutschland schon seit Jahren, und es bewegt sich nichts.“

Skeptisch äußerte sich die Verbraucherschützerin wie auch die Expertengruppe zu Überlegungen der EU-Kommission, Banken bei der Finanzierung umweltfreundlicher Projekte niedrigere Sicherheitspuffer zu gestatten. Sollte es derartige Ermäßigungen geben, so müsste eine Untergrenze eingezogen werden, um die Entstehung einer „grünen Blase“ zu verhindern, heißt es im Bericht der Expertengruppe. Auch der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold betonte: „Grüne Investitionen dürfen nicht durch unberechtigte Privilegien bei den Eigenkapitalvorschriften von Banken und Versicherungen subventioniert werden.“

Klimawandel als Geschäftsrisiko

Für sinnvoll hielte Verbraucherschützerin Brendel allerdings den umgekehrten Weg – nämlich klimaschädliche Investitionen dadurch zu bestrafen, dass Finanzinstitute dafür besonders viel Eigenkapital vorhalten müssen.

Ein verwandter Vorschlag wird bereits im Europaparlament diskutiert: Der baden-württembergische SPD-Abgeordnete Peter Simon hat im Rahmen der Überarbeitung einer Richtlinie zur Bankenregulierung vorgeschlagen, die Institute sollten in ihr Risikomanagement künftig auch „klimagebundene Risiken“ einbeziehen. Gemeint sind damit weniger Gefahren durch die globale Erwärmung als vielmehr finanzielle Risiken durch Investitionen, die etwa durch Klimaschutzauflagen an Wert verlieren könnten.

Aus ähnlichen Erwägungen fahren einige Großinvestoren, darunter der norwegische Pensionsfonds, ihre Investitionen in Kohlekraftwerke und Bergbaukonzerne bereits zurück. Ein mahnendes Beispiel dafür, wie gesellschaftlich umstrittene Geschäfte auch finanziell unattraktiv werden können, ist der deutsche Atomausstieg.

Die EU-Kommission will die Arbeit der Expertengruppe als Grundlage für einen Aktionsplan nutzen, der im März vorgelegt werden soll. Nach Schätzungen der Brüsseler Behörde müssen europaweit jedes Jahr rund 180 Milliarden Euro in Klimaschutz-Strategien wie Wärmedämmung, erneuerbare Energien und saubere Autos investiert werden, damit der Kohlendioxid-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent sinkt. Dazu hatte sich die EU bei Abschluss des Pariser Klimaschutzabkommens verpflichtet. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nachhaltige-geldanlage-riestern-mit-gutem-gewissen.9e5d4afd-1b14-4e1d-a26b-16338a4b4fc0.html