Beim Fleischverzicht geht es in diesem Fall um keine Ernährungsdoktrin, keine Tierethik und erst recht keine religiöse Askese, sondern schlichtweg ums CO2, das bei der Produktion dieses tierischen Lebensmittels in rauen Mengen emittiert wird. Deshalb war die Fastenwoche im Herbst ein Teil der Nachhaltigkeits-Challenge der Stadtwerke Esslingen (SWE) in Zusammenarbeit mit ES-TV und Eßlinger Zeitung. Exemplarisch stellte sich die Wendlinger WG der soeben bestandenen Herausforderung, die in drei weiteren Wochen Enthaltsamkeit von anderen CO2-Treibern gefordert hatte.
Eine Woche ohne Auto
Zum Beispiel eine Woche ohne Auto, dessen Nutzung den persönlichen CO2-Fußabdruck noch um einige Schuhnummern mehr wachsen lässt als Schweinehals und Co. Hier zeigt sich ein ähnliches Bild, allerdings ohne einen Bekehrungseffekt. Vier der WG-Mitglieder fahren sowieso nicht Auto, einer fährt gelegentlich, zwei regelmäßig. Zu ihnen zählt Ria, und diesmal ging für sie das Selbstexperiment anders aus: dauerhafte Autoabstinenz? Auf gar keinen Fall! „Ein Zurück zu Bus und Bahn kann ich mit nicht vorstellen“, sagt sie. Die Fahrt mit Alice zur Hundeschule hat sie in der Woche gleich mal gecancelt („zu kompliziert“). Auch für Simone geht ohne fahrbaren Untersatz wenig: „Ich bin in der Woche ziemlich verhockt. Auf Dauer ist das keine Option.“ Und Gelegenheitsfahrer Patrick meint: „Wenn man statt 20 Minuten anderthalb Stunden braucht, ist das zwar machbar, aber es nervt.“
Was lernen wir daraus? Eine Binsenweisheit: Die Zumutungen eines nachhaltigen Lebensstils kommen individuell höchst unterschiedlich an. Was für die einen Normalität ist – ohne Fleisch, ohne Auto –, stellt für andere unüberwindliche Hürden dar. Das dürfte im großen gesellschaftlichen Ganzen ebenso gelten wie im Mikrokosmos der Wendlinger WG mit ihren 23 bis 28 Jahre alten Mitgliedern, die das gesamte Tätigkeitsspektrum dieser Altersgruppe repräsentieren: Auszubildende, Studierende, Berufstätige. „Nachhaltigkeit war für uns schon vorher ein wichtiges Thema“, sagt Patrick. „Deshalb haben wir bei der Challenge mitgemacht. Aber wir wissen auch, dass jede und jeder von uns Nachhaltigkeit auf unterschiedliche Weise lebt. Ob man zum Beispiel so einfach aufs Auto verzichten kann, hängt auch von den täglichen Wegen ab, die man zurückzulegen hat. Diese unterschiedlichen Ansätze und Bedürfnisse wollten wir mal auf einen Nenner bringen.“
„Coole Gemeinschaftsaktion“
Es sei eine „coole Gemeinschaftsaktion“ gewesen, sind sich die WGler einig – und nicht zuletzt lockte auch der Preis nach vollbrachter Entbehrung, nämlich zwei Jahr Gratis-Ökostrom von den SWE.
Dass der Stromanbieter auch eine Challenge-Woche Sparsamkeit gegenüber dem eigenen Produkt anordnete, mag man als Indiz werten, dass es dem kommunalen Unternehmen ernst ist mit der Nachhaltigkeit. Und diese Woche war ausnahmslos für alle sieben Beteiligten in der WG die mit Abstand härteste, sagt Simone. Gefordert war der Verzicht auf elektronische Medien: weder Smartphone noch Handy, kein Fernseher, kein gestreamtes Filmchen, dafür die bange Frage, ob es sie überhaupt noch gibt, die Außenwelt, die wir nur noch durch elektronische Vermittlung kennen. Genau das, so Patrick, sei eine wichtige Bewusstseinserfahrung gewesen: dass eine Realität existiert neben dem virtuellen Reich der Sinne. Simone hat die Natur-pur-Konsequenz daraus gezogen und ist in der Woche handylos zum Zelten gegangen. Die anderen haben erlebt, dass der gemeinsame Spieleabend spannender sein kann, als sich mit dem Display unter der Decke zu verkriechen. „Für mich kam das etwas zu schnell, vor allem der Handy-Entzug“, sagt Ria, stellte aber auch fest: „Man hat plötzlich mehr Zeit für sich selbst.“
Trinkbares aus dem Wasserhahn
Schließlich galt es noch, eine Woche lang allen Getränken in Gefäßen, Flaschen und Verpackungen zu entsagen, also sich ausschließlich aus dem Wasserhahn mit Trinkbarem zu versorgen. Was das mit CO2 zu tun hat? Transport, Produktion und Reinigung der Behältnisse blasen eine bedenkliche Dosis des Luftschadstoffs und seiner Äquivalente in die Atmosphäre. Auch diese Herausforderung ging die WG hart an: „Wir trinken alle gern ein Feierabend-Bier“, sagt Patrick. Einladungen zum Feiern musste man ausschlagen, und Simone hatte im Supermarkt bereits eine Flasche Saft in der Hand, als ihr die Regel der Challenge einfiel. Aber an Ideen fürs stille Wasser fehlte es nicht: „Wir haben es zunächst mit Zitronenspritzern schmackhafter gemacht und sind dann sehr kreativ geworden“, sagt Ria.
Flaschenverzicht forever kommt wohl nicht in Frage. Aber heilsam sei die Erfahrung, sagt Patrick, dass es auch ohne geht – und wenn nicht ohne, dann doch mit weniger, auch beim Fleisch, beim Auto, bei Medien. Die Wertschätzung für die Dinge sei gestiegen, sagt Simone, ebenso „das Bewusstsein für Energie- und Ressourcenverbrauch“. Eine ganz andere Energiequelle haben die Sieben gern und nachhaltig angezapft: „Die Challenge hat uns zusammengeschweißt.“
Die Challenge
Nachhaltigkeit
Sinn der Übung war es, den eigenen CO2-Fußabdruck zu verkleinern – durch stromsparende Medienabstinenz, emissionsmindernden Autoverzicht, reinen Leitungswasserkonsum ohne Getränketransport und fleischlose Ernährung als Absage an CO2-intensive Fleischproduktion.
Dokumentation
Jeweils ein kurzer Videofilm pro Woche, der über die Website der Stadtwerke Esslingen zu sehen war, brachte die Aktion an die Öffentlichkeit.