Nachruf auf Alain Delon Ein Engel und ein Ekel

Alain Delon 2019 in Cannes Foto: AFP/CHRISTOPHE SIMON

Er war einer der großen Stars des französischen Kinos und eine prägende Figur des europäischen Films. Im Privaten allerdings war ihm keine Liebe wirklich heilig, kein politischer Spruch zu dumm. Aber seine Fehler werden in Vergessenheit geraten und seine Schauspielkunst wird bleiben.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Muss ein Schauspieler im Privaten ein guter Mensch sein? Kann er es überhaupt? Böse Zungen würden jetzt behaupten, das sei grundsätzlich unmöglich: Grundgute Menschen könnten keine guten Schauspieler sein; zum überzeugenden Spiel gehöre nun mal die charakterliche Anlage zum Täuschen und Blenden, das Springen von Rolle zu Rolle, zudem die permanente Unzufriedenheit mit sich selbst aus Angst vor dem künstlerischen Scheitern, die sich dann entweder in Hysterie oder in Überheblichkeit äußere. Alles keine Eigenschaften, die privaten Umgang angenehm gestalten.

 

Stellen wir also gleich eingangs fest: Privat war Alain Delon, der am Sonntag im Alter von 88 Jahren in seinem Haus in Douchy, einer Ortschaft rund 150 Kilometer südöstlich von Paris, gestorben ist, wohl kein guter Mensch. Aber er war ein grandioser, ein stilbildender Schauspieler. Ein Film-Künstler für die Film-Ewigkeit. Das sind die zwei Seiten dieser Nachruf-Medaille.

Politisch ganz rechts

Die eine Seite: Delon als großzügiger Nachrichtenlieferant nicht nur für die Feuilletons, sondern auch für die Skandalpresse. Dramatisch gescheiterte Beziehungen (etwa zu Romy Schneider), Alkohol, nie ganz aufgeklärte Verbrechen im nahen privaten Umfeld, schließlich traurige Bilder eines zusehends angeschlagenen, alternden Mannes voller Selbstgerechtigkeit fütterten zuverlässig die Mühlen des Boulevards. Auch seine politischen Ansichten waren unappetitlich. Mit dem Rechtsaußen und Antisemiten Jean-Marie Le Pen war er befreundet. Dessen Tochter Marine fand er „große Klasse“, eine „geborene Präsidentin“, Schwule dagegen „widernatürlich“. Und Muslime bewertete er grundsätzlich als Gefahr. Mit all diesen Äußerungen war er prominenter Teil jenes gesellschaftlichen Klimas, das jüngst im Nachbarland beinahe zu einem ersten großen Wahlsieg des Rassemblement National geführt hätte.

Aber die privat-politische Malaise ändert nichts daran, dass Alain Delon einer der großen Stars des europäischen Kinos war, dass er mit dem 2021 verstorbenen Jean-Paul Belmondo die Schauspieler-Champions-League des französischen Films in den Sechziger-, Siebziger-, Achtzigerjahren bildete. So wie Belmondo: ein Bild von einem Mann. So wie Belmondo: ein großartiger Charakterdarsteller, der selbst mittelmäßige Produktionen noch interessant machen konnte. Und so, wie Belmondo 1960 in Jean-Luc Godards „Außer Atem“ ikonische Kinobilder für die Ewigkeit geschaffen hat, schrieb Delon 1967 als einsamer Profikiller Jef Costello Filmgeschichte. Er war, ist und bleibt für alle, die das Kino lieben, „der eiskalte Engel“.

Im Film lächelte er fast nie

Tagelang soll „Engel“-Regisseur Jean-Pierre Melville bei den Dreharbeiten mit seinem Star diskutiert haben, mit welchem Gesichtsausdruck Costello am Schluss des Films im Kugelhagel der Polizei stirbt. Man einigt sich darauf, dass der Gangster keinerlei Gefühlsregung zeigt; schließlich lautet der Filmtitel im Original „Le Samurai“. Daraus erwächst ein geflügeltes Wort, das später noch häufig in den Filmkritiken zu lesen sein wird: „Alain Delon lächelt nie.“

Die Kehrseite dieser Charakterstudie liefert Delon neun Jahre später in seinem schauspielerisch vielleicht besten Film, einem Werk des amerikanischen Regisseurs Joseph Losey – in einer dichten und beängstigenden Studie über die schrecklichen Folgen der Ausgrenzung, der Minderheitenhatz und des Gewinnbürgertums: „Monsieur Klein“. Delon verkörpert einen Kunsthändler im besetzten Paris des Kriegsjahres 1942, der skrupellos die Not reicher Juden ausnutzt, die ihre Besitztümer verscherbeln müssen, um Geld für die Flucht zu bekommen. Und so, wie Jef Costello einst völlig ruhig und emotionslos seine Killeraufträge erfüllte, so treibt Delon hier seine ihm hoffnungslos ausgelieferten Kunden in die Verzweiflung, um sich selbst ein luxuriöses Leben nebst schöner Geliebter finanzieren zu können.

Monsieur Klein resigniert

Dann allerdings gerät Klein unter Verdacht, selbst ein Jude zu sein; nie erklärt der Film genau, nie versteht Klein, wie es zu dieser Verwechslung eigentlich kommen konnte. Eigentlich ist diese Geschichte eine Groteske: Es muss doch einem erfolgreichen, energischen, alerten Mann möglich sein, einen derart durchschaubaren Irrtum zu berichtigen! Doch zum Schluss sehen wir Monsieur Klein in einem Eisenbahnwaggon, eingepfercht zwischen vielen Menschen, auf dem Weg in die Vernichtung. Und Delon zeigt sich in dieser alle Maße sprengenden Szene wieder als schöner Engel – aber nicht mehr eiskalt, sondern schlicht und vollkommen resigniert.

Woher solche Gaben? Sehr schwierig sind Delons erste Lebensjahre. Sceaux heißt die Stadt in der Ile de France, wo er 1935 geboren wird. Er wächst bei Pflegeeltern auf, mehrfach von Schulen verwiesen, landet im Internat, lernt den Metzgerberuf, kämpft zwei Jahre in Indochina, wo die Franzosen Anfang der Fünfzigerjahre versuchen, ohne Rücksicht auf Verluste ihre asiatischen Kolonien zu verteidigen. In dieser Hölle beginnt übrigens auch seine Freundschaft mit dem Soldatenkameraden Le Pen.

Er war der erste Mr. Ripley

Zurück in der Heimat und in Gelegenheitsjobs, führt ihn die Beziehung mit einer Schauspielerin in Pariser Filmkreise. Ein Talentsucher wird auf sein hübsches Gesicht und seine gute Figur aufmerksam. Sein erster Film trägt 1957 den deutschen Titel „Die Killer lassen bitten“, es folgen sechs Jahrzehnte praktisch ununterbrochenen künstlerischen Schaffens. In der Liste finden sich Hauptrollen mitten aus dem Kern des europäischen Kinos: „Nur die Sonne war Zeuge“; 1960 die erste Verfilmung von Patricia Highsmiths „talentiertem Mr. Ripley“. Dann „Rocco und seine Brüder“, „Der Leopard“, zwei Meisterwerke von Luchino Visconti. 1970 die gemeinsame Arbeit mit seiner Lebensgefährtin Romy Schneider in der Dreiecksgeschichte „Der Swimmingpool“.

Egal, in welchem Film Delon in den Siebzigerjahren mitwirkt – „Vier im roten Kreis“, „Scorpio, der Killer“, „Der Clan der Sizilianer“ –, jeder wird auch in Deutschland zum Kassenschlager. Und immer, wenn die Kritiker zu mäkeln beginnen, nun sei Delon wohl doch eher zum Genrestar abgestiegen, dreht er seine Karriere völlig souverän zurück in Richtung große Kunst: siehe oben, „Monsieur Klein“.

Eine Goldene Ehrenpalme in Cannes als Krönung

Natürlich trat er irgendwann auch in TV-Serien auf, natürlich ließ er sich irgendwann auch für ein, zwei Hollywood-Blockbuster buchen, natürlich versuchte er sich irgendwann auch als Popsänger, natürlich sahen wir ihn 2008 auch noch als Cäsar in einer „Asterix“-Verfilmung. Nicht alles davon musste man miterlebt haben, schon gar nicht seine immer eitleren und selbstgefälligeren Auftritte in der Öffentlichkeit. Mais voilà. Zu einem Oscar hat es für Delon nie gereicht. Aber einen letzten ganz großen Auftritt gab es 2019 bei den Filmfestspielen in Cannes, wo Delon mit der Goldenen Ehrenpalme ausgezeichnet wurde.

Danach häuften sich wieder die schlimmen Nachrichten. Der Star litt an den Folgen eines schweren Schlaganfalls. Eine Pflegerin wurde beklagt, dies materiell auszunutzen. Es gab heftige Nachlass-Streitigkeiten mit den Kindern. Bei einer Hausdurchsuchung im Februar fand die Polizei Waffen und Munition im guerillakriegsfähigen Ausmaß. Und so sind wir wieder am Anfang dieser Geschichte: Muss ein Schauspieler auch ein guter Mensch sein? Alain Delon konnte das offenbar nicht sein. Zu rühmen ist aber unbestreitbar seine Schauspielkunst. Die große Kultur- und Filmnation Frankreich wird trauern. Vollkommen zu Recht.

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