Nachruf auf Alfred Brendel Ein Pianist von allerhöchsten Gnaden

Der Pianist Alfred Brendel Foto: /Imago/Gianluca Battista

Unter den Intellektuellen am Klavier war er der Feinfühligste: Zum Tod des großen Pianisten und Nachdenkers über Musik, Alfred Brendel.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Nordmähren, Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Aus der Erinnerung sieht, nein, hört Alfred Brendel immer noch den Ort Wiesenberg, wo er 1931 geboren wurde: nämlich einen Hund bellen (vor dem er Angst gehabt hat, denkt er), und eine Kinderfrau, genannt die „Milli-Tant“. Sie singt Volkslieder, die der junge Alfred alsbald auswendig kann. Die ersten Eindrücke, die bleiben, sind vokaler Natur – Stimmen, Geräusche. Akustisches – auch aus der Konserve.

 

Als die Eltern mit ihrem einzigen Kind auf die dalmatische Insel Krk ziehen, um ein Hotel zu leiten, nimmt der Bub den Plattenspieler in Beschlag, zieht ihn auf und bestimmt das Programm.

„Ob blond, ob braun....“

Es singen Jan Kiepura und Josef Schmidt, „Wenn du untreu bist“ oder „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau’n“, und der junge Brendel fällt munter ein: „Ich stand daneben, sang mit und dachte, das kann ich auch“, hat er im Gesprächsband „Ausgerechnet ich“ (erschienen 2006 im Münchner Hanser Verlag) erzählt.

Was den Inhalt der Reminiszenz betrifft sowie den Duktus, in dem Brendel sie verbreitete, ist es eine sehr britische Geschichte, nicht nur in puncto Selbstironie. Tatsächlich war Brendel schon ein echter Musikant, bevor er überhaupt wusste, dass er Musiker werden könne. Mit sieben Jahren hatte er einen ersten Walzer komponiert, zu dem sich tanzen ließ.

Mit 17 Jahren schließlich steuerte er bei einem Fugen-Marathon in Graz eine Sonate plus Doppelfuge bei und war auch anderweitig noch als Künstler präsent: In der Steiermark wurden überdies Brendelsche Aquarelle ausgestellt. Später kam das Schreiben hinzu – unter vielem anderen der legendäre Band „Nachdenken über Musik“, wie eine Aufsatzsammlung von 1978 heißt, noch schöner auf Englisch, die Sprache, in der Brendel schrieb, seitdem er in London wohnte – „Thoughts and Afterthoughts“.

Aus dem Kind des vergangenen Habsburger Vielvölkerstaats war längst ein Brite mit besonderem Format geworden – so leicht verschroben, dass man seine Marotten stets unter dem Begriff leise Exzentrik subsumieren mochte: Hochempfindlich zum Beispiel war bereits der mittlere und wurde erst recht der späte Brendel gegenüber notorischen Hustern im Publikum. Mit Abstand wurden sie später in Brendelschen Miniaturen literarisch vorgeführt.

Er spielte Haydn wie kein anderer

In solchen Momenten fühlte er sich zutiefst gestört bei der Kontaktaufnahme mit einem Werk, das durchs intensive Hineinhören im Moment immer wieder anders entsteht. Wie nuancenreich das war und wurde, erkennt, wer Alfred Brendel wiederholt dieselben Werke von Haydn, Beethoven, Schubert, Liszt, Busoni oder Alban Berg spielen hört. Man spürt, dass die Stücke – von der h-Moll Sonate (Liszt) bis hin zur Sonate für Klavier Opus 1 (Berg) – beständig neue Energien aussenden – und dass Brendel diese seismografisch aufnimmt, bündelt und wieder ausstrahlt.

Ausgebildet beim legendären Eduard Steuermann (seinerseits Schüler von Arnold Schönberg) und Edwin Fischer, ist Brendel nie einem Kreis zuzurechnen gewesen, dafür durchbrach er zu gerne klassische Linienführungen. Von Anfang an war er ein selbstverfasster Kopf – nicht von ungefähr erkannte er sehr früh das Undogmatische (und den Humor) bei Joseph Haydn, dessen Sturm-und-Drang-Sonaten Brendel allein so spielte, wie sie wohl gehören: „funny“, wie er das nannte. Im Wortsinn selber steckt ein doppeltes Moment, das hier Gestalt wurde. Einerseits Komik, andererseits ein Klima der Beunruhigung. Für solche Spiegelungen hatte Alfred Brendel ein besonderes Faible.

Auch als Buchautor herausragend

Keinen Sinn hingegen mochte er darin sehen, sich mit der eigenen Auffassung und blanker Willkür über die Idee des Werks hinwegzusetzen, was ihn in lebenslange Opposition zu Glenn Gould brachte. Hingegen hielt er es mit Wilhelm Kempff und Alfred Cortot, die ebenfalls davon ausgingen, dass eine Interpretation etwas Neues sein könne, ohne der Vorlage zu widersprechen.

Gewalt, getarnt als Artistik, war ein Mittel, das für Brendel absolut nicht in Frage kam. Im Zweifelsfall war er der Meinung, dass ein Stück – wenn es nur subtil genug angeschlagen wird – sich von selbst spiele. Wenn er richtig deutlich werden musste, zitierte er Alfred Polgar: „Nicht der Schauspieler spielt die Rolle, sondern die Rolle spielt den Schauspieler.“ Gewappnet fühlte sich Alfred Brendel auch schwierigsten Herausforderungen gegenüber, weil er durch und durch – und gern! – Musiker war. Einerseits schwamm er (als Solist) im Meer, andererseits half er es salzen: Wenn Brendel auf dem Papier gescheit über Musik nachdachte, schrieb er „so einfach wie möglich, aber nicht einfacher“, also wiederum sehr englisch. Hintertüren blieben reflexionshalber stets offen, Seitenwege bewahrten ihren Reiz. Aber nie kam Alfred Brendel vom Thema ab – und wenn, musste man einfach lachen. What a man!

Er wurde zum Londoner

Von 1970 an wohnte er, wie gesagt, in der englischen Hauptstadt, von wo aus er immer wieder als Wanderer aufbrach, um der Welt Brendelsche Momente zu schenken: Wenn er auftrat, widerfuhr dem jeweiligen Komponisten immer Gerechtigkeit – und trotzdem war der Situation oft der Ernst heiliger Handlungen genommen, wie sie sich lange eingebürgert haben im Klassikbetrieb. Jeden Abend ging es ums Ganze, aber nie ging es um alles, denn dass die Welt aus mehr als Tönen besteht, wusste Alfred Brendel natürlich sehr wohl, und weil er so war, wie er nun mal war, ging er nach dem intelligenten Infight mit der Vorlage im Konzert einfach wieder ein Stückchen auf Distanz: zur Musik und zur Welt an sich.

Immer bereit zu loben, wo gelobt werden musste, aber auch durchgängig auf die Dosierung des Lobs achtend, geriet Brendel Anfang der neunziger Jahre für seine Verhältnisse schwer ins Schwärmen über einen jungen amerikanischen Pianisten taiwanesischer Abstammung, Kit Armstrong, den er hatte spielen hören. Brendel wurde sein Lehrer, und wenn man Kit Armstrong (Jahrgang 1992) heute hört (mit Bach oder Ligeti oder Armstrong, denn Komponist ist er auch noch), muss man sagen: Das merkt man – und es hat sich gelohnt.

Schluss hieß Schluss

Im Jahr 2008 schließlich setzte Alfred Brendel einen Punkt hinter seine Konzertpianistenkarriere, stilvoll mit Mozart unter Sir Charles Mackeras im Wiener Musikverein. Dabei blieb es. Schluss hieß Schluss. Den Diskussionspodien dieser Welt freilich blieb Alfred Brendel, ein gleichermaßen konziser wie kauziger Analyst jedweder musikalischen Lage – nota bene Schieflage – erhalten, und wenn er damit fertig war, hatte er immer noch eine skurrile Story im Ärmel, aus dem er sie dann auch zog.

Mit Alfred Brendel ist also jetzt im Alter von 94 Jahren in London nicht nur ein Pianist von allerhöchsten Gnaden gestorben, sondern auch ein Unikum. Die musikalische Welt verliert ein wirklich unvergleichliches Temperament.

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