Nachruf Claus Peymann Der Mann, der immer nur eins machte: Theater

Claus Peymann im Jahr 2000. Foto: dpa

Es gab viele herausragende Theaterregisseure in Deutschland, aber es gab und gibt niemanden wie Claus Peymann. Auch in Stuttgart hat er Geschichte geschrieben.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Er konnte witzig sein. Er konnte mitreißen. Er konnte überzeugen. Er konnte überreden. Er konnte die Welt erklären. Er konnte ungerecht sein. Er konnte rumbrüllen. Er konnte pöbeln. Er konnte mitfühlen. Er konnte gut erzählen. Er konnte parodieren. Er konnte überheblich sein. Er konnte unausstehlich sein. Er konnte den Blick ganz weit nach vorn richten. Er konnte ein Abgrund sein. Er konnte leise sein. Er konnte laut sein. Er konnte explodieren.

 

Aber vor allem konnte er eines: den Menschen das ganz sichere Gefühl; nein: die Gewissheit geben, dass es keinen wichtigeren Ort in der Gesellschaft gibt als die Theaterbühne. Dass es keine größere Lust gibt, als sich dem Text, der Geschichte, der Ideenwelt eines Dramatikers hinzugeben. Und dass keine größere Kunst denkbar ist als eben jene von Schauspielern, wenn sie eine Figur auf der Bühne so zum Leben erwecken, dass wir Zuschauenden vergessen, in einer Theatervorstellung zu sein. Weil das Leben auf der Bühne auf seine Art wirklicher, wahrhaftiger scheint als das Leben um uns herum. Nirgendwo anders möchte der Zuschauer dann sein als eben hier. Das ist eigentlich irreal. Denn es ist Kunst. Und das alles war sein Leben, sein Werk: Claus Peymann. Geboren am 7. Juni 1937 in Bremen. Gestorben im Alter von 88 Jahren am 16. Juli 2025 in Berlin.

Peymann war der bedeutendste Theatermensch in Deutschland

Es gab und gibt viele herausragende Theaterregisseure in Deutschland, West wie Ost. Es gab und gibt viele gute Intendanten in Deutschland, West wie Ost. Aber es gab und gibt niemanden wie Claus Peymann. Nein, das liegt nicht vorrangig an den Autoren, die er über lange Strecken geschätzt, geliebt, gepflegt, inszeniert hat – Shakespeare, die deutschen Klassiker, Brecht, Peter Handke, Botho Strauss, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek. Das liegt auch nicht vorrangig an den Schauspielern, aus denen er schier übermenschliche Darstellungskunst herausreizte – Gert Voss, Ignaz Kirchner, Kirsten Dene, Ulrich Wildgruber, auch Katharina Thalbach, Angela Winkler, sogar Nina Hagen. Es liegt noch nicht mal an den vier großen Theaterbühnen, die er als Intendant zu staunenswerter Blüte führte: das Staatstheater Stuttgart, das Schauspielhaus Bochum, das Burgtheater in Wien, das Berliner Ensemble.

Claus Peymann ist über all das hinaus deswegen der lange Zeit bedeutendste Theatermensch im deutschsprachigen Raum gewesen, weil er eine ganz bestimmte Idee nicht nur behauptete, sondern glaubhaft mit Leben zu erfüllen wusste: dass nämlich das Theater, speziell das Schauspiel das Zentrum des gesellschaftlichen Diskurses sei. Im Theater – und nur im Theater! – werden die Fragen und Konflikte der Zeit durch die Spiegelung des Textes und der Geschichte so zugespitzt, so fokussiert, dass uns Zeitgenossen ein Mitfühlen und ein Weiterdenken möglich ist.

Peymann mal ganz entspannt – auch das konnte er sein. Foto: imago/Uwe Steinert

Natürlich: Das Theater war ein ästhetischer Ort. Aber seine Relevanz ergab sich, weil es zugleich Echoraum der Gesellschaft, der Straße, der Kämpfe, des Widerstands, der Unzufriedenheit war. Das heißt für uns Zuschauer: Fast nichts war für einen kritischen Zeitgenossen so wichtig wie ein Theaterbesuch. Ins Theater „zum Peymann“ zu gehen, war eine Haltung, ein Statement, eine Selbstvergewisserung. Ganz allgemein hatten natürlich in den 1970er- und 80-er-Jahren der alten BRD viele Künstler diesen Anspruch, diese Liebe zur Haltung. Aber bei ihnen war es eben oft vor allem Haltung und weniger Kunst. Für Peymann aber galt nur die geglückte Synthese etwas: Das ergab großes, gutes, scharfes, starkes Theater!

In den Stuttgarter Jahren 1974 bis 1979 fand er mit Hermann Beil zusammen, seinem dramaturgischen Alter Ego, der ihn von nun an auf allen weiteren Stationen wie der fast gleichaltrige Bruder begleiten sollte. Ach, es gäbe so viel Theatergeschichte zu erzählen, wenn es um Claus Peymann geht – seine vor Energie strotzenden Jahre am Kleinen Haus am Stuttgarter Eckensee, das er zum heimlichen Großen Haus machte. Seine Emphase für die gesundheitlichen Probleme der RAF-Häftlinge in Stuttgart-Stammheim, daraufhin sein Zwist mit dem tiefschwarzen CDU-Landespater Hans Filbinger. Im Sommer 1979 dann der nicht enden wollende Abschiedsapplaus des Stuttgarter Publikums, ein Parkett voller Tränen.

Eine moralische Lichtgestalt war er nicht

Indes Claus Peymann zur politisch-moralischen Lichtgestalt verklären zu wollen, hieße, ihn nie persönlich erlebt zu haben. Als er 1979 ans Schauspielhaus nach Bochum wechselte, kündigte er erst einmal mehreren Dutzend Schauspielern und Mitarbeitern. Er fand sie unter seiner Theaterwürde. Da konnte man schon staunen über so viel Herrschaftslust des Herrschaftskritikers. Doch Peymann schuf daraufhin ein Bochumer Theaterwunder, von dem all seine weitaus weniger fähigen Nachfolger noch lange Zeit später zehren konnten.

Dann Wien – ein deutscher Intendant am Burgtheater, im Gral der österreichischen Schauspielkunst! Schon Peymanns Antritt 1986 versetzte den „Kurier“ und die „Krone“ in Schnappatmung. Was er dann in 14 Saisons schuf, verursachte gedruckte Feuilleton- und reale Saalschlachten, wie man sie sich heute angesichts der aktuell grassierenden Alles-kann-nichts-muss-Sprizz-Kultur nicht vorstellen kann.

Wie ein lebender Seismograf spürte Peymann in Wien, was sich da im nur äußerlich gepflegten Miteinander der Stände-Alpenrepublik Stück für Stück zusammenbraute; wie sich in den späten 1980er- und 90er-Jahren peu à peu restfaschistische Dünste und lodenkatholische Bigotterie zur neuen FPÖ-Skilehrer-Volkstumssucht eines Jörg Haider zusammenbrauten. Wir können hier unmöglich nacherzählen, obwohl es schön wäre, welche Tumulte es 1988 gab, als Claus Peymann zum 50-Jahr-Jubiläum des „Anschlusses“ Österreichs an NS-Deutschland bei Thomas Bernhard das Stück „Heldenplatz“ in Auftrag gab und selbst inszenierte. Da wurde ganz langsam ein Pflaster von der schönen Oberfläche abgezogen. Und zum Vorschein kam eine weiter eiternde Wunde.

Am Ende konnte er nicht loslassen

Dann: Claus Peymanns letzte Station, 1999, der Wechsel zum Berliner Ensemble. Vielleicht und insgeheim sein ganz persönlicher Sehnsuchtsort: das Brecht-Theater-Weltkultur-Erbe. Der Berliner Kulturpolitik war nach dem Ende der DDR keine gute Lösung für das Haus in den Sinn gekommen. Es kriselte heftig, die Unternehmensberater parkten schon ihre Audis vorm Haus. Peymann rettete es, sicherte die Zuschauer-Nachfrage – mit den Namen, Themen, Texten, Autoren, die ihn schon so viele Jahre begleitet hatten. Doch die Gunst der Feuilletons war ihm nicht mehr hold. Das aktuell angesagte Theater war längst nicht mehr Peymanns Theater. Texte waren inzwischen nur noch Material. Schauspieler spielten keine Rollen mehr, sondern Schauspieler spielten Schauspieler, die eine Rolle spielen sollen. Peymanns Theater galt als museal.

So folgte zum Schluss, als sei es eine mediokre Shakespeare-Parodie, die Unfähigkeit des Claus Peymann, los zu lassen von der Bühne und die Nachfolger, für wie unfähig er sie auch halten mochte, einfach mal machen zu lassen. Das war nicht schön anzusehen.

Aber dieser letzte Aufzug wird schnell vergessen sein. Weil die vorangegangenen Akte so viel bedeutender waren. Claus Peymann war kein Meister der Selbstkritik. Aber er konnte etwas viel wichtigeres: Er konnte Theaterbesuchern Abende schenken, die diese zutiefst beschäftigten. Er konnte sie erstaunen, erregen, überwältigen, verstören, beseelen. Davon sind bei vielen Erinnerungen geblieben, die sie ein Leben lang begleiten. Momente, in denen sie etwas von ihrer Zeit, vom Leben verstanden haben. Sie waren nicht Zuschauer im Theater. Sie selbst waren im Theater, als sie selbst. Nie wieder schien das Theater so wertvoll wie zu dieser Zeit.

Claus Peymann ist gestorben. Die große Bühne, für diesen Moment – leer.

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