Nachruf auf den Philosophen Freund oder Feind? Dieses Denken wollte Jürgen Habermas überwinden

Jürgen Habermas (1929-2026) Foto: dpa/Arne Immanuel Bänsch

Im Alter von 96 Jahren ist der Philosoph Jürgen Habermas gestorben. Er galt in aller Welt als „der“ deutsche Philosoph der Gegenwart. Vielleicht als der letzte.

Der an der Notre-Dame-Universität in Indiana/USA lehrende Philosoph Vittorio Hösle hat 2013 ein Buch mit dem Titel „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie – Rückblick auf den deutschen Geist“ veröffentlicht. Auf nationalen Traditionen des Denkens zu bestehen, hört sich im Zeitalter der Globalisierung antiquiert an. Tatsächlich ist Hösles Buch auch als Abgesang gedacht. Er rechnet nicht damit, „dass es weiterhin eine deutsche Philosophie geben wird“, in der die mit Meister Eckhart im Mittelalter begonnene und über Höhepunkte wie Leibniz, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Marx, Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger und Adorno bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts reichende Linie eine Fortsetzung finden könnte.

 

Wie kommt es dann aber, mag sich ein Kenner der Szene fragen, dass bei Antworten auf die Frage nach dem wichtigsten Philosophen der Gegenwart weltweit immer wieder der Name des deutschen Philosophen Jürgen Habermas fällt? Wie verhält sich sein Werk zur angedeuteten Traditionslinie?

Ein Kind der „Reeducation“

Er sei ein Kind der „Reeducation“, mit der die westlichen Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg die besiegten Deutschen zu Demokraten erziehen wollten, hat Habermas gelegentlich bekannt. Hinter diesem Projekt stand der Verdacht der Siegermächte, es seien bestimmte Denkfiguren der deutschen Tradition gewesen, die Deutschland in die Katastrophe des Nationalsozialismus geführt hätten.

Der 1929 in Düsseldorf geborene und in Gummersbach aufgewachsene Habermas stammt aus einer bürgerlich-protestantischen Familie, sein Vater war Geschäftsführer der Handelskammer, seit 1933 NSDAP-Mitglied und wurde nach dem Krieg als „Mitläufer“ eingestuft. Wie die meisten Jugendlichen seiner später als „Flakhelfer-Generation“ bezeichneten Altersgruppe war Jürgen Habermas Mitglied in der „Hitler-Jugend“ und wurde im Herbst 1944 noch als Fronthelfer an die Westfront geschickt. Was ihn außerdem von Kindheit an geprägt hat, war die körperliche Behinderung einer angeborenen Gaumenspalte, die ihn in der Schule zum Außenseiter machte.

Beeinflusst anfangs von Martin Heidegger

Nach seinem Abitur studierte der junge Habermas zwischen 1949 und 1954 an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Geschichte, Psychologie, deutsche Literatur und Ökonomie und schloss diese Studien 1954 bei Erich Rothacker in Bonn mit der Promotion ab. Seine Dissertation „Das Absolute und die Geschichte – Von der Zwiespältigkeit in Schellings Denken“ ist später nie wieder aufgelegt worden, lohnt aber eine Lektüre. Denn in ihr zeigt sich nicht nur inhaltlich, sondern bis in sprachliche Manierismen hinein der Einfluss von Martin Heidegger, der damals auf dem Zenit seiner Nachkriegskarriere stand. Habermas hat das nie bestritten: Ja, er habe seine akademische Laufbahn als Links-Heideggerianer begonnen.

Es war dann allerdings gerade ein kritischer Artikel über Heidegger in der FAZ, der den jungen Studenten 1953 erstmals einem größeren Publikum bekannt machte. Er warf darin dem Philosophen vor, sein Engagement für den Nationalsozialismus nicht selbstkritisch aufgearbeitet zu haben. Mit Heidegger gegen Heidegger denken, lautet seit seiner Promotion Habermas’ Parole. Von Heidegger übernommen wird die kritische Sicht auf die moderne Technik, die sich noch in den sechziger Jahren in Büchern wie „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘“ oder „Erkenntnis und Interesse“ (beide 1968) niederschlägt.

Das Ziel heißt Versöhnung

Doch inzwischen hat Habermas 1956 eine Stelle als Assistent am Frankfurter Institut für Sozialforschung gefunden und dort Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse und deren Werk kennengelernt. Die Technikkritik wird jetzt nicht mehr wie bei Heidegger als Weg in die „Seinsverlassenheit“ konzipiert, sondern von Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ her und damit aus der Perspektive einer an Marx orientierten kritischen Gesellschaftstheorie artikuliert.

Wie passt diese Orientierung zugleich an Heidegger und an Adorno zusammen, wo diese beiden Philosophen sich doch spinnefeind waren? Hier stößt man erstmals auf einen Grundzug von Habermas’ Denken, der sein ganzes späteres Werk prägen wird. Es ist der Versuch, gegensätzliche Positionen miteinander zu versöhnen: Heideggers und Gadamers Hermeneutik und Wittgensteins sprachanalytische Philosophie; deutschen Idealismus und amerikanischen Pragmatismus; Systemtheorie und Frankfurter Schule; Glauben und Wissen, Religion und Säkularisierung; den Fortschrittsgedanken des Liberalismus, das Emanzipationsversprechen des Sozialismus und die Fortschrittsskepsis der in Nietzsches und Heideggers Bahnen denkenden Postmodernen wie Foucault und Derrida.

Zahlreiche politische Stellungnahmen

„Anschlussfähigkeit“ lautete das Zauberwort, mit dem Habermas den Kontakt zu anderen zeitgenössischen Denkrichtungen suchte. Diese Suche nach Anschluss hat dazu geführt, dass er ständig in Debatten verwickelt war: auf den Positivismusstreit in den 1960er Jahren folgte die Auseinandersetzung mit Hans-Georg Gadamers Hermeneutik und Niklas Luhmanns Systemtheorie, mit der postmodernen Vernunftkritik von Michel Foucault und Jacques Derrida, mit Charles Taylors Kommunitarismus, Richard Rortys Pragmatismus und Joseph Ratzingers Säkularisierungskritik.

In all diesen Debatten ging es Habermas darum, die Positionen seiner Kontrahenten nicht einfach zu verwerfen, sondern sie in sein Denken zu integrieren. Auch Habermas’ Einmischung in aktuelle politische und gesellschaftliche Debatten, seine Stellungnahmen etwa zur Studentenbewegung, zur deutschen Wiedervereinigung oder dem Projekt der europäischen Vereinigung, gehorchte diesem Muster.

„Freund und Feind“ – dies Denken war ihm zuwider

In Habermas’ 1981 publiziertem Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ wird dieses Programm systematisch, in der Vorlesungsreihe „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1985) historisch entfaltet. Die Moderne, so Habermas’ Diagnose, muss ein „Äquivalent für die vereinigende Macht der Religion“ suchen, die in vormodernen Zeiten den Zusammenhalt der Gesellschaft gestiftet hat. Sie kann es nur in der „kommunikativen Vernunft“ finden. Denn in den Strukturen unserer sprachlichen Kommunikation, im Austausch von begründender Rede und Gegenrede, an dem alle gleichberechtigt teilnehmen können, ist die Möglichkeit zur Versöhnung gegensätzlicher Positionen immer schon angelegt. Aus seiner Abneigung gegen den Dezisionismus von Carl Schmitt, der zwischen Freund und Feind unterscheidet, hat Habermas eine Demokratietheorie ersonnen, die die Spaltung der Gesellschaft in Parteien durch einen Dauerdiskurs mit dem Ziel eines „herrschaftsfreien Konsenses“ überwinden will.

Dieses Bemühen um Anschlussfähigkeit hat freilich dazu geführt, dass Habermas nur wenige originelle eigene Gedanken entwickelt hat, sein imposantes Theoriegebäude scheint eher ein Sampling von Elementen aller zeitgenössischen philosophischen Strömungen zu sein. Mit einer Art Feldherrenblick hat er das Denken seiner Kollegen gemustert und im Bemühen, nur ja nichts unberücksichtigt zu lassen und allen gerecht zu werden, die Parole ausgegeben: Versöhnung durch Diskurs.

Am Ende bleibt die Frage nach dem „deutschen Geist“

Damit sind wir wieder beim „deutschen Geist“. Versöhnung ist eine zentrale Kategorie der Philosophie Hegels. Man kann das Werk von Habermas deshalb als Versuch deuten, einerseits an die deutsche philosophische Tradition anzuknüpfen, sie andererseits mit einem durch die „Reeducation“ gefilterten amerikanischen Blick zu betrachten: Kant mit den Augen von John Rawls, Hegel mit George Herbert Mead, Heidegger mit Richard Rorty zu lesen.

Diesem strategischen Manöver verdankte Habermas nicht nur eine glanzvolle akademische Karriere in Deutschland mit den Stationen Heidelberg, Frankfurt, Starnberg und schließlich wieder Frankfurt, sondern eine breite Rezeption in den USA und zahlreiche Auszeichnungen im In- wie im Ausland: darunter den Frankfurter Adorno-Preis (1980), den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2001), den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis (2003) und den japanischen Kyoto-Preis (2004). Jetzt ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren in seinem Wohnort Starnberg gestorben.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Nachruf