Nachruf auf ein Gastro-Urgestein Trauer um den legendären Gastgeber Josef Kern

Immer fröhlich: Josef Kern Foto: L/ichtgut/Leif Piechowski

Von Kopf bis Fuß auf Gastlichkeit eingestellt: Josef Kern war der geborene Gastgeber, was er über Jahrzehnte in seinem Restaurant Kerns Pastetchen unter Beweis gestellt hat. Jetzt ist er nach schwerer Krankheit verstorben.

Stuttgart - Nirgendwo in der Stadt gab es ein besseres Wienerschnitzel als bei Kerns Pastetchen. Das war kein Geheimnis. Es war nur so, dass die vielen Stammgäste damit nicht hausieren gingen. Nicht, weil sie Patron Josef Kern ein volles Haus missgönnten; sondern weil es eben einfach so war. Weil sie lieber immer wieder kamen, anstatt nur davon zu erzählen. Weil sie die Gemütlichkeit in dem Restaurant schätzten. Die enge Beziehung zu Patron Josef Kern und seiner Frau Marielouise. Keinen Tag wich sie von seiner Seite.

 

Vergangene Woche ist Josef Kern im Alter von 67 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Er hinterlässt seine Frau und seine Tochter Johanna. Erst im März vergangenen Jahres hatte er sein Restaurant geschlossen. Zu viel hatte es ihm und seiner Frau zuletzt abverlangt. Er wollte aufhören „bevor man es ihm anmerkt“, das hatte er in den letzten Wochen des Restaurantbetriebs den reichlich schockierten Gästen wiederholt mitgeteilt. Er wollte sich auf seinen Weinhandel konzentrieren, den sogar ausbauen. Wieder mehr Tennis spielen. Kerns waren traurig, die Stammgäste waren traurig, doch man gönnte es ihm. Von Herzen. Aus all dem ist leider nichts geworden.

Die Gäste waren für Josef Kern keine Kunden

In Stuttgart gab es keinen Ort, der annähernd so war wie Kerns Pastetchen. Das lag natürlich an der hervorragenden Küche, an dieser so wunderbar ungezwungenen Gastlichkeit, die sich sofort nach Zuhause, nach Geborgenheit anfühlte. Vor allem aber lag es an Josef und Marielouise Kern. An der Wärme, die sie ausstrahlten. Jeden einzelnen Tag. Josef Kern, gebürtig aus der Südsteiermark, empfing seine Gäste bereits an der Tür, ein fester Händedruck, ein Strahlen, einige warme Worte. Seine Gäste waren für Josef Kern keine Kunden. Es waren Weggefährten, Begleiter, oftmals Freunde.

Wenn er seine Gäste ein wenig kannte – und er kannte die meisten, denn wer einmal hier war, der kam gerne und häufig wieder –, wenn er Bescheid wusste über die Vorlieben bei seinem Lieblingsthema, dem Wein, dann wurde jeder Abend zu einem Erlebnis. Mal grub er einen besonders feinen Tropfen aus seinem Vorrat aus, wenn er dachte, er würde diesen oder jenen Gast begeistern, mal zauberte er völlig unvermittelt wieder einen Wein in die Menübegleitung, der beim letzten oder vorletzten Mal einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte.

Jede Stadt braucht einen Gastronomen wie Josef Kern

Mit anderen Worten: Josef Kern hat für die Gastronomie, für seine Gäste gelebt. Und bis zuletzt alles für sie getan. 1973, damals eigentlich nur auf der Durchreise, ist er in Stuttgart hängen geblieben, arbeitete erst im La Cave in der Theodor-Heuss-Straße, bevor er 1985 sein erstes Restaurant in Gaisburg eröffnete, das Gaisburger Pastetchen. 2000 erfolgte der Umzug in die Räumlichkeiten an der Hohenheimer Straße, aus dem ehemaligen Pinocchio wurde das Kerns Pastetchen. Und dieses Lokal war 18 Jahre eine der besten Adressen der Stadt. „Ich habe einfach immer versucht, alles so zu machen, wie ich es mir wünsche“, sagte er 2018 in einem Interview mit unserer Zeitung. Vor allem hat er es so gemacht, wie man es sich als Gast nur wünschen kann. Orte wie diese sind selten.

Französisch mit einem österreichischen Einschlag war die Küche bei Josef Kern, ähnlich legendär wie sein Wiener Schnitzel natürlich seine Topfenknödel und der Palatschinken. Man konnte einfach nicht genug von ihnen bekommen. Und ging dennoch immer wieder mit dem guten Gefühl nach Hause, dass es ja ein nächstes Mal geben würde. Jetzt ist Josef Kern nicht mehr da. Die Lücke, die er hinterlässt, ist groß. Aus gastronomischer Sicht, vor allem aber aus menschlicher. Jede Stadt braucht einen Gastronomen wie Josef Kern. Und Stuttgart hatte das große Glück, ihn 45 Jahre erlebt zu haben. Sein Strahlen, sein Händedruck und seine Freude über einen leeren Teller, die bleiben bestehen.

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