Nachruf auf einen Einrichtungsgegenstand Das Ende der Minibar

Traurig: die Minibar hat ausgedient Foto: imago/Plusphoto

Die Minibar ist nur noch für 5-Sterne-Hotels verpflichtend . Nachruf auf eine Luxuseinrichtung, die ihre besten Jahre hinter sich hat.

 

Nichts ist mehr sicher in dieser unsicheren Welt. Deutschland fliegt bei jeder Fußball-WM in der Vorrunde raus, der Chinese dreht unsere Autoindustrie auf links mit seinen Batterien auf vier Rädern, und jetzt trifft die vermaledeite Disruption auch noch die Minibar, über Jahrzehnte wichtige Tankstelle für Individualreisende und Handelsvertreter, die nachts im Hotel beim Städtetrip nach London oder der Vertretertagung in Bottrop nicht verdursten wollten.

Einst war die Minibar Gegenstand der Populärkultur. Gestrandete Seelen tauschten Erlebnisse aus, wie das Getränkeangebot im Hotelzimmer einen Abend in der Provinz gerettet hatte. Oder dass im Hotelzimmer in Las Vegas zwei Kondome für 32 Dollar Teil der günstigen Minibar waren.

Eine Minibar auf zwei Beinen

Sänger Udo Lindenberg prägte als Dauergast im Hotel Atlantic in Hamburg in seiner flüssigsten Zeit den Satz „Wo früher eine Leber war, ist heute eine Minibar“ und besang das Luxus darstellende Einrichtungsstück in dem Stück „Smog-Rock“: „Ich pack’ sie in ein Taxi, das Taxi hat Aircondition / und ne Minibar mit Smog-Grog zum Erfrischen“.

Lange war die Minibar also eine Metapher für Luxus, nicht nur im Hotelgewerbe, wie Käufer eines Bentley Arnage zu berichten wissen, in dessen Fond eine Minibar mit Flaschen und Gläsern aus Edelstahl den Passagieren die Reisestrapazen bis zum nächsten Picknick etwas lindern können.

Heute hat es die persönliche Tankstelle weder im Benziner-Bentley noch im Herbergszimmer leicht: „Der Hotelverband Deutschland beobachtet, dass Hotels zunehmend auf das Anbieten von Minibars verzichten. Meistens sind dafür wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend“, erklärt Tobias Warnecke, Geschäftsführer des Hotelverbandes Deutschland (IHA). „Minibars sind kostenintensiv. Der Energieaufwand ist erheblich. Die Öko-Bilanz wird von vielen kritisch gesehen. Zudem erfordert die Kontrolle des Inhalts einen großen Personalaufwand“, so Warnecke weiter und spricht damit ein weiteres Mini-Bar-Phänomen besonders kostensensibler Gäste an: die komplette Produktpalette leer trinken und dann mit günstigeren Produkten aus dem Supermarkt wieder nachfüllen.

Laut IHA ersetzen Hotels die Minibar durch eine Maxibar auf dem Flur. Selbst Minigäste haben mittlerweile eben Maxi-Ansprüche. Oder man lotst die Gäste in die eigene Hotelbar mit 637 verschiedenen Gin-Sorten, veredelt durch bei Mondschein geerntete Kräuter.

Ritter wider die Abzocke

Der Abstieg der Minibar ist auch deshalb tragisch, weil man die Menschheit nun nicht mehr ganz so leicht in zwei Klassen einteilen kann, wie es der Autor Max Scharnigg in seinem Buch „Hotel Fatal. Reisen mit Risiken und Nebenwirkungen“ getan hat.

Kategorie 1 feiert das Leben mit einem Warsteiner für acht Euro aus dem Zimmerkühlschrank. Kategorie 2 entwickelt „vor der Minibar eine regelrechte Furcht und bekreuzigt sich, wenn sie daran vorbeimuss. Es sind die Ritter wider die Abzocke, die nicht müde werden auszurechnen, dass so ein kleines bisschen Cola auf den Liter hochgerechnet ja 15 Euro kosten würde! Eisern verdursten sie vor dem Fernseher (gratis!) oder stellen wie zum Trotz die 1,5-Literflasche Cola aus dem Supermarkt neben den Kühlschrank.“

Minibar nur noch für 5-Sterne-Häuser verpflichtend

Waren Minibars für 4- und 5-Sterne-Häuser früher verpflichtend, wurden im Jahr 2015 die Bestimmungen für 4-Sterne-Hotels gelockert. Nur noch Häuser der Luxusklasse im 5-Sterne-Segment müssen ihren Gästen weiterhin eine Minibar bereitstellen, weshalb es also Hoffnung gibt für Hotelliebhaber wie den Schriftsteller John Irving („Das Hotel New Hampshire“).

Der hat seine Vorliebe für Hotels kürzlich wie folgt erklärt: „In Hotels passiert alles, was zwielichtig, schäbig, königlich, elegant, ausgezeichnet ist. Kriminalität, Sex, Geheimhaltung, die Höhen und Tiefen des Lebens.“ Und aus manchem Mittagstief hilft eben nur eine eiskalte Cola aus der Minibar.

Leider checkt ein Teil der Reisenden heute lieber total individuell bei Airbnb ein. Der andere Teil der Touristen hat gar keine Zeit mehr für die Intimität des eigenen Zimmers, weil ihr Instagram-Feed permanent nach Selfies an ausgefallenen Orten verlangt.

„Gäste gehen heute lieber raus, um Erlebnisse zu sammeln und in einer schicken Bar ein Bild für Instagram zu posten“, sagt Marc Walz, Hoteldirektor des Andaz Bali. Walz arbeitet seit über 20 Jahren für die Hyatt-Gruppe, zu der Andaz als luxuriöse Boutique-Hotel-Tochter gehört. Der 46-Jährige war unter anderem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, China und Vietnam tätig und hat den Wandel der Minibar hautnah miterlebt.

New York Brownies in der Minibar

„Die Minibar ist tatsächlich am Aussterben. Sie ist meistens überteuert und hat oft nicht das beste Angebot“, erklärt er. „Bei Andaz haben wir das Ganze umgedreht und bieten eine kostenlose Minibar als Teil unserer Luxus-Strategie an.“ Dabei setzt die Hotelkette auf lokale Produkte, um jeweils die eigene Verwurzelung vor Ort zu unterstreichen: An der 5th Avenue gibt es zum Beispiel lokal gebackene New York Brownies und im Andaz Bali Kochbananenchips und Knoblauch-Erdnüsse.

Diesen Ansatz hat das Boutique-Hotel nicht exklusiv. Auch in anderen Häusern mit Anspruch wie etwa dem Zusammenschluss „The Originals Relais“ gibt es lokale Köstlichkeiten in der Minibar umsonst, im feinen Hotel 48 Grad Nord in den Vogesen zum Beispiel Bio-Bier aus einer lokalen Mikrobrauerei.

Gegen die ganz Gierigen können Gastgeber auch mit einer kostenlosen Luxus-Strategie nichts ausrichten. So berichtete ein genervter Hotelier im Magazin „Focus“ vor Jahren von den dreistesten Zimmer-Diebstählen wie Perserteppiche oder Spiegel. Einem Gast reichte die klassische Kleptomanen-Beute wie Handtücher und Bademäntel scheinbar nicht: Er montierte kurzerhand die gesamte Minibar ab.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Hotel Luxus Reisen