Ein Bild aus Zeiten, als die Werkstatt in Ditzingen-Heimerdingen noch sein Reich war: Klaus Kienle, gestorben am 1. April 2025. Foto: Simon Granville
Ein ehrgeiziger Schaffer, ein gewiefter Geschäftsmann, erfolgreich und weltweit bekannt – das war er. Aber auch ein Unschuldslamm, wie er selbst dachte? Der unter Betrugsverdacht stehende Oldtimerhändler Klaus Kienle ist tot.
Am liebsten hätte er nur die Bilder für sich sprechen lassen. Wenn sich Klaus Kienle mit Journalisten traf, um über die Betrugsvorwürfe zu reden, die seit zwei Jahren gegen ihn erhoben wurden, legte er gern Hochglanzbroschüren auf den Tisch.
„The World of Classic Cars – Since 1984“ stand bei einer auf dem Titel. Ein Porträt seiner Firma. Im Inneren prächtige Fotos von langen Reihen mit legendären Mercedes-Oldtimern. Die Werkstatt, die Mitarbeiter, die Polsterei, das Ersatzteillager, er selbst in jungen Jahren nebst Mechaniker-Meisterbrief von 1973 mit Kunden aus der Welt des internationalen Jetsets. Hier der Rock’n’Roller Peter Kraus, dort Formel-1-Teamchef Jean Todt. Wer so lange dabei ist, wer sich so viel Renommee und Erfolg erarbeitet hat – der kann doch nichts Unrechtes getan haben, das war die erhoffte Botschaft.
Verbal drückte sich Klaus Kienle oft weniger präzise aus. Mal gab er sich wortkarg, mal sprach er lange, doch seine Erklärungen hüpften gern von einem Thema zum anderen. Mit Dokumenten konfrontiert, die seine Erzählung widerlegten, sagte er manchmal leise, da habe er einen Fehler gemacht. Oder nicht er, sondern ein Mitarbeiter. Dass an seiner Unschuld gezweifelt wird, kam ihm einer Beleidigung gleich.
Mit einer Durchsuchung in seiner Werkstatt in Ditzingen-Heimerdingen am 31. Mai 2023 fing an, was wenig später zu Berichten führte, die Titel trugen wie „Der glänzende Aufstieg und tiefe Fall von Klaus Kienle“. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart und das Landeskriminalamt ermittelten seither wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug beim Handel mit historischen Fahrzeugen. Kienle bestritt die Vorwürfe rundheraus.
Mercedes-Flügeltürer waren Kienles Spezialität als Restaurator – unter anderem Foto: Simon Granville
Im Lauf der vergangenen zwei Jahre kamen Dutzende von Verdachtsfällen zusammen, auch weitere mutmaßliche Betrugsdelikte im Zusammenhang mit Krediten und der Insolvenz des Betriebs Ende Oktober 2023. Ein Strafprozess spätestens 2026 zeichnete sich ab. Die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge vor Gericht darzulegen, wird Klaus Kienle nun nicht mehr bekommen. Im Alter von 77 Jahren ist der Geschäftsmann am 1. April 2025 in seinem Leonberger Wohnhaus tot aufgefunden worden. Aus mit den Umständen vertrauten Kreisen wird berichtet, dass es keine Hinweise auf ein Fremdverschulden oder auf eine Selbsttötung gibt. Er soll zuletzt erkrankt gewesen sein, habe aber erst kürzlich – mit durchaus konstruktiver Haltung – an Gesprächen mit Ermittlern teilgenommen.
Kienle und die manipulierten Fahrgestellnummern
Im Mittelpunkt der Vorwürfe gegen Kienle, der viele Jahre als einer der renommiertesten Spezialisten für historische Mercedes-Fahrzeuge galt, stehen Manipulationen an der Identität der Autos – speziell an den Fahrzeugidentifikationsnummern (FIN) am Stahlrohrrahmen der berühmten Flügeltürer-Sportwagen. Kienles Lesart war, er sei durch die lange Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz berechtigt, Veränderungen daran vorzunehmen. Zu einer unübersehbaren Manipulation sagte er einmal: „Der Kunde erwartet, dass er ein perfektes Auto bekommt“. Die Ermittler sahen es anders.
Die Abnehmer seiner Blechpreziosen kamen aus aller Welt und zahlten in den vergangenen Jahren Preise von 1,5 Millionen Euro und mehr für „perfekt“ restaurierte Mercedes 300 SL. Auf der Kundenliste standen Prominente aus Showbiz und Adel, so etwa der König von Malaysia. Viele davon fanden sich zuletzt auf der Gläubigerliste wieder, die der Insolvenzverwalter Anfang 2024 publik machte. Heute gehören große Teile des Betriebs zur Klassikabteilung von Mercedes-Benz, die für 3,05 Millionen Euro die Werkstatt, Werkzeuge und Ersatzteile von Kienle sowie einen Großteil der Mitarbeiter übernommen hat.
„Ehrlichkeit ist die beste Strategie“ schrieb Kienle einmal
In einer frühen Ausgabe seiner Kundenzeitschrift „Kienle News“ hat Klaus Kienle einmal einen Artikel mit dem Titel „Ehrlichkeit ist die beste Strategie“ publiziert. Es ist die Tragik seiner Lebensgeschichte, dass nach dem fabelhaften Aufstieg des nimmermüden Schaffers seine Glaubwürdigkeit unter die Räder kam.
Was wird nun aus der Aufarbeitung der Manipulationsvorwürfe? Der Koblenzer Händler Ralph Grieser, der den Fall Kienle vor zwei Jahren mit einem Tipp ans Bundeskriminalamt ins Rollen gebracht hat, sagt: „Ich hoffe, dass die gravierenden Fragen, die sich im Zusammenhang mit betrügerischen Manipulationen an Oldtimern stellen, trotzdem noch einer juristischen Klärung zugeführt werden.“ Dies sei „sehr wichtig für die gesamte Oldtimerszene, Besitzer, Restaurationsbetriebe und auch Händler“. Denn „nur die wirklichen Originale stellen Historisches Kulturgut dar und müssen geschützt werden“, so Grieser.
Ganz vorbei ist die Affäre so oder so nicht, auch wenn mit Kienles Tod viele Verdachtsfälle wegfallen dürften. Ermittelt wurde von Anfang an auch gegen andere Inhaber der Firma, in der auch zwei seiner Söhne tätig waren.