Nachruf auf Günther Uecker Seine Hammerschläge sind verstummt
Günther Uecker verhalf dem Nagel zum Ruhm in der Kunst. Nun ist der Universalkünstler gestorben.
Günther Uecker verhalf dem Nagel zum Ruhm in der Kunst. Nun ist der Universalkünstler gestorben.
Angeblich begann es mit einer Bürste. Einer Bürste, selbst gebastelt aus Nägeln. Sie diente ihm dazu, tiefe Furchen in die fingerdick mit Farbe bestrichenen Leinwände zu graben. Doch dann wurde aus dem Hilfsmittel ein Markenzeichen. Plötzlich steckten die Nägel in den Gemälden selbst, aber auch in Baumstämmen, Möbeln, Büchern oder Musikinstrumenten. Kein Vertreter der westdeutschen Nachkriegsavantgarde war populärer als Günther Uecker. Auch, weil der Künstler früh den hohen ästhetischen Wiedererkennungswert der stacheligen Objekte erkannt hat.
Persönlich pflegte er indes das Understatement und trat Journalisten gern in farbbesudelter Latzhose entgegen, um die handwerklichen Wurzeln seines Tuns zu betonen. Obschon der Tausendsassa auch auf Feldern wie der Fotografie, dem Happening und der Bühnengestaltung aktiv war, hat er sich vor allem als Nagelkünstler ins Bewusstsein der Ausstellungswelt geklopft. Nun sind seine Hammerschläge für immer verstummt. Im Alter von 95 Jahren starb der Meister der Metallstifte in der Uniklinik Düsseldorf im Kreis von Familie und Freunden.
Experimente stehen nicht hoch im Kurs, als der 1930 geborene Sohn einer mecklenburgischen Bauernfamilie das Bildermachen beginnt: In der DDR dient Uecker dem Sozialistischen Realismus mit monumentalen Fassadenbildern und der künstlerischen Organisation von Aufmärschen, bis er nach dem Volksaufstand 1953 den gozillagroßen Stalinfiguren Lebewohl sagt und an die Kunstakademie Düsseldorf wechselt. Im radikalen Bruch nicht nur mit dem DDR-Realismus, sondern auch mit westlichen Abstraktionsrichtungen wie dem Informel wagt der junge Künstler den stilistisch entschlackten Neuanfang.
Weiß-monochrome Flächen und serielle Zeichenordnungen entstehen. In der Zero-Bewegung der Düsseldorfer Kollegen Heinz Mack und Otto Piene findet er Gleichgesinnte, die wie er die Uhren der Kunstgeschichte wieder auf null drehen wollen. Das Gesetz der reinen, symbol- und referenzlosen Struktur trägt vor allem die ersten Nagelreliefs aus den späten 50ern. Metallstiftfelder, die sich wie Grasbüschel im Wind wiegen und schimmern wie die Felle von Silberfüchsen. Bald schon bricht Uecker komplett aus der Umfriedung der traditionellen Gattungen aus, Bilder wie Skulpturen werden mit Motoren oder elektrischem Licht zur kinetischen Apparatur aufgerüstet. Programmatisch trieb die gleißende Helle des von Uecker mit Mack und Piene eingerichteten „Lichtraums“ auf der Documenta von 1964 der deutschen Nachkriegskunst ihre kohlige Düsternis aus.
Obschon das Zero-Dreigestirn eng befreundet blieb, ging ab 1966 jeder seinen eigenen Weg – und Uecker wurde zum Gesamtkunstwerker. In der Kunsthalle Baden-Baden etwa tobte er sich mit dem lärmenden Maschinenensemble des „Terrororchesters“ aus. Und auch die Nägel wandelten sich von der reinen Formgeste zur revolutionären Metapher, wenn der Künstler mit ihrer Hilfe bürgerliche Statusobjekte wie Fernseher oder Klaviere malträtierte.
Nachdem die 60er und damit die Zeit der lauten Proteste zu Ende gegangen war, entdeckte der Rebell seine stillen Seiten. So setzte er nach der Katastrophe von Tschernobyl mit Körperabdrücken aus Asche Zeichen gegen Atomkraft. 2001 plädierte die monumentale Berliner Installation „Zeichen und Schriften“, die Zitate aus Thora, Bibel und Koran kalligrafisch vereinigte, für religiöse Toleranz. Der Kunstmarkt indes gierte weiter nach Genageltem – ein Verlangen, das Günther Uecker in allen Preisklassen befriedigt hat. Für die vergleichsweise günstigen Prägedrucke presste er seine Lieblingsmotive in handgeschöpftes Papier. Da waren sie wieder, die Furchen, die die Nägel graben.