Gerhard Mayer-Vorfelder ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Der konservative Politiker und progressive Sportfunktionär, den alle nur MV nannten, ist eine Persönlichkeit voller Gegensätze gewesen – ein streitbarer Mann, immer offensiv.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, Weste, Krawatte, weißes Einstecktuch, Ehefrau Margit an der Seite, ein entspanntes Lächeln auf den Lippen und mindestens eine Viertelstunde zu spät dran. So sah der typische Auftritt von Gerhard Mayer-Vorfelder aus. Eine Veranstaltung beim VfB Stuttgart, dem Deutschen Fußball-Bund oder bei der baden-württembergischen CDU war aber nun einmal erst dann komplett, wenn der Multifunktionär im Ruhestand den Saal betrat. Auch das hohe Alter konnte daran nichts ändern.

Es gibt Menschen, die ein natürlicher Mittelpunkt sind. Sie haben eine eigene Anziehungskraft, die fasziniert. Das gelingt, wenn man charmant, intelligent und eloquent ist, aber auch zuhören kann. So wie Gerhard Mayer-Vorfelder, dem Arroganz ebenso fremd war wie Berührungsangst. In seiner Zeit beim VfB, dessen Präsident er von 1975 bis 2000 war, konnte ein Fan nicht aufdringlich und abgerissen genug sein, dass ihn Gerhard Mayer-Vorfelder nicht in den Arm genommen hätte. MV, der Patriarch, Big Daddy, der Chef zum Anfassen. So sah er sich, so wollte er gesehen werden. So war er. So ist er gestorben – an Herzversagen, am Montag mit 82 Jahren im Kreis seiner Familie.

Gerhard Mayer-Vorfelder wurde am 3.  März 1933 in Mannheim als Sohn eines Regierungsrates geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Waldshut und studierte dann Jura erst in Freiburg, dann in Heidelberg. Seine politische Karriere begann er als persönlicher Referent des damaligen Innenministers und späteren Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Weiter ging es für den selbst zu früheren CDU-Zeiten als erzkonservativ geltenden MV als Staatssekretär. 1980 wird er vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth zum Minister für Kultus und Sport gemacht. Der Rechtsaußen bekam es damals mit einer größtenteils linken Lehrerschaft zu tun. Der offen geführte Streit über Inhalte habe ihm, wie er einmal sagte, irgendwann aber „einen saumäßigen Spaß“ gemacht. 1991 ernannte Späths Nachfolger Erwin Teufel den krisenresistenten MV zum Finanzminister der Landesregierung, was er bis 1998 blieb. Ein überzeugter Badener (per Geburt) und Württemberger (per Heirat) war er.

In politischen Debatten am rechten Rand

Wer Gerhard Mayer-Vorfelder nicht persönlich kannte, hatte häufig Grund dazu, ihn für einen „Kotzbrocken“ zu halten. In politischen Debatten bewegte sich Gerhard Mayer-Vorfelder ganz außen am rechten Rand und überschritt dabei auch immer wieder Grenzen. Er hätte es zum Beispiel gerne gesehen, wenn baden-württembergische Schüler alle drei Strophen des Deutschlandliedes gelernt hätten. Und als DFB-Chef trieb ihn die ganz persönliche Sorge um, dass irgendwann „keine Germanen“ mehr in der Bundesliga spielen.

Ihn auf die Position des Ewiggestrigen festzulegen, traf es aber trotzdem nicht. Er forderte die CDU früh auf, sich mit der Partei Die Linke auseinanderzusetzen und sie nicht zu verdammen. Sie werde einmal eine ganz normale Partei sein, sagte er voraus. Und als DFB-Präsident war er Modernisierer, machte den Fußball-Revolutionär Jürgen Klinsmann zum Bundestrainer und die Jugendarbeit zu seinem Hauptanliegen. Gerhard Mayer-Vorfelder legte die Grundsteine für den deutschen WM-Titelgewinn in Brasilien. Daran erinnerte er auch bei Bedarf. Bescheidenheit war nicht seine ausgeprägteste Charaktereigenschaft. Polemisch war er, aber zugleich auch immer um Harmonie bemüht. „Jetzt haben wir uns angeschrien, aber nun sind wir auch wieder nett zueinander“, sagte er.

Die Medien sind mit ihm nicht besonders pfleglich umgegangen. Im Gegenzug schob er als VfB-Präsident bei unangenehmen Entscheidungen mit Vorliebe den Journalisten den Schwarzen Peter zu. Wenn er mal wieder einen Trainer schnell loswerden wollte, kam sein berühmter Satz: „Ich würde den Mann ja gerne behalten, aber gegen den Widerstand der Presse geht das leider nicht.“

Über Gerhard Mayer-Vorfelder konnte man viel sagen, aber nicht, dass einem mit ihm langweilig geworden wäre. Einem jungen Sportjournalisten bei der Stuttgarter Zeitung wurde prinzipiell der Tipp mit auf den ersten Weg zum VfB gegeben: „Wenn du nicht weißt, was du schreiben sollst, unterhalte dich mit MV. Da springt immer eine Geschichte heraus.“

Immer voll auf Angriff

Dieser kantige, streitbare Mann hat nie defensiv gespielt, immer voll auf Angriff, nicht hintenrum taktiert – Konfrontation, statt Versteckspiel, nicht diplomatisch, authentisch. „Offene Feldschlacht“, nannte der überzeugte Reserveoffizier seine bevorzugte Vorgehensweise.

An seinem 75. Geburtstag hat er dann aber etwas gesagt, was doch alle ziemlich überrascht hat. „Ich versuche, jetzt altersmilde zu werden.“ Und wie so vieles in seinem Leben, so ist ihm auch das gelungen. Er hat aber auch gesagt: „Ich bereue nichts.“ Ganz im Stil des von ihm verehrten Frank Sinatra. Dessen „I did it my way“ durfte auf keinem MV-Fest fehlen. Als Fußballfunktionär hat er immer einen Anlass gefunden, sich selbst zu feiern. Dass die Kosten dann auch mal dem DFB, dessen Präsident er von 2001 bis 2006 war, oder dem VfB in Rechnung gestellt wurden, tat nur der Stimmung in der jeweiligen Buchhaltung Abbruch. Mayer-Vorfelders Verhältnis zum Geld war eher entspannt.

Beim VfB spielte Mayer-Vorfelder auf Risiko

Viele seiner damaligen VfB-Kollegen sagen, dass unter ihm am Schluss nicht viel gefehlt hätte und der Verein wäre pleite gewesen. Die Zeit als baden-württembergischer Finanzminister hatte MV nicht sparsamer gemacht. Der VfB war aber auch sehr erfolgreich. Der Verein stieg mit dem jungen, neuen (und langhaarigen!) Präsidenten MV 1977 wieder in die Bundesliga auf und feierte 1984 und 1992 zwei Meistertitel und den Pokalsieg 1997. Dazu kamen noch zwei Endspielteilnahmen im Europapokal. Aus heutiger VfB-Sicht sind das unglaublich erscheinende Erfolge. Da spielte einer auf Risiko – und das mit Erfolg.

Die vielleicht größte Leistung von Gerhard Mayer-Vorfelder ist aber, dass es niemand geschafft hat, ihn zu Fall zu bringen – ob als VfB-Präsident, DFB-Chef oder baden-württembergischer Minister. Dicker kann ein Fell nicht sein. „Wer austeilt, muss auch einstecken können“, lautete das Motto von einem, der jedes Amt erhobenen Hauptes verließ – trotz vieler Gegenspieler. Zu denen gehörte etwa Theo Zwanziger. Nach einer verkorksten Europameisterschaft 2004 probte der damalige Schatzmeister den Aufstand gegen den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes. MV lernte mit der Zeit aber auch, Kompromisse zu schließen, nachdem ihm ein zu autoritärer Führungsstil vorgeworfen wurde und er auf der Kippe stand. Und so bildete er mit Zwanziger bis 2006 eben eine Doppelspitze beim DFB.

Alleingänge im Aufsichtsrat

Sein Abschied beim VfB hat ihn da mehr geschmerzt. Langjährige Freundschaften seien damals zerbrochen, sagte er einmal. Es waren die Alleingänge, die den Aufsichtsrat gegen ihn aufbrachten, die Nähe zu den Stars wie Krassimir Balakov hatten ihn auch angreifbar gemacht. Doch so richtig konnten diese Vorgänge den Vollblutfunktionär nicht erschüttern, genauso wenig wie die Vorfelder-raus-Rufe, die ihn sein Fußballleben lang begleiteten. Er nahm’s mit Humor. Zu Erwin Staudt, einem seiner vielen VfB-Nachfolger, sagte er einmal: „Bei dir rufen sie nur ‚Vorstand raus‘, meinen Namen haben sie immerhin gekannt.“ Doch einmal, da halfen Gerhard Mayer-Vorfelder auch sein Selbstbewusstsein und sein Humor nicht. Bei der Heim-WM 2006 hatte er das Spiel um Platz drei und damit die deutsche Mannschaft zu einer großen Fußball-Party nach Stuttgart geholt. Und trotzdem wurde er auch vor diesem Spiel wieder ausgepfiffen. Das hat ihn geschmerzt. Es war ihm anzusehen. Selbst das dickste Fell konnte ihn vor dieser Verletzung nicht schützen.

Gedanken hat sich der Vater von vier Kindern und VfB-Ehrenpräsident zuletzt über den Niedergang seines Clubs gemacht und über die „Sozialdemokratisierung“ der CDU, wie er es nannte. In seiner Sturm-und-Drang-Zeit hätte er sich mit aller Macht zu Wort gemeldet, zuletzt hat er es nur noch leise festgestellt. Er wollte nicht den verbitterten Oberlehrer spielen. Diese Rolle hätte auch überhaupt nicht zu diesem lebenslustigen Menschen gepasst – zu dem Genussmenschen, mit dem man sich so herrlich streiten und bis tief in die Nacht bei Zigaretten und Wein sitzen konnte, der nie nachtragend war und kurz vor seinem Tod sagte: „Ich bin mit mir und meinen Mitmenschen im Reinen.“ Glücklich, wer das am Ende eines langen Weges mit dieser Überzeugung von sich behaupten kann.