Nachruf auf Günter Grass Ein Makel blieb

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Günter Grass ist tot. Er war nicht der über allem schwebende Erklärer der Geschichte, sondern von ihr so bedrängt, verführt und versehrt wie seine Figuren, schreibt Stefan Kister in seinem Nachruf.

Günter Grass ist am Montag im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben. Die  folgende Bilderstrecke zeigt Eindrücke aus Grass’ Leben und Werk. Foto: dpa 13 Bilder
Günter Grass ist am Montag im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben. Die folgende Bilderstrecke zeigt Eindrücke aus Grass’ Leben und Werk. Foto: dpa

Lübeck/Stuttgart - Mit dem Tod von Günter Grass geht mehr als nur ein Leben zu Ende. Dieser Tod beschließt eine Epoche. Er zieht die Summe aus einem Werk und Wirken, das in eben dieser charakteristischen Zweiheit das Erscheinungsbild einer auf den Trümmern des Krieges errichteten Nachkriegswelt geprägt hat.

Wie viele unter den Wenigen, denen es vergönnt oder beschieden war, mit ihrem Namen eine Zeit zu signieren, musste Grass erdulden, als Mensch und Monument zugleich eine Doppelexistenz zu führen. Und in der Fallhöhe vom einen zum anderen sammelte sich jener Vorrat an Hohn, Spott und Empörung, der in den letzten Jahren über jede seiner Lebensäußerungen niedergehen konnte. Dies umso mehr, als sich Grass selbst nicht mit der Rolle als Pfeife rauchender elder statesman der literarischen Republik begnügen wollte, sondern um das, was zu sagen war – oder auch nicht –, den priesterlichen Dampf eines poetisches Orakels zu verbreiten liebte.

Der „Alte“, wie er sich durchaus kokett zu nennen pflegte, verstand sich bis zuletzt darauf, zu Recht erregte Debatten anzufachen, wenn er in versifizierter Form vor einem atomaren Angriff Israels auf das iranische Volk warnte oder Europas Schande im Umgang mit Griechenlands Schulden in humanistisch holperndem Metrum anprangerte. Aber das sind „Eintagsfliegen“, so der Titel des letzten Gedichtbands, in dem sich neben jenen grobkörnig-anstößigen Zeilen auch feinere, an seine Kritiker gerichtete finden: „Habt Geduld,/ ein Weilchen nur bleibe ich noch, / sichre Euch Lohn und wohltemperierte Stuben“, schreibt er „An die Gemeinde meiner Feinde“, und schließt mit den Versen: „Ach, wie flüssig es Euch / und schlau von der Hand geht; / mir jedoch stockt schon wieder die Tinte.“

Geschichte bleibt ein verstopftes Klo

Dass diese Weile nun verstrichen ist, die Tinte endgültig versiegt, lässt auch die Kritiker stocken. Der Tod beendet das publizistische Katz-und-Maus-Spiel, auf das sich dieser Autor selbst so gut verstanden hat. Alles begann 1927 in kleinbürgerlicher Enge in Danzig, später, 1955, mit dem dritten Preis bei einem Lyrikwettbewerb des SWR in Stuttgart.

Doch man kann dieses Leben auch als Heroengeschichte erzählen. Dieser urwüchsige Mensch mit dem Sattelrobbenbart, von dem Marcel Reich-Ranicki anfangs warnte, er sei kein deutscher Schriftsteller, sondern ein bulgarischer Agent, räumt in dem wüsten Chaos auf, das der Krieg äußerlich wie innerlich hinterlassen hatte. Wie der antike Heros Herkules durch seine Taten die Ungeheuer der Vorzeit besiegt hat, um Kultur und Zivilisation den Weg zu ebnen, so wütete dieser barocke Kraftkerl durch den geschichtsvergessenen Augiasstall, in dem die Adenauer Ära den braunen Unrat von tausend Jahren eilig entsorgt hatte. Geschichte, das blieb für Grass, wie es noch in seiner in seiner Novelle „Im Krebsgang“ aus dem Jahr 2002 heißt, ein verstopftes Klo: „Wir spülen und spülen, die Scheiße kommt dennoch hoch.“




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