Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger Denken aus Prinzip
War er nun ein unabhängiger Denker, der sich für kein Lager verpflichten ließ? Oder war ein nur ein Spieler, der den Zeitgeist auf die Spitze trieb? Zum Tod von Hans Magnus Enzensberger.
War er nun ein unabhängiger Denker, der sich für kein Lager verpflichten ließ? Oder war ein nur ein Spieler, der den Zeitgeist auf die Spitze trieb? Zum Tod von Hans Magnus Enzensberger.
Es gibt viele Etiketten, die Hans Magnus Enzensberger im Lauf seiner langen Karriere als Schriftsteller und Intellektueller angeheftet worden sind. Sein Mentor Alfred Andersch führte ihn 1958 als „zornigen jungen Mann“ in die deutsche Literaturszene ein, Jürgen Habermas verspottete ihn Ende der 1960er Jahre als „zugereisten Harlekin am Hof der Scheinrevolutionäre“, Peter O. Chotjewitz hielt ihn für einen Snob und „politischen Dandy“, der Dichterkollege Peter Rühmkorf nannte ihn einen „versonnenen Liebhaber der lyrischen Pastorale“ und des „weltentrückten Hirtengedichts“.
Dem Feuilleton galt er als „poeta doctus“, als Ideal des universal gebildeten Dichters, und polyglotter Übersetzer aus mehr als einem Dutzend Sprachen, und auf einem Symposion im Deutschen Literaturarchiv in Marbach anlässlich seines 80. Geburtstags wurde er als der „Libero“ in der Mannschaft seiner gleichaltrigen schreibenden Zeitgenossen beschrieben.
Enzensberger hat diese so gegensätzlichen Charakterisierungen stets mit einem sphinxhaften Lächeln quittiert und, darauf angesprochen, zugegeben: „An all diesen Geschichten ist etwas dran. Keine würde ich als absolut falsch bezeichnen. Aber warum soll ich sie mir zu eigen machen?“ Gerade der Umstand, dass die Mitwelt nie so recht wusste, woran sie mit ihm war, dürfte ihm geschmeichelt haben. Denn seine eigene Lieblingsfigur war der fliegende Robert aus dem „Struwwelpeter“, der sich nicht fassen lässt, sondern sich in einem ihm gewidmeten Gedicht Enzensbergers auf und davon in die Lüfte macht: „Eskapismus, ruft ihr mir zu, /vorwurfsvoll. / Was denn sonst, antworte ich, / bei diesem Sauwetter! -, / spanne den Regenschirm auf / und erhebe mich in die Lüfte.“
„Hans Magnus Enzensberger – Ein öffentliches Leben“ lautet der Titel der Biografie, die der Journalist Jörg Lau 1999 zum 70. Geburtstag des Schriftstellers veröffentlicht hat. Dort finden sich alle Stationen verzeichnet, die dem 1929 in Kaufbeuren als Sohn einer bürgerlichen Familie geborenen Schriftsteller den Ruf eingetragen haben, seit Mitte der 1950er Jahre maßgeblich zur intellektuellen und literarischen Geschichte der zweiten deutschen Republik beigetragen zu haben: als Lyriker und Essayist, politischer Publizist und Medientheoretiker, als Kulturkritiker, Gesellschaftsanalytiker, Zeitschriftengründer und Buchherausgeber.
Er war mit Günter Grass und Uwe Johnson befreundet, hat mit Theodor W. Adorno und Joseph Ratzinger korrespondiert und überall mitgemischt, wo man sich mit einiger Aussicht erfolgreich positionieren konnte: auf dem Schwarzmarkt in den ersten Nachkriegsjahren, als Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk 1955, in der „Kampf dem Atomtod“-Bewegung von 1958, als Wahlhelfer für die SPD 1961, als Redner bei der Demonstration gegen die Notstandsgesetze 1966, als Stichwortgeber für die Studentenbewegung von 1968 in Berlin, als Revolutionstourist 1969 in Kuba, als Gründer der Lifestyle-Zeitschrift „Transatlantik“ in München 1980, als Verteidiger des Kleinbürgertums in der Kohl-Ära, als Befürworter des Golfkriegs von 1991, als Kritiker der Rechtschreibreform und der Bespitzelung durch Nachrichtendienste wie die NSA.
Spätestens seit der Gründung von „Transatlantik“ spaltete Enzensberger allerdings die Öffentlichkeit in zwei Lager. Die einen warfen ihm von diesem Zeitpunkt an vor, er sei nicht mehr der zornige junge Mann von einst, habe vielmehr seine ehemals linken Überzeugungen verraten und sei ins neokonservative Lager übergewechselt, während die anderen seine Abkehr von der linken Gesellschaftskritik begrüßten und ihn als antidogmatischen postmodernen Skeptiker vereinnahmen wollten. War Enzensberger für die einen zum politisch unzuverlässigen Gesellen geworden, behaupteten die anderen, er sei nie ein Überzeugungstäter, sondern stets ein Spieler gewesen, der mit verschiedenen Positionen jongliert habe.
Auch Enzensbergers Lyrik, neben seiner politischen und zeitkritischen Essayistik sein wichtigstes literarisches Betätigungsfeld, hinterlässt einen irritierenden Befund. Sieht man sich seine Gedichte vom Debütband „Verteidigung der Wölfe“ aus dem Jahr 1957 bis zum 2013 erschienenen Band „Blauwärts“ genauer an, dann zeigt sich hinter dem Zorn des Dichters auf die schlechten gesellschaftlichen Verhältnisse eine wenig beachtete Schicht seines Werks: die Anrufung der Natur, die als das rettende Andere der beschädigten Zivilisation erscheint.
War Enzensberger also in Wahrheit gar nicht der zornige Mann, als der er galt, sondern ein verkappter Idylliker? Im Gedichtband „Die Geschichte der Wolken“ von 2003 liegt der Dichter im Gras und sinnt wie Eichendorffs Taugenichts den Wolkenzügen am Himmel nach: „Schleierhaft, / diese Regengallen, Fallstreifen, / Lichtsäulen, Halos. Weiß der Himmel, / wie sie es machen. Eine Spezies, / vergänglich, doch älter als unsereiner. / Nur daß sie uns überleben wird / um ein paar Millionen Jahre / hin oder her, steht fest“. Während Brecht noch über die „finsteren Zeiten“ geklagt hatte, „wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt“, verteidigte Enzensberger seine Naturgedichte im Interview: „Heute ist es umgekehrt: fast ein Verbrechen, nicht über Bäume zu sprechen. Wir wissen doch, dass die Biosphäre nicht im besten Zustand ist.“
Wie der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer gezeigt hat, lässt sich die deutsche Literaturgeschichte von Goethe bis Thomas Mann als Säkularisierung protestantisch-pietistischer Gehalte beschreiben. Zwischen Enzensberger, seinen Generationsgenossen Günter Grass und Martin Walser und dem zwölf Jahre älteren Heinrich Böll als den bekanntesten Vertretern der deutschen Nachkriegsliteratur gibt es dagegen eine Gemeinsamkeit, die selten bedacht worden ist: ihre katholische Herkunft. Sie alle haben in ihrem Werk deutlich mit der Tradition protestantischer Innerlichkeit gebrochen: Grass mit dem Rückgriff auf barocke Stilmittel, Walser als Chronist von katholischen Aufsteigern, Böll als Sprachrohr des rheinischen Kleinbürgertums.
Auch Enzensberger, der sich einmal als „katholischen Agnostiker“ bezeichnet, seine Dissertation über die Poetik des Katholiken Clemens Brentano geschrieben und in der „Anderen Bibliothek“ die Essaybände „Ketzer“ und „Orthodoxie“ des englischen Katholiken G. K. Chesterton herausgegeben hat, verstand Literatur nie als Bekenntnis einer schönen Seele, sondern als Maskerade und experimentelles Spiel mit literarischen Formen. Am Donnerstag ist der vielseitige Schriftsteller im Alter von 93 Jahren in München, wo er seit 1979 wohnte, gestorben.