Nachruf auf Manfred Bulling Abschied vom schwäbischen Stammeshäuptling

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Er war einer der streitbarsten und unabhängigsten Regierungspräsidenten im Land: Nun ist Manfred Bulling im Alter von 85 Jahren gestorben.

Ein gefragter Mann: Manfred Bulling als Behördenchef in den 80er Jahren. Foto: Michael Steinert 4 Bilder
Ein gefragter Mann: Manfred Bulling als Behördenchef in den 80er Jahren. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Manfred Bulling bestellt Linsen mit Spätzle und Saiten sowie ein kleines Bier. Die Spätzle, das stellt er gleich fest, sehen nicht gut aus. Nicht handgeschabt. Naja, schmecken trotzdem. Schimpft Bulling eben über anderes. Über die CDU. Über die FDP. Über Stuttgart 21. „Das Projekt ist Blödsinn. Es gibt kein Verhältnis zwischen den Kosten und dem Nutzen“, sagt der Mann, der mit Abstand bekannteste Regierungspräsident war, den Stuttgart je hatte.

Heute ist klar: die Tiraden waren Komplimente

Das Gespräch über die Spätzle, die CDU und den Rest liegt gut zwei Jahre zurück. Und der einzige Unterschied zu früheren Gesprächen mit Manfred Bulling war der, dass Manfred Bulling damals 83 Jahre alt war. Ansonsten: wacher Blick, heller Geist, feste Stimme, klare Meinung. Früher, als er noch Regierungspräsident war, ist er für seine deutlichen Worte und konsequenten Taten viel gescholten worden. Als „Schwäbischer Stammeshäuptling“. Oder als „Schreibtisch-Palmer“, der zu allem, was sich zwischen Tauberbischofsheim und Nürtingen bewege, seinen Senf beisteuern müsse. Aus heutiger Sicht muss man sagen: Es waren Komplimente.

Manfred Bulling sieht viele Behörden von innen – unter anderem das Böblinger Landratsamt, das Bonner und das Stuttgarter Innenministerium sowie Filbingers Staatskanzlei – , ehe er sich 1977 das Stuttgarter Regierungspräsidium untertan macht. Vor seinem Antritt wäre die Behörde wegen Unauffälligkeit fast abgeschafft worden. Doch der parteilose Bulling macht aus der Instanz zwischen Ministerien und Kommunen ein politisch agierendes Haus – und sich selbst zu einem der bekanntesten Regierungspräsidenten der Republik. Der „P“ – wie er genannt wird – schützt mit erstaunlichem Weitblick die Umwelt zu Lande, zu Wasser und in der Luft und rettet große wie kleine Kleinode.

Bulling und Birkel gehören noch immer zusammen

Bulling verordnet den Kohlekraftwerken in seinem Bezirk die Reinigung ihrer Abgase – zu einer Zeit, als diese Möglichkeit kaum bekannt ist. Er denkt, als die Luftverschmutzung gesundheitsschädigend zu werden droht, laut über ein Fahrverbot für Autos ohne Katalysator nach. Und kurzerhand lässt er den bereits beschlossenen Abriss des Marienhospitals stoppen, und zugleich den Abriss Tausender von Gartenhäuschen vollziehen, weil sie schwarz in die Landschaft gebaut wurden. „Ich war nicht gerade zimperlich, das gebe ich gerne zu“, sagte Bulling im Rückblick.

Doch trotz dieser unvergesslichen Verordnungen wird sein Name noch immer hauptsächlich mit einem Skandal in Verbindung gebracht, für den er gar nichts konnte: dem Birkel-Skandal. Im August 1985 warnt das Regierungspräsidium vor 7-Hühnchen-Produkten der Firma Birkel. Einige der Eierteigwaren aus dem Remstal seien mikrobiell verdorben gewesen, teilt der Vize-Präsident Adolf Kiess mit, der den urlaubenden Bulling vertritt. Doch Klaus Birkel wehrt sich, zieht vor Gericht. Verdorbenes Flüssigei, behauptet der „Nudelkönig“, gebe es in seinen Produkten nicht. Am Ende der sechs Jahre währenden Auseinandersetzung steht ein Vergleich: Das Land muss Birkel umgerechnet 6,5 Millionen Euro zahlen. Weitere 17 Jahre später enthüllt jedoch der „Stern“: „Es waren Ekel-Eier drin!“ Der vom Gericht beauftragte Sachverständige stand seinerzeit auch auf Birkels Lohnliste und hatte seine Gutachten gefälscht.

„Wir wurden verschaukelt und vollständig rehabilitiert“, urteilt der promovierte Jurist Bulling später. Zum Zeitpunkt des Vergleichs ist er nicht mehr im Amt. Im November 1989 war er zurückgetreten. Der Auslöser waren Bullings Pläne für ein Tempolimit auf der B 10 zwischen Stuttgart und Esslingen. Zur Luftreinhaltung sollte der Verkehr mit Tempo 60 statt 100 rollen.

Ein Rücktritt wie ein Donnerschlag

Doch als der Esslinger CDU-Politiker Otto Hauser öffentlichkeitswirksam einen Verkehrskollaps befürchtet und eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreicht, erinnert sich der Innenminister Dietmar Schlee nicht mehr daran, dass er den Plänen schon zugestimmt hat – und rügt den unbequemen Bulling öffentlich. Für den ist klar: er geht. „Wenn mir jemand vorhält, ich sei meinem Amt nicht gewachsen, kann ich doch nicht bleiben“. Der „regierende Präsident“ sei so abgetreten, „wie er oft aufgetreten ist“, kommentiert die Stuttgarter Zeitung damals: „Mit einem Donnerschlag.“

Manfred Bulling tritt einer renommierte Stuttgarter Kanzlei bei und arbeitet dort als Anwalt bis er 70 ist. An Ruhestand denkt Bulling, verheiratet und Vater von fünf Kindern, danach aber nicht. In seinem Ein-Mann-Büro in Schwieberdingen übernimmt er weiter Mandate. „Mein Alltag ist noch ganz bunt“, sagte Bulling bei den Linsen und den nicht handgeschabten Spätzle. Ach ja: Um die Spätzle hat er sich natürlich auch verdient gemacht. Mit einer Spätzlepresse, deren Anwendung kinderleicht ist, und deren Erzeugnisse aussehen wie: handgeschabt. Seit 1985 wurde das patentierte „Spätzlewunder, System Bulling“ viele zigtausend Mal verkauft. Und noch 30 Jahre später erhielt der Erfinder Dankschreiben von begeisterten Kunden. Man sollte Manfred Bulling aber nicht nur dafür dankbar sein.

Am vergangenen Mittwoch, so wurde am Montag bekannt, ist er gestorben. Er wurde 85 Jahre alt.

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