Nachruf auf Manfred Rommel Ein Glücksfall für Stuttgart

Von Thomas Borgmann 

Stuttgarts früherer Oberbürgermeister und Politiker Manfred Rommel ist mit 84 Jahren verstorben. Er war ein großer liberal-konservativer Intellektueller und ein Glücksfall für die Stadt. Der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz.

Manfred Rommel war immer demonstrativ tolerant und liberal. In unserer Bildergalerie blicken wir auf sein Leben und Wirken zurück. Foto: Achim Zweygarth 18 Bilder
Manfred Rommel war immer demonstrativ tolerant und liberal. In unserer Bildergalerie blicken wir auf sein Leben und Wirken zurück. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Ich bin 1974 nicht gerne Oberbürgermeister geworden – aber ich bin es 22 Jahre lang gerne gewesen.“ Dieses Bekenntnis, typisch für die Denkweise von Manfred Rommel, stammt aus seiner Abschiedsrede, die er im Dezember 1996 in der Oper gehalten hat. Alle 1200 Gäste, die dabei waren, spürten damals, wie schwer ihm der Abschied fiel. Zu gerne wäre er an der Spitze des ihm vertrauten Rathauses und seines Gemeinderats geblieben. Doch die Kommunalverfassung des Landes zwang Deutschlands populärsten Kommunalpolitiker, bereits von der Parkinson-Krankheit gezeichnet, in Pension zu gehen, denn am 24. Dezember 1996 hatte er das 68. Lebensjahr vollendet und damit das Pensionsalter für die vom Volk direkt gewählten Stadtoberhäupter erreicht.

Den Übergang in den „Unruhestand“, vor dem sich Manfred Rommel so gefürchtet hatte, meisterte der schwer Erkrankte mit einer Mischung aus geradezu preußischer Disziplin und schwäbischem Fatalismus: „Ich hege nicht die Absicht, in absehbarer Zeit in die Grube zu fahren – ich habe noch allerhand vor.“ Und in der Tat: Stuttgarts bekanntester Pensionär unterwarf sich viele Jahre lang einem bewundernswerten, selbst auferlegten Programm. Morgendliche Gymnastik und regelmäßiges Gehen gehörten dazu; vor allem aber unermüdliche geistige Arbeit an seinem Computer im Sillenbucher Häusle, solange beides noch ging. Mit diesem „Überlebenstraining“ trotzte er den Schwankungen seiner Krankheit und machte vielen Leidensgenossen Mut. Immer wieder bekannte er sich öffentlich zu der unheilbaren Krankheit, viele andere, etwa der Schauspieler Otfried Fischer, sind ihm darin gefolgt.

Hinter den Witzen verbarg er seine Sorgen

Aktiv und produktiv hat Manfred Rommel die Zeit nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Oberbürgermeisters gestaltet. Seine 19 Bücher erreichten eine Auflage von rund 900 000, insbesondere die 1998 erschienenen Erinnerungen unter dem beziehungsreichen Titel „Trotz allem heiter“ – sein unverzagtes Lebensmotto für die ihm verbliebenden Jahre. Dazu veröffentlichte er mehr und mehr Gereimtes und Ungereimtes, Heiteres und Besinnliches, manchen Nonsens und allerlei Wortakrobatik. Viele hielten ihn für einen Humoristen – ein krasses Missverständnis. Hinter den Witzen, Aphorismen und Kalauern verbarg er seine Sorgen und auch den Zorn über seine Krankheit. Wie es in ihm wirklich aussah, mochte er nicht preisgeben.

Als Kolumnist der Stuttgarter Zeitung hat er jahrelang zu aktuellen politischen Fragen Stellung genommen – im Februar 2008, als selbst das Diktieren nicht mehr ging, weil seine Stimme versagte, gab er die ihm wichtige und lieb gewordene Kolumne auf. Rastlos war der gefragte Autor im Land unterwegs gewesen zu Lesungen, Vorträgen und Diskussionen. Rommel konnte und wollte nicht Nein sagen. Überall drängten sich die Menschen, um ihn zu hören und zu sehen. Dabei genoss er, bei aller Selbstironie keineswegs uneitel, jeden Auftrittsapplaus, wenn er, langsamen Schrittes, einen Saal betrat und die Leute sich von ihren Plätzen erhoben, um ihm Respekt zu zollen. „Ich bin wie ein altes Zirkuspferd – wenn die Musik ertönt, muss ich traben.“

Er war demonstrativ tolerant

Dieser schwäbische Christdemokrat war ein skeptischer Optimist, persönlich integer und bescheiden, dazu demonstrativ tolerant und liberal, was seinen Parteifreunden, aber auch vielen Bürgern, die ihn verehrten, ja geradezu liebten, mitunter zu weit ging. Als er sich 1977 gegen seinen Mentor Hans Filbinger wandte, weil dieser den unbotmäßigen Stuttgarter Schauspieldirektor Claus Peymann hinauswerfen wollte nach dessen Spendenaufruf für den Zahnersatz der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin – da ballten die Konservativen in seiner Partei die Fäuste in den Taschen.

Tief verletzt und irritiert fühlte sich der schwäbische Bürgerstolz, als der Oberbürgermeister den Doppelmord eines Schwarzafrikaners an zwei Polizeibeamten 1993 auf der Gaisburger Brücke mit den Worten kommentierte: „Es hätte auch ein Schwabe sein können.“ Vollends untendurch in den konservativen Kreisen der CDU war er, als er sich demonstrativ für die doppelte Staatsangehörigkeit aussprach und als Erster in seiner Partei feststellte: „Deutschland ist ein Einwanderungsland.“ Manfred Rommel hat der kommunalen Außenpolitik vielerlei Impulse gegeben.

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