Nachruf auf Peter Scholl-Latour Weltenerklärer der alten Schule

Von Markus Reiter 

„Ich glaube nur, was ich selbst gesehen habe“: Der Journalist und Erfolgsautor Peter Scholl-Latour, der bis ins hohe Alter als Experte für Kriege und Krisen rund um den Globus gefragt war, ist mit neunzig Jahren gestorben

Eine Institution unter Deutschlands Meinungsmachern:  Peter Scholl-Latour (1924–2014) Foto: Getty
Eine Institution unter Deutschlands Meinungsmachern: Peter Scholl-Latour (1924–2014) Foto: Getty

Stuttgart - Als der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini im Februar 1979 aus seinem Pariser Exil nach Teheran zurückkehrte, waren der deutsche Fernsehjournalist Peter Scholl-Latour und sein Team mit an Bord. Während die Maschine den türkischen Teil Kurdistans überflog, bat ihn der Khomeini-Vertraute Sadegh Tabatabai zu einer Unterhaltung mit dem Ayatollah. Am Ende des Treffens überreichte Tabatabai Scholl-Latour ein braunes Kuvert: „Nehmen Sie das bitte an sich. Wenn wir bei der Ankunft verhaftet oder getötet werden, verstecken Sie es gut.“ Die Ankunft verlief friedlich, und der Deutsche gab das Kuvert zurück. Erst viel später erfuhr er, was sich darin befunden hatte: die Verfassung für die Islamische Republik Iran. „Ich war also zwei Stunden lang der Wächter der iranischen Verfassung“, erzählte Peter Scholl-Latour vor fünf Jahren in einem Interview mit „Spiegel-Online“.

Die Episode wie ihre lakonische Einschätzung sind typisch für den Grandseigneur des deutschen Journalismus. Peter Scholl-Latour sah sich gerne als jemand, der Weltgeschichte nicht nur wie ein Leitartikler aus der Ferne verfolgt und analysiert, sondern mitten drin ist. „Ich glaube nur, was ich selbst gesehen habe“, sagte er einmal. Den Wunsch mitzumischen hatte Scholl-Latour schon als junger Mann. Er wurde 1924 in Bochum geboren. Sein Vater, ein Arzt, stammte aus dem Saarland und war in Lothringen aufgewachsen. Seine jüdische Mutter war Elsässerin. Nach den Nürnberger Rassegesetzen galt Scholl-Latour als „Mischling 1. Grades“. Seine Eltern schickten ihn deshalb auf ein Internat in die Schweiz, von dort musste er aber später nach Deutschland zurückkehren.

Nur mit Glück überlebt

In seinen 1988 erschienen Erinnerungen „Leben mit Frankreich – Stationen eines halben Jahrhunderts“, seinem wohl persönlichsten Buch, schildert Scholl-Latour, wie er gegen Ende des Krieges versuchte, sich zu Titos jugoslawischen Partisanen durchzuschlagen. In der Steiermark ergriff ihn die Gestapo. Er wurde gefoltert. „Die Erfahrung hat auf mich wie ein Stahlbad gewirkt und mich gegen alle anderen Prüfungen abgehärtet. Ich habe in jenen Tagen entdeckt, dass das Böse wirklich existiert, im Christlichen würde man von der Erbsünde sprechen“, schreibt er über seine Haft. Eine Erkrankung an Fleck­typhus überlebte er nur mit Glück.

Unmittelbar nach dem Krieg meldete sich Scholl-Latour zu einer französischen Fallschirmspringer-Einheit, die in Indochina am vorletzten großen Kolonialkrieg Frankreichs teilnahm. Auf seine damaligen Kampferfahrungen kommt der Journalist in vielen seiner Bücher zu sprechen. So sollten ihn seine Leser und Zuschauer sehen: als den Mann, der die schmutzigen Seiten des Krieges, seine Greuel, nicht nur als Beobachter, sondern als Beteiligter kennt. In seinem größten Erfolg, dem 1980 erschienen und mehr als 1,2 Millionen Mal verkauften Buch „Der Tod im Reisfeld“ über die Vietnam-Kriege baute er auf diese frühen Indo­china-Erlebnisse.

Das Kriegerische zog ihn an

Der Vietnamkrieg der Amerikaner hat ihn nicht, wie viele andere in dieser Zeit, zu einem Pazifisten gemacht. Im Gegenteil, als Weltenerklärer der Deutschen zeigte Scholl-Latour nur allzu oft seine Verachtung für eine konsensorientierte Friedenspolitik. Das Kriegerische zog ihn an, er bewunderte es sogar. Bei aller inhaltlichen Distanz zum Islam konnte er so den Mudschaheddin und den islamistisch motivierten Kämpfern überall auf der Welt einen gewissen Respekt zollen. Der Westen hingegen war ihm zu verweichlicht. Diese machohafte, testosterongesättigte Perspektive auf die Welt verstärkte sich in späteren Jahren. Schon hoch in den Achtzigern, fuhr der Weitgereiste mit Rebellen in einem Konvoi durch Libyen, als sei er noch auf dem Höhepunkt seiner körperlichen Kraft.

Scholl-Latour hat über 120 Länder bereist. Es gibt kaum eine Weltgegend, in der er sich nicht auskannte und die den Deutschen zu erklären er nicht bereit gewesen wäre. Er lebte abwechselnd in der Nähe von Bonn, in Paris und in Nizza, sprach natürlich Französisch, seine zweite Muttersprache, Englisch und Arabisch. Und dennoch ist man nicht geneigt, ihn einen Kosmopoliten zu nennen. Es fehlte ihm das Empathische, wie es den Schriftsteller Ilija Trojanow auszeichnet, der als weltreisender Reporter ein zeitgemäßes Gegenbild zu Scholl-Latour abgibt. Das liegt zum einen daran, dass der Journalist bis in die Sprache hinein die kolonialistische Perspektive nie ablegen konnte. Den US-Präsidenten Barack Obama zum Beispiel nannte er bis zuletzt trotzig einen Mulatten. Aus seinen Büchern sprach stets ein achselzuckendes, aber spürbares Bedauern über das Ende der Herrschaft des weißen Mann.

Er hatte viele Neider

Zum anderen blieb er in seinen Erklärungen meist eindimensional. Wo immer sich auf der Welt ein Konflikt auftat, erkannte er darin einen Zusammenstoß der Religionen, vor allem des kriegerischen Islams und eines schwächelnden Christentums. Damit überging er nicht nur die religiösen Unterströmungen und Traditionen innerhalb des Islams wie den eher mystischen Sufismus, sondern er ignorierte auch weitgehend die ökonomischen Bedingtheiten der Konflikte. Deutsche Islamwissenschaftler haben ihn dafür gehasst. Sie neideten ihm aber auch, dass es ihm gelungen war, die öffentliche Diskussion über die weltpolitische Rolle des Islams zu dominieren. Es gehörte lange zum guten Ton unter Islamwissenschaftlern, sich über Scholl-Latour lustig zu machen.

Sie haben sich damit keinen Gefallen getan, denn Scholl-Latour brachte als Fernsehjournalist, Talkshowgast und Buchautor eine nüchterne, abgeklärte Einschätzung in so manche aufgeregte Debatte, auch im hohen Alter noch, als er seine Ansichten immer mehr gegen den Zeitgeist bürstete. Während Teile der deutschen Publizistik den Aufstand gegen den syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad als Fortsetzung des Arabischen Frühlings feierten, warnte er illusionslos, der Westen werde den Diktator bald wieder als Verbündeten gegen die Islamisten brauchen. Peter Scholl-Latour hat wieder einmal Recht behalten. Er hätte dies mit grimmiger Befriedigung zur Kenntnis genommen. Die Gelegenheit dazu blieb ihm versagt. Am Samstag starb der große Journalist und Weltenerklärer im Alter von neunzig Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in seinem Haus im Bad Honnefer Stadtteil Rhöndorf.




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