Nachruf auf Rosemarie Fendel Die Frau mit dem Stachel

Von Tilmann Gangloff 

Viele Zuschauer werden sie als ältere Dame mit einer gewissen Kratzbürstigkeit erinnern. Sie war eine der wichtigsten deutschen Schauspielerinnen und lieh Elizabeth Taylor ihre Stimme: Rosemarie Fendel ist im Alter von 85 Jahren gestorben.

Rosemarie Fendel (1927 – 2013) Foto: dpa
Rosemarie Fendel (1927 – 2013) Foto: dpa

Frankfurt - Die meisten Zuschauer werden sich in einigen Jahren an Rosemarie Fendel als ältere Dame erinnern, die sich durch eine gewisse Kratzbürstigkeit auszeichnete. Die 1927 im Koblenzer Ortsteil Metternich geborene Schauspielerin wirkte zuletzt vor allem in Produktionen der ARD-Tochter Degeto mit und war unter anderem ein wichtiger Bestandteil der Fernsehfamilie Sonnenfeld. In insgesamt neun Filmen der Reihe spielte sie die leicht zickige Großmutter, die eine Vorliebe für das letzte Wort hat und dazu neigt, ­Kinder und Kindeskinder nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Das war zwar eine Rolle von der Stange, aber Rosemarie Fendel ­verkörperte die alte Dame mit großer ­Würde. Sollte sie der Meinung gewesen sein, die Rolle sei eigentlich unter ihrem Niveau, so hat sie sich das zumindest nie anmerken lassen.

Über welche charismatische Kraft die Schauspielerin auch im hohen Alter noch verfügte, zeigten dagegen die Dramen „Mensch Mutter“ (2004) und „Das zweite Leben“ (2007), in denen sie gemeinsam mit ihrer Tochter vor der Kamera stand: Suzanne von Borsody, ihr einziges Kind, stammt aus der Ehe mit dem Schauspieler und Regisseur Hans von Borsody. Später war Fendel mit dem Regisseur Johannes Schaaf liiert; ihren Lebensabend hat sie als „bekennender Single“ allein im Frankfurter Stadtteil Höchst verbracht.

Fotos aus früheren Jahren zeigen die große Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter, aber auch, dass Rosemarie Fendel zwar attraktiv, aber keine klassische Schönheit war. Das hatte immerhin den Vorteil, dass sie sich nie von der Rolle der jungen Liebhaberin emanzipieren musste. Ihr größtes Kapital war aber womöglich ohnehin ihre Stimme, die sie als Synchronsprecherin viele Jahre lang weltberühmten Kolleginnen wie Elizabeth Taylor und Jeanne Moreau lieh. Darüber hinaus schrieb sie auch Drehbücher (unter anderem zum von Schaaf inszenierten Kinofilm „Momo“, 1986).

Das Etikett „Mutter der Nation“ blieb ihr erspart

Wenn es in den Figuren, die sie in Dutzenden von Theaterinszenierungen und weit über hundert Filmen und Serienfolgen verkörpert hat, eine Konstante gab, dann diese: Sie hat es nie darauf angelegt, dass ihr die Sympathien des Publikums zuflogen. Diese Haltung prägte auch ihre Altersrollen. Warum sich Fendel über 65 Jahre lang zu den wichtigsten deutschen Schauspielerinnen zählen durfte, zeigte zuletzt der Film „Die Schwester“ von Margarethe von Trotta (2010), ein Film über die Hassliebe zweier Schwestern, die seit sechzig Jahren zusammenleben und sich gegenseitig schikanieren. Fendel und Cornelia Froboess stachelten sich hier regelrecht gegenseitig zur Höchstleistung an.

Die Karriere von Rosemarie Fendel begann 1947 an den Münchener Kammerspielen. Später folgten Engagements unter anderem am Landestheater Tübingen sowie unter Gustaf Gründgens in Düsseldorf. Im Anschluss an einen sechsjährigen Mutterschutz nach der Geburt ihrer Tochter begann sie Mitte der Sechziger eine zweite Laufbahn im Fernsehen. Mit ihren Rollen in den Serien „Der Nachtkurier meldet“ und „Der Kommissar“ spielte sie sich in die Herzen der TV-Zuschauer. Weil sie stets darauf bedacht war, nicht in einer Schublade zu landen, blieb ihr auch das eigentlich unvermeidliche Etikett „Mutter der Nation“ erspart. Es hätte ohnehin nicht gepasst, dazu legte Fendel ihre Rollen viel zu stachelig an.

Während andere Schauspieler im Alter deutlich kürzer treten, weil die Strapazen von Dreharbeiten über ihre Kräfte gehen, ließen Fendels herzerfrischende Auftritte in den „Familie Sonnenfeld“-Filmen den Schluss zu, dass die 85-Jährige noch gut in Schuss war. Am Mittwoch ist die Vollblutschauspielerin, die ein Leben lang auf ihren „böhmischen Bauch“ gehört hat, nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.