Schwäbisch Hall - Wohl kein anderer Politiker der Bundesrepublik hat so lange und so nachhaltig versucht, Politik und Moral zu vereinbaren. Erhard Eppler, der bis 1997 dem Präsidium des Evangelischen Kirchentages angehörte, handelte aus christlich-protestantischem Geist heraus. Als Bundesentwicklungsminister geriet er in Konflikt mit dem Pragmatiker Helmut Schmidt. Er zog sich aus der aktiven Politik zurück und wollte die SPD öffnen für Ökologische Fragen und Belange der Friedensbewegung. Er gestaltete das Grundsatzprogramm seiner Partei maßgeblich mit und leitete die Grundwertekommission bis 1991. Erhard Eppler ist am 19. Oktober im Alter von 92 Jahren in Schwäbisch Hall gestorben.
Schwabe war er nicht nur von Geburt, sondern aus Überzeugung. Die Widerspenstigkeit, die bei ihm immer wieder durchbrach, mag sich von daher erklären. Als Sohn eines Studienrates wurde Erhard Eppler am 9. Dezember 1926 in Ulm geboren und wuchs in Schwäbisch Hall aus. In Tübingen und Bern studierte er die Fächer Deutsch, Englisch und Geschichte und wurde Studienrat in Schwenningen. In die Politik zog es ihn zunächst nicht. Aber als Anfang der fünfziger Jahre über eine Wiederaufrüstung debattiert wurde, schloss er sich Gustav Heinemann an (der als Bundesinnenminister deswegen zurückgetreten war) und gründete mit ihm die Gesamtdeutsche Volkspartei. Später bemerkte er dazu: „Ich habe nie beschlossen, Politiker zu werden. Aber da gab es die Frage der Wiederaufrüstung. Ich war selbst noch Soldat gewesen und hatte die Kapitulation miterlebt.“
Bei Afrika-Politik an Helmut Schmidt gescheitert
Weil die Parteineugründung bei Wahlen aber nicht erfolgreich war, trat Eppler 1956 in die SPD ein. Über die Landesliste der baden-württembergischen SPD kam er 1961 erstmals in den Bundestag. Er war Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Das prädestinierte ihn dazu, in der Großen Koalition unter Kanzler Kiesinger 1968 das Entwicklungsministerium zu übernehmen. Für Eppler war das ein Aufbruch zu neuen Ufern. Für ihn war Entwicklungspolitik internationale Sozial- und Friedenspolitik. Die Bundesrepublik sollte sich als Zivil- und Friedensmacht präsentieren.
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Neben der Ost-West-Problematik wurden sich die Menschen erstmals auch der Nord-Süd-Probleme bewusst. Eppler gelang es, die Entwicklungspolitik als dritte Säule der Außenpolitik neben der West-und Ostpolitik zu etablieren. Afrika bildete den Schwerpunkt. Eppler setzte auch auf die Europäische Gemeinschaft und höhere Transferleistungen – und scheiterte damit an dem Pragmatiker Helmut Schmidt, der 1974 in der Nachfolge Willy Brandts das Kanzleramt übernommen hatte. Eppler, der seinen Prinzipien treu bleiben wollte, erklärte seinen Rücktritt und schied zwei Jahre später auch aus dem Bundestag aus. Aber das bedeutete nicht, dass er nun der Politik den Rücken kehrte, vielmehr engagierte er sich fortan in der baden-württembergischen Landespolitik. Die SPD hatte ihn schon 1973 zum Landesvorsitzenden gewählt.
Nun versuchte der Heimkehrer aus Bonn die Landes-SPD zu einer offenen und ökologischen Partei fortzuentwickeln. Aber der Wahlkämpfer Eppler (ein Wort, dem er nie etwas abgewinnen konnte) kam bei den Wählern nicht an. Bei der Landtagswahl 1976 erlitt die Partei Verluste. Die Genossen hielten ihm mangelnde Führungsqualitäten und die Intellektualisierung politischer Fragen vor. Gleichwohl gelang es Eppler, im Landesverband den langfristigen Abschied von der Atomenergie durchzusetzen. Aber bei der Landtagswahl 1980 verlor die SPD abermals Stimmen, und erstmals zogen die Grünen in ein Landesparlament ein.
Gerade dieser Umstand war für den umweltbewussten Landesvorsitzenden überaus bitter. Schon etliche Jahre zuvor hatte der SPD-Politiker Peter von Oertzen festgestellt: „Grüne Listen verzeichnen bei Kreistagswahlen in Niedersachsen erste Erfolge – überwiegend zu Lasten der SPD.“ Wie sollte die Partei darauf reagieren? Eppler hatte empfohlen: So wie die Partei „ein Stück weit die jungen Leute aus der Studentenrevolte“ integriert habe, müsse die SPD nun auffangen, „was hier aufgebrochen ist“. Bald warnte auch Willy Brandt vor der Bedrohung durch eine grüne Partei und forderte die Genossen auf, „selbst ein Stück grüner Partei zu sein“. Aber Kanzler Schmidt hörte nicht darauf. Für ihn war Eppler nur ein „Bußprediger“, der schon 1975 in seinem Buch „Ende oder Wende“ zum Umdenken und zu mehr ökologischem Bewusstsein aufgefordert hatte. Eppler konterte mit der Feststellung, Helmut Schmidt gerate immer mehr in die Rolle eines Nachlassverwalters der traditionellen SPD. Die Geschichte werde das Urteil über ihn sprechen.
Das überlagernde Thema, das die Konflikte in der Partei verschärfte, wurde die Sicherheitspolitik. Der von Schmidt angeregte Nato-Doppelbeschluss als Gegenmittel gegen die sowjetischen SS-20-Raketen forderte nicht nur die alternative Kräfte in der Bundesrepublik heraus, sondern auch Gesinnungspolitiker wie Erhard Eppler. Er führte die innerparteiliche Opposition gegen Schmidt an.
Als Eppler auf einer Kundgebung der Friedensbewegung im Oktober 1981 in Bonn sprechen wollte, warnte ihn Schmidt vor „anti-amerikanischer Aufputschung“. Er solle sich fernhalten. Der Moralist Eppler hielt sich aber nicht daran und erhielt dafür ein Lob vom SPD-Bundesvorsitzenden Brandt. Danach verlor er allerdings in der Partei an Boden, er wurde 1982 aus dem Präsidium abgewählt. Die Leitung der Grundwertekommission behielt er allerdings bei, widmete sich aber fortan seinen Aufgaben im Kirchentag und in der Friedensbewegung. Erst in der Aera nach Schmidt kehrte er in das Präsidium zurück und wirkte maßgeblich am SPD-Grundsatzprogramm mit, das er als „Plattform für eine Mehrheit links von der Union“ verstand.
Protestantisches Christentum statt Marxismus
Ein Grundsatzpapier, das er gemeinsam mit Vertretern der ostdeutschen SED formulierte, stieß auf ein geteiltes Echo. Doch Verdächtigungen, die das Papier auslöste, waren fehl am Platz. Epplers geistiger Urquell war nicht der Marxismus, sondern das protestantische Christentum und seine Ethik. Auch nach seinem allmählichen Rückzug aus seinen Parteiämtern blieb er der Vordenker und Mahner der SPD. Er habe, so sagte er nicht ohne Selbstbewusstsein, die Gesellschaft um so stärker geprägt, je weniger staatliche Macht er innehatte. Und er fügte hinzu: „Ich bin arrogant genug, nur solche Dinge zu machen, die ich besser kann als andere Menschen.“
Andererseits sagte er, als er wegen fünfzigjähriger Parteimitgliedschaft geehrt wurde, mit viel Selbstironie: „Viele von meiner Sorte hätten der Partei wohl nicht gut getan.“ Auch zitierte er gelegentlich den Briten George Orwell: „Jede Biografie von innen gesehen ist nichts als eine Serie von Niederlagen.“ Vor allem seine Niederlagen als baden-württembergischer Landesvorsitzender hat er wohl schwer verkraftet. Aber als Vordenker und unbeugsamer Moralist wusste er sehr wohl, was er wert war. Vieles hat er früher kommen sehen als andere. Aber er räumte resignierend ein: „Wer zu früh kommt, den bestrafen die Parteifreunde.“