Nachruf Friederike Mayröcker Die talismanische Kraft der Sprache
Mit ihrem jüngsten Buch war die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker gerade noch für den Leipziger Buchpreis nominiert. Jetzt ist sie mit 96 Jahren in Wien gestorben.
Mit ihrem jüngsten Buch war die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker gerade noch für den Leipziger Buchpreis nominiert. Jetzt ist sie mit 96 Jahren in Wien gestorben.
Wien - Sie gleiche von Tag zu Tag mehr einem „Blindmeister“, hat Friederike Mayröcker einmal geschrieben. „Verwende jetzt schon die schärfsten Brillen, die für Kleinstschrift vorbehalten waren, für die ganz gewöhnlichen Druckseiten des Buches“. Doch so sehr die Kraft der Augen auch nachgelassen haben mag – Mayröckers Texte waren bis zuletzt erfüllt von einem hellwachen Bewusstsein für die Erscheinungen der Welt. Sie lassen hören und sehen, wie die Landschaften einwandern in das Gehirn und wie in der Sprache Schneefunken und „verschleierte Hortensien“ leuchten. Ein Staunen erfüllt diese Texte, ein Staunen darüber,„wie bläulich der Himmel sich mir kredenzt“, aber auch über die Bewegungen des Körpers und über das Unsichtbare.
Die Kraft eines „euphorischen Auges“ hat der Dichter Thomas Kling einmal in Mayröckers Texten ausgemacht. Es ist ein Sehen, das sich nicht auf die äußere Wirklichkeit beschränkt, auch wenn die haarfeinen Wahrnehmungen und Irritationen eines „Augen- / Ohrenmenschen“ äußerst wichtig sind. Vielmehr umfasst die Bewegung alle Sphären, die Körperregungen ebenso wie die Imagination und die Gedächtnisbilder. Diese Bewegung scheint für Friederike Mayröcker der eigentliche Antrieb des Schreibens gewesen zu sein, wobei ihre ganze Liebe den Wörtern galt.
In einer Art ekstatischem Zustand, einer „Beseelung“, wie Mayröcker einmal notiert hat, schafft die Schreibende die Dinge zu Sprache um. Eigene Wahrnehmungen und Träume, Leseeinfälle und Erinnerungen verwandeln sich in ein Gefüge aus Motiven und Sprachvariationen. Ein Gefüge, das ebenso endlos anmutet wie das Gespräch mit dem Du – und in dem alle Phänomene gleich wichtig und bedeutsam sind, „die unscheinbaren Dinge des Lebens neben den groszen Dingen“. Und so mischen sich Botschaften von Postkarten mit Stimmen aus dem Radio, das Lesen in Texten von Jacques Derrida, Francis Ponge oder Elke Erb geht über in die Erinnerung an Reisen. Dazwischen flicht Friederike Mayröcker ihre Bilder, einen hoppelnden Hasen etwa oder Flugtiere, mit denen sich leicht eine ganze Voliere füllen ließe.
Jenes Durchströmtsein von Sprache, von dem Mayröcker immer wieder schrieb, wenn der ganze Körper zu pulsieren scheint und die Silben noch in den Fingerspitzen spürbar sind – es kehrt in den Texten wieder, als Rhythmus, als „talismanische Kraft“ kunstvoll verschlungener Lautgirlanden, die sich vor dem Leser nach und nach ausbreiten und ihn in ihre Welt ziehen. Selbst in einem Kindervers wird diese Sprachkraft spürbar: „Meine Walderdbeere, meine Zuckerechse, meine Trosttüte, mein Seidenspinner …“.
„Wie ich dich nenne wenn ich an dich denke und du nicht da bist“, lautet der Titel des kleinen Stücks. Und tatsächlich scheint das Fehlende, das Spüren von etwas, das sich in allen Lebensmomenten entzieht, noch dem unscheinbarsten Text eingeschrieben. Dazu mag passen, was Friederike Mayröcker einmal ihre „poetische Urszene“ genannt hat. Als kleines Kind verbrachte sie die Sommer mit ihren Eltern in einem niederösterreichischen Dorf. Die ländliche Atmosphäre, die vertraute und zugleich ungewohnte Umgebung, rief eine Art von Wehmut hervor, die sich nur durch das Spiel auf einer Mundharmonika beruhigen ließ.
Überhaupt scheint das eigene Leben der Echoraum gewesen zu sein, aus dem sie ihren Schreibstoff gewann. Die Kindheitsjahre in Wien. Die enge Beziehung zu ihrer Mutter, der sie bis zuletzt vorgelesen hat. Und erst recht die Liebes- und Schreibliaison mit dem Dichter Ernst Jandl. 1954 hatte sie Jandl kennengelernt, ihr Schreib-Leben ist ohne diesen Dichter gar nicht vorstellbar. „Wir waren einander vollkommen widersprechende Naturen“, sagte Friederike Mayröcker über die Verbindung. Tagsüber arbeiteten beide in ihren eigenen Wohnungen, abends trafen sie sich zu Gesprächen. Die Idee eines festen Berufes freilich gab sie schnell auf. Nach ihrem Englisch- Studium unterrichtete sie an einer Wiener Hauptschule, ließ sich aber 1969 beurlauben. Fortan wollte sie nur noch schreiben.
Und ihre beweglichen Texte fanden von Anfang an Gehör. „Gut wie Mayröcker“ galt schon in den fünfziger Jahren als Lob in den Kreisen der österreichischen Avantgarde. Weit über 100 Texte hat sie geschrieben, neben den Gedichten vor allem Prosaskizzen, Romanartiges, Hörspiele und Kinderbücher. Es ist ein Schreiben, das von „Nerven Stenographien“ lebt und „überfluteten Figuren“. Und das sich aus der Überzeugung speist, die Grenze zwischen Leben und Kunst überwinden zu können, vielleicht sogar Raum und Zeit.
Mit dem Band „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ hat sich Friederike Mayröcker von ihren Lesern verabschiedet, nominiert für den vor wenigen Tagen verliehenen Leipziger Buchpreis. Jetzt ist sie in Wien gestorben, wie der Suhrkamp Verlag an diesem Freitag mitgeteilt hat. Ihre „Splitterchen auf dem Kellerboden“ aber werden noch lange bleiben.