Heinz Kälberer war von 1981 bis 2006 Oberbürgermeister von Vaihingen an der Enz. Foto: Stadt Vaihingen
Vaihingen/Enz trauert um den Ehrenbürger und früheren Oberbürgermeister Heinz Kälberer – einen Menschen, für den Heimatverbundenheit und der Blick über den Tellerrand zusammengehörten.
Politiker, ganz gleich ob in der Welt oder in einem Dorf zu Hause, brauchen ein ausgeprägtes Talent zum Weitblick. „Wisset Se“, hat der damalige Vaihinger Oberbürgermeister Heinz Kälberer einige Monate vor dem Ausscheiden aus seinem Amt gesagt, „wenn mr so weitermachet, send eines Tages die Käferle wichtiger als die Bedürfnisse der Menschen“.
Es ging, wie so oft im Leben eines Stadtoberhaupts, um ein Infrastrukturprojekt, vulgo: um eine Straße. Und noch bevor das Regierungspräsidium mit dem ordentlichen Erörterungsverfahren zur Planfeststellung beginnen konnte (und sogar lange bevor der Juchtenkäfer im Zuge der Auseinandersetzung um Stuttgart 21 zu Ehren kam), hatte Kälberer geahnt, wohin der Hase künftig laufen würde: in einen Stall voller Amtsschimmel, die immer mehr Paragrafen absondern.
Heinz Kälberer im Jahr 2012. Foto: dpa (Archiv)
Tatsächlich war dem Mann, der von 1981 bis 2006 Oberbürgermeister und danach Ehrenbürger von Vaihingen/Enz war, kaum etwas so zuwider wie amtsdeutsche Bürokratie. Eher agierte er in der Art wie Manfred Rommel in Stuttgart. Brüder im Geiste waren die beiden, knitz und lebenserfahren, belesen und gescheit, heimatverwurzelt und weit über den Tellerrand hinausblickend. Und noch einen aus der Riege der Altvorderen gibt es, mit dem Kälberer mehr als nur eine geistige Nähe verband: Gerhard Mayer-Vorfelder. Wie der Minister und VfB-Präsident konnte Kälberer virtuos mit Tabak und Wein umgehen, ohne dabei vor der Zeit müde zu werden. Den frühen Vogel jedenfalls fing Kälberer nicht selten, ohne davor im Bett gewesen zu sein.
Bürgernaher Tausendsassa
Diese Präsenz hat Spuren hinterlassen. In der Stadt sind sie heute noch zu sehen, am neuen Bahnhof zum Beispiel, der ihm viel Spott einbrachte, weil er so weit außerhalb des Zentrums liegt, dafür aber – sinnvollerweise – direkt an der damals neu gebauten Schnellbahntrasse zwischen Mannheim und Stuttgart. Auch die Gestaltung der Fußgängerzone, die Integration der sage und schreibe neun Stadtteile in der Phase nach der Gemeindereform sowie die wirtschaftliche Stabilisierung der Stadt nennt Kälberers Nachnachfolger Uwe Skrzypek-Muth in einem von der Stadt verschickten Nachruf als Meilensteine aus Kälberers Amtszeit.
„Es war ein Glück für die Stadt, dass sie nie Geld hatte.“
Heinz Kälberer, zum Abschied aus dem OB-Amt
Dabei hat es der Mann, der sich selbst stets beim Nachnamen nannte und sogar enge Wegbegleiter siezte, stets als Luxus empfunden, dass Vaihingen arm geblieben war. „Es war ein Glück für die Stadt, dass sie nie Geld hatte“, sagte Kälberer zu seinem Abschied, „sonst hätte man in den sechziger und siebziger Jahren viele alte Gebäude abgerissen und im damaligen Stil wieder aufgebaut.“ Heute klingt das wie eine Drohung.
Auch außerhalb seiner Wahlheimat gelangte der gebürtige Älbler zu größerer Bekanntheit – als bürgernaher „Tausendsassa“, der mit vielen Bällen jonglierte: Er war Vizepräsident des Volksbunds der deutschen Kriegsgräberfürsorge, Präsident der Landesverkehrswacht, Mitglied des SWR-Rundfunkrats und – landesweit sichtbar – Vorsitzender der Freien Wähler in Baden-Württemberg, denen er eine wahrnehmbare Stimme gab.
„Mensch, Kälberer, was ist denn wirklich wichtig?“
Und doch lief nicht alles glatt in seinem Berufsleben. Da sind die beiden Niederlagen bei Landratswahlen – erst in Reutlingen, später in Ludwigsburg. Und schließlich der Realitätsverlust, den Menschen gerne erleiden, wenn sie zu lange in ihrem Kokon eingeschlossen waren. Mühsam hat der Jungpensionär anno 2006 lernen müssen, wie viel das Porto für einen Standardbrief beträgt.
Dabei ist ihm die Erkenntnis gekommen, dass sich womöglich noch so manches andere verändern würde in den nächsten Jahren und er deswegen vielleicht mit einer Tätigkeit beginnen sollte, die er lange vernachlässigt hat: nachdenken, über sich. „Ich habe immer nach dem Kalender gelebt, bin spät heimgekommen und habe die Wochenenden durchgearbeitet. Das will ich nicht beklagen. Aber jetzt frage ich mich: Mensch, Kälberer, was ist denn wirklich wichtig?“, sagte er dann und wusste, dass der Druck, unter dem er ständig gelebt hat, auch ein Vorwand war, um nicht über Grundsätzlicheres zu grübeln.
Das hat er in den vergangenen zwanzig Jahren hoffentlich nachgeholt. Am Nachmittag des 17. Januar 2026 ist Heinz Kälberer im Alter von 83 Jahren gestorben.