Nachruf Rosa von Praunheim hat die Gesellschaft verändert

Filmemacher Rosa von Praunheim (1942-2025) Foto: Imago/Depositphotos

Vermutlich hat kein Regisseur in Deutschland mehr Filme gedreht als Rosa von Praunheim. Es war auch Sperriges darunter. Doch mit seinem Werk hat er eine ganze Bewegung angestoßen.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Es gibt Filmtitel, die unabhängig vom Werk eine eigenständige Existenz gewonnen haben. „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ aus dem Jahr 1971 gehört dazu. Ein damals 29-jähriger Regisseur aus Berlin hatte dieses gut einstündige Werk im Auftrag des WDR geschaffen, eine Mischung aus Spielszenen, Dokumentation und gestellter Dokumentation, die Einblick geben sollte in die Lebenswelt einer damals stark ausgegrenzten und strafrechtlich inkriminierten gesellschaftlichen Minderheit. Der Regisseur hieß Rosa von Praunheim, und von diesem Zeitpunkt an war er – nein, keineswegs gleich berühmt, aber bekannt.

 

Einer, der alle provoziert

Wer verstehen will, warum dieser Film so viele bewegte und hernach vieles bewegte, und wer den Film selbst nicht kennt, muss eines wissen: Auch, wenn der Titel vielleicht anderes suggeriert, eines tut er definitiv nicht – um das Verständnis oder gar das Mitleid der nicht-schwulen und nicht-lesbischen Gesellschaftsmehrheit werben. Die „perverse Situation“, so lautete Praunheims Botschaft, schafft sich nämlich „der Homosexuelle“ weitgehend selbst. Seinen (oder ihren) Wunsch nach Nähe, nach Zärtlichkeit, nach Sex, womöglich nach Partnerschaft lebt er nur im Geheimen aus, weil er letztlich das Negativurteil der anderen für sich übernommen hat. Nach außen hin kleidet er sich dagegen gern in eine konservativ-bürgerliche Existenz und eifert den Anstandsidealen der konservativen Notstandsgesetze-BRD nach. Der Film war somit eine Provokation für alle.

So wie schon der Name seines Autors: Rosa von Praunheim – der doch eigentlich Holger Mischwitzky hieß (die Boulevardpresse nannt ihn gern lange Zeit demonstrativ beim Geburtsnamen), bis er sich in seinen Akademie-Studienjahren in West-Berlin Mitte der 1960er-Jahre einen Künstlernamen zulegte: „von Praunheim“, weil er in dem Frankfurter Stadtteil aufgewachsen war. Und „Rosa“, weil das die Farbe der Winkel war, mit denen Homosexuelle in den Nazi-KZs gezeichnet waren und oft genug nicht nur den Terror der SS-Schergen überleben mussten, sondern auch die Gewalt ihrer sich besser dünkenden Mitgefangenen anderer Winkel-Couleur.

Rosa von Praunheim in „Ein Virus kennt keine Moral“ (1983) Foto: Imago/Cola Images

Rosa von Praunheim wollte mit sich und seinem Film an den Punkt, wo es schmerzt, und zwar alle schmerzt. Und das wirkte. Als „Nicht der Homosexuelle...“ 1971 vorab bei den Berliner Filmfestspielen in einem Nebenprogramm präsentiert wurde, kam es nach den Vorstellungen in vielen Kinosälen zu teils erregten Diskussionen. In den nächsten Monaten gründeten sich in 70 westdeutschen Städten Aktionsgruppen, die den Beginn einer politisch denkenden, selbstbewusst nach außen agierenden Homosexuellenbewegung markieren – deren Wirkungslinie sich sodann durch die Jahrzehnte zieht bis zu den Partnerschafts- und Antidiskriminierungsgesetzen von heute, von den Massen-CSDs in Stadt und Land ganz zu schweigen. Und die Aktivisten übernahmen auch den Sprachgebrauch, den Rosa von Praunheim ihnen vorlebte: Sie wehrten sich nicht länger gegen das Schimpfwort „schwul“, sondern sie brachen seine zerstörerische Kraft, indem sie es fortan positiv für sich selbst benutzten.

Kämpfer gegen Gemütlichkeit und Kleinbürgertum

Wir mussten das so ausführlich erzählen, weil eben hier der Kern und die große Bedeutung des Filmregisseurs und Autors Rosa von Praunheim liegt. Man kann so viel Nettes über ihn schreiben: wie er die große Revuetänzerin Lotti Huber fürs Kino entdeckt hat („Anita – Tänze des Lasters“, 1987), oder die faszinierende Biografie der DDR-Schwulenaktivistin Charlotte von Mahlsdorf („Ich bin meine eigene Frau“, 1991). Man kann aufzählen, wie viele tolle Regisseure er als Hochschullehrer geprägt hat: Axel Ranisch, Robert Thalheim, Chris Kraus, Julia von Heinz, Tom Tykwer – jawohl! Kein „Babylon Berlin“ mit Tykwer als maßgeblichen Regisseur ohne „Papa“ Rosa von Praunheim!

Man kann ein paar der krudesten Filmtitel von ihm aufzählen: „Die Bettwurst“, „Tunten lügen nicht“, „Der Rosa Riese“ und damit Netz-Klicks machen. Man kann schreiben, wie freundlich und lächelnd er in der Öffentlichkeit auftrat, gern mit bunt karierten Hüten. Man kann die weltweite Anerkennung für ihn umreißen; er gilt in allen Filmgeschichten als Mitbegründer des modernen queeren Kinofilms; für Pedro Almodovars Werk ist er eine wesentliche Quelle. Ach ja, und das Bundesverdienstkreuz gab es 2015 für ihn auch. Aber all das übertüncht ein bisschen, wie sehr es ihm zeit seines Lebens darum ging, gegen den Stachel massenkompatibler Wir-sind-doch-alles-nur-Menschen-Gemütlichkeit zu löcken. In den 1980er und -90er Jahren schimpfte er auf all jene (Schwulen), welche die Aids-Katastrophe klein redeten. Er outete auf dem „heißen Stuhl“ bei RTL die TV-Stars Alfred Biolek und Hape Kerkeling, weil er fand, dass schwule Prominente eine Vorbild-Verpflichtung auch im Privaten haben. Und als die Eheregeln für gleichgeschlechtliche Partnerschaften auch in Deutschland immer offener wurden, stichelte er, ob das nun wirklich die große Freiheit sei, für die man damals in den Revoluzzer-Jahren auf die Straße gegangen sei: das Kleinbürgerglück für alle.

Dass er erst vor wenigen Tagen seinen langjährigen Partner Oliver Sechting nun doch noch offiziell geheiratet hat – nach 17 Jahren! – und offenbar noch eine große Feier deswegen in Berlin stattfand: Das ist dann auch noch ganz zum Schluss „ein typischer Rosa“. Im Alter von 83 Jahren ist Rosa von Praunheim am Mittwoch gestorben. Hoffentlich weiß die ganze Gesellschaft (noch lange) zu schätzen, was er ihr ermöglicht hat.

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