Nachruf zum Tod von Charlie Watts Der Trommler der Galeere
Die Rolling Stones haben ihr Uhrwerk verloren: Schlagzeug-Grundstein Charlie Watts ist heute im Alter von 80 Jahren gestorben. Erst vor wenigen Wochen unterzog er sich einer Rücken-OP.
Die Rolling Stones haben ihr Uhrwerk verloren: Schlagzeug-Grundstein Charlie Watts ist heute im Alter von 80 Jahren gestorben. Erst vor wenigen Wochen unterzog er sich einer Rücken-OP.
London - Alles was man über Charlie Watts wissen muss, spielt sich in einer tradierten Anekdote irgendwann in den nebligen Achtzigern ab: Mick Jagger und Keith Richards feiern betrunken in einem Hotelzimmer, zu später Stunde ruft Jagger bei Watts an. „Wo ist mein Schlagzeuger?“, will er wissen. Der Legende nach legt Watts auf, zieht sich in aller Ruhe seinen Anzug an, bindet seine Schuhe, geht zu Jaggers Zimmer. Als der öffnet, zentriert er ihm eine und sagt: „Nenn mich nie wieder deinen Schlagzeuger. Du bist mein verdammter Sänger!“
Lesen Sie aus unserem Angebot: Rolling-Stones-Schlagzeuger im Alter von 80 Jahren gestorben
So bescheiden und zurückhaltend Charlie Watts war, so stolz war er. Er wusste um seinen Wert als Taktgeber der größten Rock‘n‘Roll-Band der Welt, ihm war bewusst, was sie an ihm haben. Er musste es nur nicht ständig zeigen wie die beiden Silberrücken Jagger und Richards, die sich insbesondere in den Zeiten dieser Anekdote umkreisten wie zwei Silberrücken. Watts war das alles immer zu viel. Das Rampenlicht überließ er zu gern den beiden Alphamännchen, hielt sich aus Skandalen, Groupies und Blitzlichtgewitter raus. Sein Kommentar dazu: „Mich sieht man auf der Bühne eh nicht. Und alles, was ich sehe, ist Mick Jaggers Hintern.“
Charlie Watts wurde am 2. Juni 1941 in London geboren. Schon als Teenager verfällt er dem Jazz, eine Laufbahn als wilder Rock‘n‘Roller erscheint sehr unwahrscheinlich. Dass ausgerechnet er, der Anzugträger, zum Prototyp des Rock-Drummers wird, klingt fast nach Ironie. Er hat weder die Exzentrik eines Keith Moon (The Who) noch den ausschweifenden Hedonismus eines Jon Bonham (Led Zeppelin). Beide wurden nur 32 Jahre alt. Watts brachte es auf 80. Und saß am Reißbrett, als die Rock-Band entworfen wurde.
Erst spielte Watts bei Alexis Korners Band Blues Incorporated, eine von den jungen Jagger, Richards und Brian Jones fast schon kultisch verehrte Band, die es zu einiger Berühmtheit gebracht hatte. Irgendwie schafften es die frischgebackenen Rolling Stones 1963, Watts für sich zu gewinnen. Und welch ein Gewinn es war: Jaggers flamboyante Art und Richards‘ quintessentielle Rock-Lässigkeit mögen nach außen hin das Bild des musikalischen Weltwunders geprägt haben. Im Stillen wusste aber jeder der beiden Paradiesvögel, dass sie nichts wären ohne den Motor, ohne das Uhrwerk namens Charlie Watts.
Fast 60 Jahre gab er auf der Galeere namens Rolling Stones den Takt vor. Die Antithese zum lauten, überheblichen, extravaganten und selbstzerstörerischen Rockstar bewies, dass man auch in feinem Zwirn zum wichtigsten Rock-Drummer einer ganzen Generation werden kann. Ob seine stoische Ruhe im Fiebersturm „Gimme Shelter“, der versetzte Beat im Groover „Honky Tonk Women“, das furios schnelle Spiel in „Paint It, Black“ oder das ebenso minimalistische wie treibende Spiel im vielleicht größten Stones-Hit „(I Can‘t Get No) Satisfaction“: Seine große Passion Jazz verpasste der Musik der Stones einzigartige Akzente, die man weder durch Schnelligkeit noch durch ein aufgeblähtes Drumkit erreichen kann. Ein derart feines, akzentuiertes, swingendes und doch prägnantes Spiel sucht man unter Kollegen seiner Zunft bis heute vergebens.
Lesen Sie aus unserem Angebot: „Trommel in Frieden, Charlie Watts!“
Seit Watts 1963 zu den Rolling Stones kam, gab er ein Bild des britischen Understatement ab: Unerschütterlich, fast schon stoisch, höflich, leise. 1964 heiratete er Shirley Ann Sheperd, führte im südenglischen Devon eine Pferdefarm mit ihr und blieb bis zu seinem Tod an ihrer Seite. Die Bettgeschichten, die vielen Rosenkriege überließ er liebend gern den anderen. Selbst als die Band in Hugh Hefners notorisch wilde Palyboy-Villa eingeladen wurde, vergnügte sich Watts im Billardzimmer, während der Rest der Band direkten Kurs auf die Pools nahm.
Probleme mit Alkohol hatte er auch ohne die großen Rockstar-Exzesse. Mitte der Achtziger wird er zum Trinker, kann sich nur mühsam von der Sucht lösen. Obwohl er Ende der Achtziger auch das Rauchen aufgibt, wird bei ihm 2004 Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Watts dazu: „Es scheint, dass ich immer dann krank werde, wenn die Stones eine Pause einlegen. Vielleicht sollte ich also einfach weitermachen.“
Daraus wurde nichts: Anfang August sagte er aufgrund einer Rücken-OP seine Teilnahme an der angekündigten „No Filter“-Tour durch die USA ab. Es wären seine ersten verpassten Auftritte gewesen, seit er der Band 1963 beitrat. Jetzt ist sein unvergleichliches Schlagzeugspiel für immer verstummt. Zumindest für unsere Ohren.