Was ist das überhaupt, dieses Nachtleben?
Klingt erst einmal wie eine ziemlich blöde Frage. Man geht halt aus, essen, tanzen, ins Theater oder Kino. Aber man nutzt ja auch den Nahverkehr, fährt Taxi, isst einen Döner, trinkt ein Bier am Kiosk. Um eine Klammer für all das zu finden, spricht man von der Nachtökonomie oder griffiger von der „Stadt nach acht“. In Berlin haben sie errechnet, dass alleine die Clubszene 1,5 Milliarden Euro im Jahr erwirtschaftet. Nehmen wir für Stuttgart nur mal ein Zehntel dessen an, dann landet man bei 150 Millionen Euro. Die Clubs machen die Stadt also nicht nur kulturell reicher. Das gilt in gleichem Maße auch für Konzerte, die im Jahr Millionen von Menschen in die Stadt ziehen. Die Wirtschaftsförderung der Stadt will laut Matthias Pfeiffer von der Koordinierungsstelle Nachtleben „eine Studie auf den Weg bringen, um Zahlen zu erheben und überhaupt eine Basis zu schaffen“. Das wird auch eine Aufgabe der beiden neuen Nachtmanager sein.
Warum braucht es gleich zwei Stellen?
Die vielen unterschiedlichen Akteure haben unterschiedliche Interessen. Dadurch bedingt sind bei der Stadt viele verschiedene Ämter mit diesen Anliegen befasst, etwa Ordnungsamt, Stadtplanungsamt, Kulturamt. Deshalb ist die eine Stelle bei der Wirtschaftsförderung angesiedelt; wer dafür erwählt wird, soll als Lotse dienen und für gegenseitiges Verständnis zwischen den Akteuren des Nachtlebens und den Beamten der Verwaltung sorgen.
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Wer für die zweite Stelle gekürt wird, darf sich künftig Nachtmanager nennen und soll in die Öffentlichkeit wirken, Verständnis für die Belange der Clubbetreiber, Musikszene und Veranstalter wecken und für deren Anliegen werben, aber auch vermitteln, wo es Probleme gibt, etwa durch Lärm, Dreck, Kriminalität und Drogen. Anfang März sollen beide Stellen besetzt sein.
Was ist die drängendste Aufgabe?
Das Überleben zu sichern. Erst einmal wird es darum gehen, „eine Perspektive zu schaffen“, sagt Colyn Heinze vom Club Kollektiv. Das ist der Zusammenschluss von Clubbetreibern und Veranstaltern. So ziemlich alle Akteure des Nachtlebens leiden unter dem durch die Pandemie erzwungenen Berufsverbot. Schon beinahe ein Jahr währt für viele die Dürre. Mit allen erwartbaren Folgen. Heinze: „Es kämpfen alle darum, irgendwie weiterzumachen.“ Und alle sind mehr, als man auf den ersten Blick denkt: Die Gastronomen, die Clubbetreiber, die DJs, Bedienungen, Türsteher, Licht- und Tontüftler – und die vielen anderen, die in der Nacht ihr Geld verdienen. Öffnungskonzepte gibt es, Ideen auch. So sucht man Flächen im Freien, die Clubs und Veranstalter im Sommer bespielen können. Bei einer solchen Suche fündig zu werden, dabei könnte ein Nachtmanager helfen.
Was tut die Stadt?
Die Stadt ist spießig. Die Beamten doof. Die Bürgermeister unfähig. Überhaupt sei hier alles typisch schwäbisch. Bruddeln können wir. Vor allem, wenn der Lieblingsclub zumacht, wird diese Litanei angestimmt. Doch das ist ein bisschen arg simpel. Nach zugegeben sehr vielen Jahren des Desinteresses hat die Stadt den Wert des Nachtlebens entdeckt. So finanziert sie mit 185 000 Euro jährlich die beiden Stellen für die Nachtmanager. Darin enthalten sind auch Sachmittel. 80 000 Euro jährlich bekommen Clubs für Konzerte und Kulturveranstaltungen. Zudem wird der Nachtverkehr von Bussen und Bahnen beständig ausgebaut. Und um die Folgen der Pandemie zu mildern, bekommen die Clubs 300 000 Euro Fixkostenzuschuss.
Wo hapert es am meisten?
Mal abgesehen von den unabsehbaren Folgen der Pandemie, ist das größte Problem, dass die Stadt ihren Sound verliert. Clubs, die Nischen bieten für Konzerte, Lesungen, Performances wie Röhre, Rocker 33, Zwölfzehn, Schocken, Zollamt, Keller Klub sind verschwunden. Aus verschiedenen Gründen bieten sie alle keine Bühne mehr: S 21, Eigentümerwechsel, Kündigung, Abriss. Das ist keine Stuttgarter Spezialität. Überall sind Clubs und Livebühnen unter Druck durch steigende Mieten, Aufwertung der Innenstädte, Beschwerden wegen Lärms. London hat seit 2007 die Hälfte seiner 430 Clubs verloren. 2018 beschloss der Rat des Stadtteils Hackney, dass alle neuen Bars, Clubs und Bühnen um Mitternacht schließen müssen. Auch in Hamburg sterben die Clubs. Um gegenzusteuern, fördert die Stadt Hamburg mit 500 000 Euro Livemusik, knapp 700 000 Euro investierte sie in die Sanierung des Bühnenschiffs MS Stubnitz und des Golden Pudel Clubs. 550 000 Euro investierte sie in Lärmschutzmaßnahmen. So eine ähnliche Maßnahme für Stuttgart auf den Weg zu bringen, könnte eine Aufgabe der Nachtmanager sein.
Was unterscheidet Clubs von Puffs?
Aus Sicht des Gesetzgebers: nichts. Als Vergnügungsstätten gelten Spielhallen, Wettbüros, Bordelle – und Tanzlokale. Wenn man über die Vergnügungsstätten sprach, ging es meist darum, das Ausbreiten von Wettbüros zu verhindern. Tanzlokale schor man über denselben Kamm. So sind sie für Mitte „ausnahmsweise zulässig“, im Leonhardsviertel gar nicht. Das soll sich ändern. Eine breite Koalition im Bundestag möchte, dass Clubs in der Baunutzungsverordnung als kulturelle Einrichtungen und nicht wie bisher als Vergnügungsstätten eingestuft werden. Das Bundesinnenministerium blockt aber, denn dies könnte den Betrieb von Clubs in Wohngebieten ermöglichen: „Das wäre mit Lärmschutzvorgaben voraussichtlich nicht vereinbar und könnte Nutzungskonflikte mit Anwohnern auslösen.“ Im Frühjahr wird der Bundestag abstimmen.
Wie sieht die Zukunft aus?
City-Manager Sven Hahn ist qua Amt für die Stuttgarter Innenstadt verantwortlich. Er plädiert schon lange dafür, die Stadt als Ganzes zu sehen und nicht jeden Aspekt getrennt zu behandeln. Arbeiten, Wohnen, Handel, Kultur, Nachtleben, Gastronomie, das gehört für ihn zusammen. „In einem 50-Kilometer-Radius rund um Stuttgart leben 4,2 Millionen Menschen“, sagt Hahn, „das muss man bedenken, wenn man überlegt, welche Funktionen die Innenstadt hat und welche sie übernehmen soll – und kann.“ Die City sei das Schaufenster der Stadt und der Region, sie sei wichtig fürs Image, Wohlfühlen, Kultur, Tourismus und ist „nicht zuletzt ein ökonomischer Faktor“.