„Nachtcafé“-Buch von Michael Steinbrecher Wenn plötzlich alles anders ist

Michael Steinbrecher ist seit Januar 2015 Gastgeber im „Nachtcafé´. Foto: SWR/Alexander Kluge
Michael Steinbrecher ist seit Januar 2015 Gastgeber im „Nachtcafé´. Foto: SWR/Alexander Kluge

Zum Zuhören will er anregen und die Diskussionskultur verbessern: Geradlinig und einfühlsam erweist sich Michael Steinbrecher im „Nachtcafé“ als Glücksfall für den SWR. In dem Buch „Wendepunkte“ stellt er Menschen vor, deren Leben sich blitzartig dreht.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Dortmund, Stuttgart, Baden-Baden. In dieser Streckenführung bewegt sich das Leben von Michael Steinbrecher. Es bewegt sich vor allem im ICE und im Regionalexpress. Manchmal nimmt der Journalistik-Professor und Fernsehmoderator bewusst längere Fahrtzeiten in Kauf, wenn es ihm dann erspart bleibt umzusteigen.

Das Herumstehen auf Bahnsteigen mag der 51-Jährige nicht. Er will lieber am Stück im Zugabteil sitzen, meist sind es dreieinhalb Stunden von der Universitätsarbeit und der Familie in Dortmund nach Stuttgart zur Redaktion seiner SWR-Sendung „Nachtcafé“. Lieber am Stück will er über etwas nachdenken, an seinen Moderationstexten arbeiten, im Internet recherchieren.

Auf all seinen langen Wegen will er das Umsteigen vermeiden.

Der Tod seiner Eltern war ein Wendepunkt des Autors

Umsteigen. Und doch beschäftigt ihn ­gerade dieses Thema. „Wendepunkte“ heißt sein „Nachtcafé“-Buch, das er mit der Redaktion geschrieben hat und für das er, wie beim Talk, den ansehnlichen Kopf hinhält.

Was passiert, wenn man im Leben umsteigen muss, ob freiwillig oder erzwungen? Hat das Glück Verspätung? Ist es einem vor der Nase davongefahren? Wie findet man einen Ausweichzug, um doch noch sein Ziel zu ­erreichen? Michael Steinbrecher ist es gewohnt, derjenige zu sein, der Fragen stellt. Wenn ein Journalist Bücher schreibt, muss er aber die Rolle des Antwortgebers einnehmen. Was also waren seine Wendepunkte?

„Ein zentraler Wendepunkt war der Tod meiner Eltern“, sagt der ehemalige „Sportstudio“-Moderator, der Anfang 2015 den Talk-Klassiker von Wieland Backes übernommen hat, „meine Mutter und mein Vater sind beide 2006 gestorben.“

Nicht vergessen hat der 51-Jährige, wie er 1999 im Kino die Handy-Mailbox abhörte. Seine Mutter hatte ihm den Arztbefund für seinen Vater draufgesprochen. Bei diesem war Krebs im frühen Stadium entdeckt worden. Jahre folgten, die geprägt waren von Krankenhausbesuchen. Steinbrecher denkt an die bangen Stunden zurück, die er und seine Familie beim Warten in Klinikfluren verbracht haben, bevor man ihnen MRT-Befunde oder Operationsergebnisse mitteilte.

„Auch mit einer Krankheit kann es Lebensqualität geben“

Die niederschmetternde Diagnose eines Arztes ist einer der Wendepunkte, die ­Steinbrecher in seinem lesenswerten Buch beschreibt, das im Verlag Klöpfer & Meyer erschienen ist und der Auftakt einer Reihe von weiteren „Nachtcafé“-Bänden sein soll. In den Jahren der Angst um den Vater, sagt er, habe er mit der Familie aber auch „kraftvolle, fröhliche Momente“ erlebt. „Auch mit einer Krankheit kann es Lebensqualität und Hoffnung geben“, weiß er seitdem.

Nach vielen Gesprächen mit schwer kranken Gästen stellt er sich neue Fragen: „Ist es die Länge des Lebens allein, die entscheidet? Wenn wir einen Kinofilm sehen, messen wir die Qualität dieses Films dann daran, ob der Film 85 oder 220 Minuten lang ist? Kann uns nicht auch ein kürzer Film bewegen, mitnehmen, rund sein? Und warum sollte dies nicht auch für ein kürzeres Leben gelten?“

„Behutsam“ will er das „Nachtcafé“ reformieren

Was das „Nachtcafé“ betrifft, will sich Michael Steinbrecher nicht mit einem kurzen, wenn auch intensiven „Film“ begnügen. „Martin Müller, der Abteilungsleiter des SWR, hat gesagt, dass er meine Tätigkeit als Langstrecke sieht“, lässt der Moderator wissen. „Behutsam“ will er die Sendung reformieren. „Ich kann mir einen Abend mit nur vier Gästen vorstellen“, erläutert der 51-Jährige. Werde die Runde kleiner, könnte die Interaktion noch intensiver werden.

Bei ihm sollen sich zu 60 Prozent talk­unerfahrene Gäste mit Promis und einem Experten „auf Augenhöhe“ treffen. Sein Ziel ist es, mit seiner „ausgezeichneten Redaktion“ noch mehr zu überraschen. Die Tradition seines Vorgängers Backes, dass sich das Team regelmäßig außerhalb der Arbeit trifft, behält er bei. „In einer Kneipe muss jeder drei Themenvorschläge machen“, verrät Steinbrecher. Die Redaktion hat durchgesetzt, dass sie in Stuttgart bleiben durfte und nicht zum Aufzeichnungsort ins ungeliebte Baden-Baden ziehen musste. Ob er sich mit seinen Leuten eine Rückkehr an einen Aufzeichnungsort in oder bei Stuttgart wünscht? „Die Entscheidung fiel, bevor ich kam“, antwortet er diplomatisch, „da war ich außen vor.“ In einem kleinen Bus fährt er mit dem Redaktionsteam jeden Donnerstag zur Aufzeichnung nach Baden-Baden und spätabends zurück nach Stuttgart. Dies sei „wie ein Familienausflug“.

Lebensgeschichten, die unter die Haut gehen

Als „ungekrönten König des Niveau-Talks“ hat man Backes genannt, der 27 Jahre lang mit dem „Nachtcafé“ für Topquoten sorgte. Sein Nachfolger ist, was das Niveau und was die Quoten angeht, mit dem Talkshow-Klassiker keinen Zentimeter tiefer gesunken. Niemals denkt man bei dem 51-jährigen Blondschopf an einen „König“, also an jemanden, der über den anderen steht. Der „Neue“ stellt sich nicht in den Mittelpunkt.

Der frühere Sportjournalist, der manchmal noch Heimweh nach der geliebten Atmosphäre auf Sportplätzen und vor allem nach den Sportkollegen hat, wie er zugibt, fühlt sich dem Fair Play im Umgang mit Menschen verpflichtet, plädiert für „gutes Zuhören“ und den Austausch von Argumenten ohne Anfeindungen. Auf 240 Seiten stellt er starke Menschen vor, die ihr Leben freiwillig oder aus Not herumgerissen haben.

Viele der Lebensgeschichten, die in dem Buch geschildert werden, gehen unter die Haut. Die Frau, die bei einem Verkehrsunfall Mann und Kinder verloren hat, sagt, dass sie sich „ganz bewusst“ dafür entschieden habe, anderen mit ihrem Beispiel Hoffnung zu schenken. Sie möchte zeigen: „Man kann ­etwas Schlimmes erleben, aber man darf trotzdem weitergehen. Man lebt noch.“

Am 22. Mai liest Steinbrecher im Renitenztheater aus seinem Buch

Ein Zuschauerin, berichtet der Autor, hat ihn mal in einem Café angesprochen und einen Satz gesagt, der fast zu seinem Leitspruch für die Arbeit geworden ist. Von den Geschichten der Gäste im „Nachtcafé“ ­könne jeder lernen, sagte sie ihm: „Wir sehen in den anderen doch immer auch uns selbst.“

Am 22. Mai, 20 Uhr, liest Michael Stein­brecher aus seinem Buch „Wendepunkte“ im Stuttgarter Renitenztheater. Karten unter Telefon 07 11 / 29 70 75 . Das Buch ist im Verlag Klöpfer & Meyer erschienen. 240 Seiten, 19,90 Euro.



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