Nachtleben in Corona-Zeiten Stuttgart liegt im Koma
Die Stadt Stuttgart entspricht ihrem Klischee – die Bürgersteige sind nun wirklich hochgeklappt. Corona macht die Nacht düster und finster.
Die Stadt Stuttgart entspricht ihrem Klischee – die Bürgersteige sind nun wirklich hochgeklappt. Corona macht die Nacht düster und finster.
Stuttgart - Trist ist es. Dieses Stuttgart bei Nacht. So trist und dunkel, wie die Spötter früher immer sagten, als sie Stuttgart bescheinigten, nach dem Schaffen beim Daimler würde man die Bürgersteige erst nass wischen und dann hochklappen. Dabei hatte in guten nachtaktiven Zeiten sogar eine aus Hessen entsandte Kundschafterin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ festgestellt: „Wir haben die Langeweile in Stuttgart nicht gefunden – nicht einmal donnerstags.“ Zurzeit ist sie ganz einfach zu finden, die Langweile.
Donnerstagnacht, halb zehn in Stuttgart. Ein Streifzug durch eine leere Stadt. Wie eine Mars-Sonde begibt man sich auf die Suche nach Spuren von Leben. So ganz alleine auf der gottverlassenen Königstraße könnte man religiöse Anwandlungen bekommen und ans Buch Mose denken: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe . . . Und Gott sprach: Es werde Licht!“ Siehe da, es wird Licht: Ein Burgerladen hat offen. Ein Frittenbrater wartet auf Kunden, die nicht kommen, Musikfetzen zerreißen die Nacht, melancholischer Soul, der Soundtrack zum Zustand der deutschen Fleischindustrie und des Stuttgarter Nachtlebens.
Nicht weit ist es bis zur Eberhardstraße. Hier begann einst eine Revolution. Sperrstunde war ja noch Anfang der Achtziger unter der Woche um Mitternacht, samstags musste man um 1 Uhr schließen. Ali Taner war in seinem Litfaß der Erste, der den Nachtschwärmern, Flaneuren und Übriggebliebenen Obdach bot, bis der Morgen graute. Ali, wie ihn alle Welt nannte, schaute gern in der Nachbarschaft im Oblomow vorbei. „Ali saß immer mittags draußen, hat Tequila getrunken und jeden Bekannten der vorbeikam, auf ein Glas eingeladen“, erinnert sich Oblomow-Wirt Jannis Tsiakmakis. Der Clou: In Taners Glas war Apfelsaft. So stand er nach 13 Gläsern auf, ging kerzengerade ins Litfaß und wartete auf die Nacht und was da kommen möge.
Am Ostendplatz begnügt man sich nicht mit Apfelsaft. Die vom Leben Zerzausten trinken aus der Literflasche. Heute ist der Platz hinter dem Kiosk fast leer. Ein Trinker sitzt dort, lauscht dem Gespräch mit Walter Ercolino, als Leiter des Pop-Büros sozusagen der Erklärer und Interessenwahrer der Nachtschwärmer-Industrie. Die Innenstadt innerhalb des Cityrings ist ja längst ein Vergnügungspark geworden. Es wohnen immer weniger Menschen dort, dafür gibt es gut 500 Restaurants, Cafés und Kneipen, Dutzende Kinos, Theater und Clubs. „Jetzt fällt auf, was fehlt, wenn all dies geschlossen hat“, sagt Ercolino. Und meint damit nicht nur das Geld. Kein Ausgleich, kein Austausch, keine neuen Gedanken, nur roboten – „das macht die Menschen müde und mürbe“. Erst recht die Club-Betreiber, die DJs, Bedienungen, Türsteher, Licht- und Tontüftler und die vielen anderen, die in der Nacht ihr Geld verdienen. Da fehlt nicht nur der Verdienst, „sondern auch die Anerkennung“. Dieses Geschäft betreibt man ja nicht des Geldes wegen. „Das macht man mit Herzblut, mit allem, was man hat“, sagt Ercolino, „es ist eine bittere Erkenntnis, dass man als verzichtbar erklärt wird.“ Oder vergessen werde, so wie viele Musiker und Künstler, im Finanzamtsdeutsch Soloselbstständige genannt. Was sie machen, lässt sich schwer beziffern. Es drückt sich nicht in Zahlen aus. „Wie misst man Freiheit, Lebensgefühl, Urbanität?“, fragt Ercolino, „alle diese Dinge, die eine Stadt ausmachen.“ Der einsame Lauscher hat ausgetrunken, stellt seine Flasche weg, sagt im Gehen: „Gute Nacht“ und „Vielen Dank“. Ein Gespräch als Unterhaltung, alles besser als Stille.
Das Nachtleben, eine nette Zugabe, nicht so wichtig wie das Fertigen von Autos und Kochtöpfen? Das klang schon anders. Seit das Guggenheim-Museum Bilbao Heerscharen von Touristen bescherte und der Ökonom Richard Florida seine These von der „kreativen Klasse“ aufgestellt hat, welche die Städte gewinnen müssten, um eine Zukunft zu haben, ist Kultur jeglicher Art ein Standortfaktor. Mit der Boheme, die bei Florida nicht nur Künstler, sondern auch Wissenschaftler und Software-Entwickler sind, kommen nicht nur Gojibeeren ins Müsli, sondern auch Arbeitsplätze und Wohlstand. Das hat mittlerweile der Bürgermeister in der hinterletzten Kleinstadt verinnerlicht. Die Kulturschaffenden wurden zu Kulturunternehmern und durften sich über Fördergeld freuen. 2013 hat übrigens ein CDU-Stadtrat namens Fabian Mayer gefordert, die Höhe des städtischen Zuschusses pro Besucher auf den Eintrittskarten von Kulturhäusern abzudrucken. Fabian Mayer ist heute Kulturbürgermeister.
Womöglich ist diese Aufmerksamkeit vor allem dem Stadtmarketing geschuldet und nicht der Liebe zur Kunst, dämmert es manchem. Auch Sebastian Weingarten, Direktor des Renitenztheaters, wundert sich darüber, dass die Politik die Theater behandelt wie einen Fernseher. Man knipst sie aus, an, wieder aus. Ein Teil-Lockdown? Ein Shutdown Light? „Wir haben Berufsverbot“, sagt er. In seinem leeren Theater sitzt er, hat die Auftritte vom November verlegt, die Mitarbeiter rufen die Kunden an, buchen Karten um. Wie es weitergeht? Die Dezember-Termine hat er noch nicht verschoben, „wir müssen warten, was die Politik entscheidet“. Diese Ungewissheit sei es, die ihnen zu schaffen mache.
Ausgeliefert sein, das ist kein gutes Gefühl. Im Sommer haben sie viel möglich gemacht, Hygienekonzepte umgesetzt, mit dem Hospitalhof zusammengearbeitet, gemeinsam den öffentlichen Raum bespielt, die Stadt mit Kultur belebt. Von der Stadtverwaltung bestens unterstützt, wie er betont. Es sollte mehr werden als ein Intermezzo. „Jetzt heißt es, wir sind Luxus, Freizeitbeschäftigung, halt nicht systemrelevant“, sagt Weingarten, „dabei sind wir Bildung, Kultur, Anregung, Reibung.“ Wenn das fehle, da brauche man sich nur umsehen, dann „sind die Menschen ärmer, werden die Geschäfte ärmer, wird die Stadt ärmer“!
City-Manager Sven Hahn ist qua Amtes für die Innenstadt verantwortlich. Er plädiert schon lange dafür, die Stadt als Ganzes zu sehen. Arbeiten, Wohnen, Handel, Kultur, Nachtleben, Gastronomie, das gehört für ihn zusammen. „Wir brauchen ein Konzept, eine Idee, was wir mit dieser Stadt vorhaben“, sagt er, „die Menschen gehen einkaufen, essen, einen Kaffee trinken, ins Kino, ins Theater, tanzen oder in eine Bar.“ Nur alles zusammen ergebe eine attraktive Stadt, die Menschen anlocke. Zumal in einer Zeit, in der Leute gerne von zu Hause aus einkaufen. Und die Regierung Couch Potatoes als Helden feiert.
Ein Konzept? Wir gehen vorbei am Alten Bahnhof in der Bolzstraße, die Türen des Kinos Metropol sind geschlossen und werden nicht mehr öffnen. Weil der Vermieter zu viel Geld fordert. Dieses Gebäude ist das Sinnbild für das Fehlen eines Konzepts. Der Alte Bahnhof gehörte einst der TWS, einer Tochter der Stadt. Die wollte Büros einbauen. Da war der Denkmalschutz vor. Das „Unbekannte Tier“ zog für sechs Jahre ein. Nach dem Verkauf des Gebäudes an Union Investment und der Sanierung kam das Kino. Und nun? Bleibt die Leinwand so dunkel wie die Nacht. Ein ganz schlechter Film.