Manchmal ist noch Party in den Clubs, aber viel zu selten für den Geschmack der Betreiber. Foto: Adobe Stock/Anna Moskvina
Das Nachtleben verändert sich. Die Jungen gehen seltener aus. Für Stuttgarter Clubs und Discos geht es mittlerweile an die Existenz, die ersten schließen. Zudem erschüttert ein erbitterter Streit die Szene.
Es ist ein dickes Knäuel. Fies verknotet. Im Streit der Stuttgarter Nachtschaffenden ist ganz viel Grau drin. Das merkt man schon daran, dass ganz viele Menschen zwar mit einem reden, aber sich ungern mit Namen zitieren lassen. Viel Hörensagen, viele Vermutungen, viel Geraune, viel Anonymes via sozialer Netzwerke.
Aus einem Frachtkahn wurde ein Club: Fridas Pier. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Und Anschwärzen bei Behörden. Bei der Rakete, beim Palast der Republik und beim Stadtpalais: Anonym oder mit erfundenem Namen wurden detailreich Versäumnisse insbesondere bei Genehmigungsverfahren angeprangert. In einer Großdisco löste ein anonymer Tipp eine Razzia aus. Wer dahintersteckt? Darüber wurde fleißig spekuliert. Vor allem in sozialen Netzwerken flogen Beschuldigungen und Drohungen hin und her. Angeblich gab es sogar Fotos von der Haustür eines Clubchefs mit der Warnung: Wir wissen, wo du wohnst. Handfest ist die Pressemitteilung des Stadtpalais, die nach der durch Anzeigen erzwungenen Einstellung ihrer Partyreihe „Palais Après auf der Freitreppe“ geschrieben hatte: „Anlass dafür waren Beschwerden von lokalen Gewerbetreibenden.“
Wer damit gemeint ist? Da hat jeder seine eigene Meinung. Schließlich geht schon lange ein Riss durch die Reihen der Nachtschaffenden. Innerhalb ihres Interessenverbandes Club Kollektiv gab es erbitterte Diskussionen der Mitglieder. Die einen haben eine volle Konzession für Tanzlokale und entsprechend hohe Auflagen und Kosten. Sie fordern mehr Kontrollen vonseiten der Stadt, um Wettbewerber davon abzuhalten, Bars illegalerweise in Discos zu verwandeln und Partys in Räumen für Zwischennutzung abzuhalten. Sie erzählen von Partys in Bars, zu denen via Telegram eingeladen wird, der Eintritt kostet mal 20 Euro, mal mehr, es wird via Paypal bezahlt. Die Musik wird aufgedreht, verbotenerweise, Tische und Stühle werden weggeräumt, und es werden Getränke verkauft. Da bleibt ordentlich was hängen. Bis die Ordnungsmacht davon etwas mitbekommt, zieht die Karawane weiter. Und wer dort feiert, geht nicht in Clubs, so die Klage.
Die illegalen Feiern scheinen sich etabliert zu haben
„Während Corona wurde auf diese Art immer wieder illegal gefeiert“, sagt ein Clubbesitzer, „aber da schauten alle weg, und seitdem hat sich das etabliert.“ Dass man spezielle Orte mal bespiele, das habe es schon immer gegeben. Und das sei auch kein Problem. „Aber systematisch an allen Regeln vorbei?“ So treten die gegensätzlichen Interessen zutage. Praktisch alle großen Clubs in der Stadt drangen innerhalb des Club Kollektivs darauf, dass ihr Interessenverband auf die Stadt einwirken solle, mehr und schärfer zu kontrollieren. Das wollten viele andere Mitglieder nicht. Manche sind allergisch gegen zu viel Staatsmacht, andere fürchteten um Räume für ihre Veranstaltungen.
So stritt man sich herzhaft und blieb uneins. „Alle haben recht“, sagt der Stuttgarter Nachtmanager Nils Runge. „Und es ist normal, dass jeder seine Perspektive sieht.“ Mehrmals saß man in großer Runde zusammen, mehrmals versuchte man auf einen Nenner zu kommen – und scheiterte. So haben etliche Clubbetreiber dem Club Kollektiv den Rücken gekehrt, sich dem Berufsverband der Disco-Unternehmer der Dehoga angeschlossen, der sich für „fairen Wettbewerb“ einsetzt. Der hiesige Geschäftsführer Jochen Alber will nun die „berechtigten Interessen gegenüber der Stadt vertreten“. Es gebe ein „Vollstreckungsdefizit“.
Hohe Kosten und immer weniger Besucher
Dass diese Differenzen nun so hochkochen, sei nur zu verstehen, wenn man wisse, „dass es den Clubs wirtschaftlich nicht gut geht“, sagt Runge. Und nicht gut geht bedeutet, wie Alex Scholz vom Perkins Park sagt, dass er im Januar 40 Prozent weniger Besucher hatte als im Vorjahr im Januar. Und der war schon nicht gut. Ein Kollege sagt, die Besucherzahl sei seit Corona stetig gesunken. Das reiche gerade so, um die Kosten zu decken, die zudem enorm gestiegen sind. Energie, Lebensmittel, Personal, DJs – für alles zahlt man mehr. Und man müsste eigentlich den Eintritt erhöhen, aber dann kommen noch weniger Menschen. Die Gäste geben an einem Abend nicht mal mehr zehn Euro für Getränke aus, haben zwei Clubbetreiber für ihre Läden errechnet. Willkommen im Inflationsblues.
Laut der aktuellen nachtökonomischen Studie sehen 50 Prozent der Stuttgarter Bars und Clubs ihre Existenz bedroht. Die Tequila Bar im Marquardt-Bau hat jüngst aufgegeben. Das People hinter dem Rathaus verkündete erst am vergangenen Wochenende, dass der Club schließen wird. Schon im März soll es an der Eichstraße vorbei sein. 13 Jahre hat der Hybrid aus Bar und Club dann auf dem Buckel. Andere kämpfen noch, laden aber oft nur noch freitags und samstags zum Tanzen ein. „Ohne Firmenveranstaltungen hätten wir schon lange schließen müssen. Das subventioniert mir den Clubbetrieb“, sagt einer.
So geht es auch Benny Kieninger mit Fridas Pier. Er bietet mittlerweile tagsüber Yoga an auf seinem Schiff. „Du musst dir etwas einfallen lassen“, sagt er. Deshalb hat Kieninger auch zu einer Diskussion zur Lage der Clubs in der Stadt eingeladen. „Wir müssen endlich miteinander reden“, sagte er. „Und über unsere Situation informieren und diskutieren.“ Voll war es, 80 Leute kamen.
Jüngere Gäste werden rarer
Da erzählten dann die Jungen – also die, die um die zwanzig sind –, dass sie sich nicht sicher fühlen und deshalb nicht mehr aus dem Haus gehen. Wenn man dann nachhakt, ist es nicht so, dass man unbedingt selbst belästigt oder angegangen wurde, aber Freunde oder Freunde von Freunden. Und wenn man das via sozialer Netzwerke erfährt, empfindet man dies so unmittelbar, als sei es einem selbst passiert. Laut Statistik ist Stuttgart sicher, aber Statistik hilft nicht gegen Gefühle. Es gibt einen Runden Tisch zur Sicherheit, der tagt auch regelmäßig und stößt auch manches an, etwa mehr Licht am Eckensee. Aber Licht woanders, das ist dann „Lichtverschmutzung“, und scheitert am Naturschutz. Es ist kompliziert.
Die Reihe „Mama geht tanzen“ Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Und es wird deutlich: Die Coronaverordnungen haben einer ganzen Generation das Ausgehen abgewöhnt. „Da wurde der Staffelstab nicht übergeben“, sagte Kieninger. Dann sind es weniger Junge als früher, und es gibt Streaming und Onlinedating. Aber das gab es schon alles vor der Pandemie. Neu scheint, dass das Nachtleben anders empfunden wird. Früher wollte man loslassen, ausflippen, die Zwänge des Alltags hinter sich lassen. Erinnert sich noch jemand an die Easybeats? Sie sangen: „I’ll lose my head, tonight, Monday I’ll have Friday on my mind!“ Montags, da wartet man nur auf Freitagnacht, tanzen, toben, Kopf ausschalten. Waren früher dieser Kontrollverlust in der Nacht und das Fremde Verheißung und lockendes Versprechen, so werden sie nun als Bedrohung empfunden: Andere Menschen, andere Meinungen, andere Ansichten sind für viele eine Zumutung geworden. Und je safer die Spaces in den Clubs, also je sicherer und beobachteter sich man dort fühlt, desto größer ist der Kontrast zu draußen, ohne Awareness-Teams und Notfallkonzept. Da kommt man offenbar ohne Hilfe nicht mehr zurecht.
Anonyme Anzeige: Die Partys auf der Treppe des Stadtpalais dürfen nicht mehr stattfinden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Vielleicht pappt auch deshalb an fast jeder Party das Etikett „kinky“ oder „sexpositiv“. Einmal, weil es läuft. Nun macht es jeder. „Wenn etwas funktioniert, stürzen sich alle drauf“, sagt Alex Scholz. Er selbst macht es auch im Perkins Park, bekennt er mit einem Augenzwinkern. Aber auch, weil es Regeln für etwas verheißt, wofür man früher partout keine Regeln wollte.
Im Stadtpalais kann man jetzt tanzen, von 6 bis 9 morgens – nach dem Ausschlafen zu Milchkaffee und vor der Arbeit oder dem Tag an der Uni. Das Konzept erkennt die Realität an und ist der Versuch, Eltern und Ältere mal wieder vom Sofa zu holen.
Events funktionieren, zwischendurch sieht es mau aus
Mal schauen, wann andere nachziehen. Statt After-Work-Partys kommen dann die Before-Work-Partys. Da ändert sich gerade fundamental etwas. „Events funktionieren“, sagen sie unisono. René Minner von der Kantine aus Ravensburg erzählt, an Halloween sei die Bude voll gewesen. Die Kehrseite aber ist, am Samstag drauf sei nur eine Handvoll Leute gekommen. Was Scholz und Kieninger bestätigen. „Auf einen guten Abend folgen mehrere schlechte.“
Was also tun? Eine Förderung der Stadt für Livemusik gibt es. Aber gerade für die klassischen Diskotheken ist das allenfalls ein Baustein, keine Lösung. Im Proton hat man sich immerhin als Kulturquartier unter der Woche neu erfunden, als Konzertort. „Wir müssen die Rahmenbedingungen verbessern“, sagt Nachtmanager Runge: Auflagen der Behörden, Hilfe für nötigen Lärmschutz und sichere Wege in der Nacht. Für viele Clubbetreiber aber bedeutet dies auch „fairen Wettbewerb“ und „Kontrollen“. Es scheint schwierig zusammenzukommen. Das Knäuel bleibt verknotet. Aber immerhin, man redet wieder miteinander.