„Nachtschicht“ im Hospitalhof Stuttgart Mister Tagesthemen erklärt die Welt

Von Tilman Baur 

Ingo Zamperoni hat im Nachtschicht-Gottesdienst über den Reiz am Stadtleben gesprochen – und auch erzählt, was die Deutschen von den Amerikanern lernen können.

Pfarrer Ralf  Vogel, der Organisator der Nachtschicht,  im Gespräch mit Ingo Zamperoni Foto: Lichtgut/Julia Schramm
Pfarrer Ralf Vogel, der Organisator der Nachtschicht, im Gespräch mit Ingo Zamperoni Foto: Lichtgut/Julia Schramm

Stuttgart - Eine Routine-Übung ist der Auftritt in einem vollen Saal auch für „Mister Tagesthemen“ nicht. Zwar richtet sich Ingo Zamperoni allabendlich an ein Millionenpublikum, er blickt dabei aber in die TV-Kamera und nicht in ein Meer von Gesichtern. Der 45-jährige gebürtige Wiesbadener war jedenfalls sichtlich beeindruckt ob des Massenansturms im Hospitalhof am Samstagabend. Dorthin war er auf Einladung von Pfarrer Ralf Vogel gekommen, um in der Abendgottesdienstreihe Nachtschicht aufzutreten.

Die Besucher strömten so zahlreich in den Paul-Lechler-Saal, dass viele den Gottesdienst im Stehen oder auf dem Fußboden sitzend verfolgen mussten. Sympathiepunkte konnte der hochgewachsene Zamperoni von Anfang an sammeln. Denn auch er setzte sich spontan mitten in die Menge auf den Boden, während der von einer furios aufgelegten Daimler-Bigband begleitete Gottesdienst Fahrt aufnahm.

Der Gemeinschaftssinn sei in den USA ausgeprägter

„Night and Day in the City“ hieß das Motto der ersten Nachtschicht-Ausgabe im neuen Jahr. Große Städte haben die Menschen immer fasziniert - heute vielleicht mehr denn je. Der urbane Raum bietet Arbeitsplätze, Kultur, Vielfalt in jeglicher Hinsicht. „An der Stadt faszinieren mich die vielen Möglichkeiten, die sich bieten, auch wenn man sie gar nicht alle wahrnehmen kann“, sagte Zamperoni. Der Moderator hat in Konstanz und Berlin studiert, in Washington als USA-Korrespondent gearbeitet und lebt heute in Hamburg. Das Miteinander mache die Stadt aus, findet er, die zufälligen Begegnungen und „das Gefühl, dabei zu sein“.

Vor allem beim Miteinander könnten die Deutschen noch etwas von den Amerikanern lernen. Dort, so Zamperoni, sei der „sense of community“, der Gemeinschaftssinn also, oft noch ausgeprägter. Direkt nach dem Umzug nach Washington hätten Nachbarn bei ihm geklingelt, Muffins angeboten, ihre Telefonnummer hinterlassen. Die Amerikaner erwarteten nicht viel vom Staat, dafür sei der Zusammenhalt unter den Menschen oft stärker. In Hamburg allerdings schätzt der Großstädter Zamperoni durchaus die hanseatische Zurückhaltung: auch als bekanntes Tagesthemen-Gesicht nicht überall angesprochen zu werden und sich frei bewegen zu können, das gefalle ihm.

Will Trump von dem Amtsenthebungsverfahren ablenken?

Auch die Kehrseite der Urbanisierung kennt Zamperoni. Als USA-Korrespondent hat er über einst blühende Industriestädte wie Pittsburgh oder Youngstown berichtet, die nach und nach verfielen. In Deutschland sieht sich der ländliche Raum ebenfalls großen strukturellen Problemen gegenüber. Natürlich hat der Tagesthemen-Mann kein Patentrezept für dieses Phänomen. „Nur mit Verordnungen und Geld wird man das Problem jedenfalls nicht lösen können“, sagte Zamperoni. Schließlich müsse man in einer freiheitlichen Gesellschaft selbst bestimmen können, wo man leben möchte.

Um die ernste weltpolitische Lage kamen Vogel und Zamperoni bei ihrem lockeren Gespräch nicht herum. Schließlich spitzt sich die Situation in Nahost derzeit wieder einmal zu. Ob der amerikanische Präsident den Mord am iranischen Offizier Qasem Soleimani nur angeordnet hat, um vom Amtsenthebungsverfahren abzulenken, das die Demokraten gegen ihn eingeleitet haben? „Zumindest wird seither nicht mehr davon gesprochen“, sagte Zamperoni.

Die Redaktion ist vielfältig geworden

Der Tagesthemen-Moderator gewährte an dem Abend auch einen kleinen Einblick in sein Seelenleben. „Es gibt schon Wochen, in denen sich die Ereignisse dermaßen ballen, dass man sagt: ‚Das gibt es doch alles gar nicht!‘“ Angesichts der Weltlage, da waren sich Ralf Vogel und Ingo Zamperoni einig, müsse man glücklich sein, in Deutschland leben zu dürfen. Man habe hier viele Möglichkeiten, die es andernorts nicht gebe, sagte Zamperoni zum Schluss. Nur solle sich Deutschland auch gern noch mehr als das begreifen, was es ohnehin längst ist: ein Einwanderungsland nämlich.

Das sehe man gerade bei den Tagesthemen immer deutlicher. Schließlich moderierten dort mittlerweile viele Menschen mit ausländischen Wurzeln: die Deutsch-Griechin Linda Zervakis zum Beispiel, Pinar Atalay als Tochter türkischer Einwanderer – und nicht zuletzt der Mann des Abends, der selbst ernannte Italo-Hesse Ingo Zamperoni.




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