Nachtspeicheröfen Wie veraltete Technik Teil der Energiewende wird

Alte Nachtspeicheröfen könnten künftig als Energiespeicher verwendet werden. Foto: Archiv
Alte Nachtspeicheröfen könnten künftig als Energiespeicher verwendet werden. Foto: Archiv

Alte Nachtspeicheröfen könnten wieder eine Zukunft haben – als Speicher für Energie, wenn es zuviel Wind oder Sonne gibt. Dann könnten sie den überschüssigen Strom aufnehmen – der Nachtspeicher könnte zum Tagspeicher werden.

Wirtschaft: Eva Drews (ave)

Boxberg - Für Monika Melber ist der Boxberger Pilotversuch eine echte Perspektive. Als sie vor ein paar Jahren gehört habe, dass Nachtspeicherheizungen in einigen Jahren verboten werden sollten, „bin ich fast vom Stuhl gefallen“, erzählt die 53-Jährige. Sie und ihr Lebensgefährte Martin Dörr bewohnen ein idyllisch gelegenes Gebäude aus dem Jahr 1587 in der Nachbarschaft des Oberschüpfer Schlosses. Als die beiden das verwinkelte Haus vor gut zwanzig Jahren sanierten, wollten sie nicht den Gewölbekeller für eine Ölheizung opfern und entschieden sich stattdessen für Nachtspeicherheizungen – „damit waren wir damals zwar ziemlich spät dran, aber wir haben es nie bereut“, erzählt Melber.

Im Herbst 2013 wurde aus Melbers Schreck wieder Hoffnung: Nicht nur, dass die Bundesregierung das geplante Verbot zwischenzeitlich kassiert hatte, informierte zudem die EnBW über einen Pilotversuch, der Melber, Dörr und ihrer Heizanlage wieder eine Perspektive gab: Der Versorger will testen, inwieweit man die Öfen als flexible Abnehmer von überzähligem Ökostrom aus der Region nutzen kann.

Oberschüpf, die Heimat von Melber und Dörr, ist ein Ortsteil von Boxberg im Main-Tauber-Kreis. Hier gibt es viele Nachtspeicherheizungen. Wie ein Blick aus dem Fenster des Paares beweist, sind zudem etliche Dächer mit Fotovoltaikanlagen gepflastert – und auf den bewaldeten Höhen des hügeligen Umlandes drehen Windkraftrotoren ihre Kreise. Das Stromnetz umfasst die ganze Gemeinde und gehört der EnBW. Zusammen ergibt das gute Testbedingungen für den Modellversuch „Flexibler Wärmestrom“, den die EnBW im Herbst mit einer Bürgerinformationsveranstaltung angestoßen hat. Bei rund einem Dutzend Boxberger Kunden läuft der Versuch schon, derzeit werden weitere Teilnehmer in der nordbadischen Gemeinde gesucht, um die Datenbasis auf 150 Haushalte zu erhöhen.

Speicheröfen auch tagsüber mit Ökostromüberschuss laden

Bisher werden Nachtspeicherheizungen wie der Name schon sagt in der Nacht zu Zeiten aufgeladen, die der Stromlieferant fix festlegt. Bei den Projektteilnehmern in Boxberg ist das anders: Ihre Heizkörper tanken, wenn Ihnen der Versorger übers Internet mitteilt, dass sie das jetzt dürfen – auch tags. Und das soll beispielsweise dann der Fall sein, wenn es in der Region zu viel Ökostrom gibt. Denn weht zu viel Wind oder scheint die Sonne zu stark, als dass die Verbraucher vor Ort – Haushalte und Unternehmen – den daraus gewonnenen Strom verbrauchen könnten, muss der örtliche Netzbetreiber die Elektrizität eigentlich in das überörtliche Netz einspeisen. Das geht aber nur bis zur Belastungsgrenze des Systems, beispielsweise des Transformators zur nächsten Spannungsebene. Ist diese Grenze erreicht, hat der Netzbetreiber das Recht, die Stromproduktion der Ökostromanlagen zu drosseln.

So manche grüne Kilowattstunde wird dann aus Gründen der Netzstabilität nicht produziert und ist verloren. Bisher, so sagt Tobias Krauss von der EnBW-Netztochter Netze BW GmbH, der den Pilotversuch bis vor kurzem mit leitete, träten diese so genannten Einspeisemanagementfälle im Südwesten nicht allzu oft ein. „Aber das wird zunehmen“, wenn der Anteil der Ökostromanlagen weiter steige, sagt er. Unter anderem in diesen Fällen gibt die EnBW den Speicheröfen das Signal zum Laden. 2012 entsprach die Menge des heruntergeregelten Ökostroms der Bundesnetzagentur zufolge etwa dem Jahresverbrauch von 100 Vierpersonenhaushalten – etwas niedriger als im vorhergegangenen Jahr.

„Wir merken von dem Versuch kaum etwas“, berichten Melber und Dörr. Früher hätten sie abends um zehn Uhr anhand des leisen Klickens des Zählers registriert, dass ihre Heizkörper das Laden begonnen hätten. „Heute knackt es oft morgens um vier Uhr“, so Dörr. In ihrem riesigen Zählerkasten („Damals waren die kleineren gerade vergriffen, was sich jetzt als Glück erweist“, sagt Melber) schnurren jetzt drei statt zwei Zähler – einer davon ist ein so genannter intelligenter Zähler mit digitaler Anzeige. Außerdem findet sich im Schrank noch eine Steuerbox und ein Power-LAN-Gerät, das die Verbindung zum Internet ermöglicht. Mehr hat sich nicht verändert.

Revival der Nachtspeicherheizung wird nicht erwartet

Was die EnBW versucht, könnte ein Paradebeispiel für den Umbau der Stromversorgung in Energiewendezeiten sein: Folgte bisher die Erzeugung dem Verbrauch – Strom wird in einem zentralen System mit Großkraftwerken dann produziert, wenn er nachgefragt wird – dreht sich das Verhältnis bei der dezentralen Versorgung aus erneuerbaren Quellen bis zu einem gewissen Grad um: Soweit möglich, folgt nun der Verbrauch der Erzeugung – jedenfalls dann, wenn es wie beim Beispiel Nachtspeicherheizung – oder auch bei modernen Wärmepumpen – möglich ist.

Das Speicherpotenzial solcher Anlagen schätzt die EnBW alleine in ihrem Gebiet auf etwa auf die Leistung von zwei bis drei Großkraftwerken. „Das alleine ist noch nicht die Energiewende“, räumt Jan Gratenau ein, Projektleiter auf Seiten des EnBW Vertriebs. „Aber es ist ein Puzzlestück.“ Eines Tages, so hofft er, wird die EnBW ihr früh erworbenes Wissen als Nebeneffekt in Form einer Dienstleistung an andere Energieversorger verkaufen können. Ein Revival der Nachtspeicherheizung erwartet der Versorger nicht. Aber Monika Melber und Martin Dörr haben immerhin eine Hoffnung mehr: Die Hoffnung, sich eine teure und aufwendige Umrüstung auf ein neues Heizsystem ersparen zu können.

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