Nachtwanderung im Wald Zur Brunftzeit im Schönbuch unterwegs
Der Naturführer Roland Bengel führt Schönbuch-Liebhaber bei Nacht durch den Wald. Besonders zur Brunftzeit ist das ein besonderes Erlebnis.
Der Naturführer Roland Bengel führt Schönbuch-Liebhaber bei Nacht durch den Wald. Besonders zur Brunftzeit ist das ein besonderes Erlebnis.
Weil im Schönbuch - Noch ist der beinah runde Mond hinter dichten Wolken versteckt. Der Naturführer Roland Bengel weist den Weg durch den Schönbuch, der langsam im Dunkel der Nacht versinkt. Die Geräusche des Tages verstummen nach und nach und damit auch die Vogelstimmen, die nur noch vereinzelt durch das Geäst des Waldes klingen. Doch wer denkt, dass der nächtliche Schönbuch im September eine akustische Wüste ist, der hat sich getäuscht: Immer wieder halten Roland Bengel und die Gruppe Ehninger Pfadfinder, die er diesen Abend durch den Schönbuch führt, inne, um einem Naturschauspiel zu lauschen, das den Wald zu dieser Jahreszeit prägt: Röhrende Hirsche. Um ihre Rivalen während der Brunft gehörig einzuschüchtern, veranstalten die Hirsche ein Spektakel, das durch den gesamten Wald schallt. An einem Wildgehege zeigt sich in der Dämmerung dann, was sonst nur zu hören ist: Ein Hirsch mit prächtigem Geweih wirft den Kopf in den Nacken und röhrt lautstark. Wie das Quietschen einer alten, schwerfälligen Tür, dann wieder grunzend wie ein Schwein, machen die Tiere auf sich aufmerksam. Elegant vollführt er gemeinsam mit einer Hirschkuh einen Tanz und wirft immer wieder halsbrecherisch den Kopf in den Nacken.
Was in diesem Moment noch anmutig wirkt, kann manchmal jedoch auch blutig enden. Denn die Geweihe der Hirsche sind mächtige Waffen. Hirsche, die ihre eigene Stärke überschätzen und sich mit einem Rivalen anlegen, haben deshalb keine guten Karten. Roland Bengel erzählt von einem Tier, das von einem seiner Artgenossen im Schönbuch aufgespießt wurde und deshalb die Brunftzeit nicht überlebt hat.
Im Schönbuch leben in einem eingezäunten Bereich von 40 Quadratkilometer rund 350 Stück Rotwild, erklärt der Naturführer. Das Rotwildgatter beim Weißen Stein wurde in den 50er Jahren errichtet, um die Population unter Kontrolle zu halten. Während der Brunftzeit legen sich die Tiere schwer ins Zeug und verlieren so rund 30 Prozent ihres Körpergewichts. Bei 250 Kilogramm sind das immerhin 80 Kilo. Die Zeit bis zum Winter verbringt das Rotwild dann hauptsächlich damit, sich Winterspeck anzufressen, um über die kalte Jahreszeit zu kommen.
Denn die dunklen Monate sind eine schwierige Zeit für die Tiere: „Sie fahren ihre Stoffwechselprozesse zurück, die Körpertemperatur sinkt, es gibt nur wenig zu essen. Die Tiere halten den gesamten Körper auf Sparflamme“, sagt Roland Bengel. Allerlei Wissen über den Schönbuch gibt der Naturführer an die Gruppe während der mehrstündigen Tour weiter – von Fakten über den Wald und das Rotwild bis hin zu Mythen und Geschichten.
Eines scheint in dem Spektrum von Themen, das der gebürtige Ehninger abdeckt, jedoch stets durch: Achtsamkeit und Sorgfalt im Umgang mit dem Wald und seinen Bewohnern stehen an oberster Stelle. Um die Ruhephasen der Tiere nicht zu stören, gibt es im Schönbuch Wildruhezonen und spezielle Beobachtungspunkte.
Deshalb führt Roland Bengel ohne Taschenlampe durch den nächtlichen Wald. Mit Vorsicht arbeitet sich die Gruppe selbst über unwegsames Gelände. Dann strahlt auch der Mond in voller Pracht vom Himmel und erleuchtet die Waldwege. Während sich die Nachtwanderer zu Beginn noch fröhlich austauschen, ist nach Einbruch der Dunkelheit Stille angesagt. So geht es leisen Schrittes tiefer hinein. Roland Bengel verharrt, der Blick schweift Richtung Himmel. Dann – ganz in der Nähe – erschallt der Ruf eines Hirsches, ein tiefes Brummen, das sich zu einem Jaulen aufbaut, fast wie das eines Wolfes. Für einige Stunden wird nur gelauscht und ein Fuß achtsam vor den nächsten gesetzt. Nur das Knistern der brechenden Äste unter den Sohlen ist zu hören, der erdige Geruch des Waldes steigt in die Nase.
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Bereits seit mehreren Jahren führt Roland Bengel durch den Schönbuch. Die Nachtwanderungen bot er zunächst aus einer Notwendigkeit heraus an: Sein Tagjob erlaubte nur Wanderungen, die am Abend stattfanden. Doch schnell stellte sich heraus, dass der Schönbuch bei Nacht die Begeisterung der Teilnehmer weckte. Auch bei den Ehninger Pfadfindern sind viele dabei, die den Schönbuch bei Tag kennen, doch bei Nacht war noch kaum jemand im Wald unterwegs. Mittlerweile hat der Naturführer drei Bücher über den Schönbuch geschrieben. Das neuste Buch „Schönbuch. 101 Highlights“ erschien letztes Jahr.
Wer sich für eine Wanderung mit dem Naturführer Roland Bengel interessiert, kann auf der Webseite der VHS Böblingen/Sindelfingen nach Führungen Ausschau halten.