Nachverdichtung Fasanenhof Bürger wehren sich gegen Bauprojekte

Wohnungen, insbesondere bezahlbare, werden in Stuttgart und der Region dringend benötigt. Doch wie viel Nachverdichtung verträgt ein Stadtteil? Foto: dpa/Martin Schutt

Auf dem Fasanenhof könnte in den kommenden Jahren eine Vielzahl an neuen Wohnungen entstehen. Das gefällt nicht jedem. Bürger haben nun eine Unterschriftenaktion gestartet.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Addiert man die Zahlen, so könnten im Stadtteil Fasanenhof in den kommenden Jahren um die 400 neue Wohnungen entstehen. Das Siedlungswerk plant auf dem Grundstück rund um die katholische Kirche St. Ulrich etwa 70 Wohnungen. Die Dibag AG möchte ein neues Quartier mit 200 bis 250 Wohnungen im Gebiet Eichwiesen am Logauweg bauen. Und auch eine Nachverdichtung am Ehrlichweg steht noch immer zur Disposition. Die dort angesiedelten Baugenossenschaften planten zuletzt mit rund 120 Wohnungen. Doch dann verlor die Flüwo das Interesse an dem Projekt und stieg aus. Die Stadtverwaltung schob das Vorhaben auf ihrer Prioritätenliste nach hinten.

 

Doch das Projekt des Siedlungswerks nimmt Gestalt an. Ein Preisgericht kürte vor Kurzem den Entwurf des Stuttgarter Büros A+R Architekten zum Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs. Die Kirchengemeinde wird wohl 2024 damit beginnen, ihren Kindergarten, die Gemeinderäume und das Pfarrbüro in die Kirche einzubauen, die bestehen bleibt. Ist dies abgeschlossen, sollen die anderen Gebäude abgerissen und mit dem Bau der neuen Wohnhäuser begonnen werden.

Wie viele Menschen würden sich tatsächlich wehren?

Das Projekt auf dem Grundstück am Delpweg, das derzeit noch der Kirche gehört, wird in der Bevölkerung am positivsten bewertet. So zumindest der Eindruck der Stuttgarter Stadtverwaltung, die das Vorhaben auf Platz eins ihrer Prioritätenliste gesetzt hat. Doch gegen die insgesamt umfangreichen Nachverdichtungspläne auf dem Fasanenhof formiert sich Widerstand. Vor Kurzem haben Angelika Lehrer und Matthias Gaebler eine Unterschriftensammlung gestartet. Sie haben ein kleines Helferteam, das zum Beispiel beim Verteilen der Infozettel im gesamten Stadtteil geholfen hat.

„Die Unterschriftensammlung ist für uns ein Test, wie viele Menschen sich tatsächlich gegen eine Nachverdichtung wehren würden“, sagt Angelika Lehrer gegenüber unserer Zeitung. Wenn nicht ausreichend Namen zusammenkämen, brauche man auch keine größere Protestaktion zu starten.

Angelika Lehrer räumt ein, dass die Nachverdichtungsprojekte rund um die katholische Kirche am Delpweg und am Logauweg sie selbst besonders treffen würden. Sie sei sicher nicht neutral, sondern fürchte die Bauphasen, die ihr und anderen viel Lärm und Dreck bescheren würden und die wohl auch mit dem Wegfall von vielen Parkplätzen verbunden wären. Doch ihr und Matthias Gaebler geht es auch um das große Ganze: Nachverdichtung bedeute insbesondere im Fall der Eichwiesen die Versiegelung einer Grünfläche und die Zerstörung einer der letzten großen Kaltluftentstehungsgebiete mit folgenschweren Konsequenzen für das lokale Klima, sagt Angelika Lehrer.

Zudem gebe es für noch mehr Einwohner keine Infrastruktur. Die Einkaufsmöglichkeiten seien rar, die Ärzte hätten keine Kapazitäten mehr. „Es muss erst jemand sterben oder wegziehen, ehe man Patient bei einem hiesigen Hausarzt werden kann. Wochenlanges Warten auf Physiotermine ist bereits jetzt die Regel“, sagt Angelika Lehrer. „Dieser mickrigen medizinischen Infrastruktur gegenüber steht die Planung der Stadt mit einem Pflegeheim für 90 Bewohner am Logauweg und mindesten drei weiteren Häusern mit Pflegeeinrichtungen über den Fasanenhof verteilt, fasst Angelika Lehrer zusammen. Sie befürchte, dass die Lebensqualität massiv sinken würde.

Der Bürgerverein hat eine andere Sichtweise auf das Thema

Der Vorstand des Bürgervereins Fasanenhof schreibt in einer schriftlichen Stellungnahme zur Unterschriftenaktion: „Wir betrachten die Wohnungsbauvorhaben differenziert, zumal uns sowohl Fasanenhofer und Fasanenhoferinnen kontaktieren, die die Bauvorhaben kritisch sehen, als auch welche, die allgemeinen Wohnraumbedarf sehen beziehungsweise gerne selbst auf dem Fasanenhof bleiben wollen und eine Wohnung suchen.“ Zudem sei der Verein im Austausch mit anderen Institutionen, die beispielsweise für ihre Mitarbeiter Wohnungen im Stadtteil suchen. „Auf dieser Grundlage engagieren wir uns mittels direktem Kontakt zu den unterschiedlichen Entscheidungsträgern für die Bedarfe der Fasanenhofer und Fasanenhoferinnen und verfolgen damit unseren Satzungszweck, einen Beitrag für die positive Weiterentwicklung unseres Stadtteils zu leisten“, heißt es in der Stellungnahme.

Projekte im Überblick

Projekt Delpweg
Das Siedlungswerk will neben der Kirche St. Ulrich 70 geförderte Miet- wie auch Eigentumswohnungen bauen. Zusätzlich sind eine Wohngruppe für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, eine Tagespflege für ältere Menschen sowie ein Quartiersraum geplant.

Projekt Logauweg
Die Dibag AG möchte im Gebiet Eichwiesen 200 bis 250 Wohnungen bauen. Zusätzlich sollen ein Pflegeheim und zwei Kitas entstehen.

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