Nachverdichtung in Stuttgart Bis zu 18 300 zusätzliche Wohnungen möglich

Der Fasanenhof wurde vor Jahren für eine Nachverdichtung gehandelt – die Hemmnisse und Widerstände waren groß. Foto: Alexandra Kratz

Laut einer neuen Studie könnte Stuttgart viele Wohnungen zusätzlich realisieren, zum größten Teil in schon vorhandenen Siedlungsflächen. Doch die Verwaltung und die Stadträte erkennen, dass dies eine große Herausforderung ist.

Stuttgart - Das Wort „Nachverdichtung“ lässt bei vielen Menschen die Alarmglocken klingeln. Dann bricht die Angst aus, dass in Wohnsiedlungen und Hinterhöfen zusätzliche Gebäude aus dem Boden wachsen und die Lebensqualität in der eigenen Wohnung leidet. Der Widerstand bei Einwohnern und in der Folge auch bei Kommunalpolitikern ist oft groß. Gleichwohl wollte die Stadt, weil Wohnraum so knapp und teuer ist, systematisch prüfen, was zusätzlich möglich wäre – durch Aufstockungen, Dachausbauten, Umbauten, Ergänzungsbauten und Überbauungen von Supermärkten, Kitas und Parkplätzen. Jetzt ist, nach Jahren, die „Potenzialanalyse Wohnen“ fertig.

 

Das Resultat: Im kompletten Stadtgebiet könnten theoretisch bis zu 18 300 zusätzliche Wohnungen generiert werden – fast so viele wie die rund 19 000 anderen Wohneinheiten, die die Stadt bereits in der Zeitstufenliste Wohnen als Ergebnis von anvisierten Baugebieten aufgelistet hatte. Realistisch betrachtet, sei das kurz- und mittelfristig umsetzbare Maß aber „deutlich tiefer anzusetzen“, heißt es in dem dicken Werk. Das liegt auch daran, dass von den 5500 Grundstücken mit insgesamt 330 Hektar – umgerechnet etwa 462 Fußballplätze – viele in Privateigentum sind. Darauf entfallen etwa 87 Prozent der 18 300 Wohneinheiten, 13 Prozent auf Flächen der öffentlichen Hand. 89 Prozent der Wohnungen würden auf bereits bebauten Flächen entstehen, der Rest auf Kleinstbaulücken, Brachen und Randstreifen.

15 Gebiete sind Priorität 1

Die Hebung der Potenziale sei kein Selbstläufer, alles zu verwirklichen wäre langwierig und mühsam, „eine Generationenaufgabe“, sagt Matthias Bertram vom Stadtplanungsamt. Fast überall sei neues Planungsrecht, sprich: ein neuer Bebauungsplan, nötig. Gleichwohl sei man stolz, diese Flächen ausfindig gemacht zu haben. Die Verwaltung will auch zügig an die Verhandlungen gehen, wenn der Gemeinderat Anfang Juli sein Plazet gegeben hat. Sie wünscht sich vier Personalstellen für ein Projektteam, das weitgehend unabhängig vom Planungsamt agiert. Außerdem sind bis Ende 2024 rund 410 000 Euro pro Jahr notwendig.

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Aus der langen Liste der Standorte hat die Verwaltung 15 Entwicklungsgebiete als „besonders gut geeignet“ priorisiert: einen Parkplatz beim Bürocampus Wangen (Potenzial: 130 Wohneinheiten), Gaisburg (400), die Salzäcker in Möhringen (240), das Areal von Statistischem Landesamt und Uni Stuttgart in Heslach (110), das Gebiet Muckensturm in Bad Cannstatt (290), das Gebiet Achardweg in Zuffenhausen (210), der Ortskern von Stammheim (120), der Bereich Kelterplatz in Zuffenhausen (70), das Zentrum von Botnang (150), Birkach-Nord (80), der Bereich An der Schusterbahn in Münster (120), ein Teilareal in Hausen (130), das Gebiet Föhrichstraße in Feuerbach (240), der Bereich Messstetter Straße/Prager Straße/Trautäckerstraße in Möhringen (400) sowie Hoffeld (150).

Sogar Testentwürfe sind schon gemacht worden

Mit Testentwürfen wurde ermittelt, wie sich die Wohnungsbauten einfügen könnten. Besonders das Beispiel Muckensturm steht für den Ansatz, Wohnungsstandorte nicht nur an vorhandenen Straßen und im Einzugsbereich von Stadt- oder S-Bahn-Stationen zu suchen, sondern auch Nutzungsänderungen zu erwägen. Hier müssten Friedhofsparkplätze ersetzt, ein Steinmetzbetrieb verlegt werden. Auch Tennisplätze auf städtischem Boden stünden zur Disposition. Nicht nur hier zeigt sich: In der Stadtgesellschaft – und bei den Privateigentümern – muss um die Realisierung gerungen werden. Die Verwaltung will dabei den „Mehrwert“ herausstellen: dass die Nachverdichtung auch die Aufwertung öffentlicher Räume, die Begrünung des Umfelds und leistungsfähigere Infrastruktur und Nahversorgung ermöglicht. „Vom langen Zeithorizont sollten wir uns nicht beirren lassen“, sagte Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne).

Bei den ersten Vorberatungen kam viel Lob für die Studie, aber auch Skepsis, was die baldige Umsetzbarkeit angeht. Die Grünen bemerkten, es sei bei so einer Materie nicht damit getan, dass ein OB mal eben auf einen Knopf drücke. Die SPD meinte, die Verwaltung müsse sich anders organisieren. Die CDU überlegte, die Umsetzung einer neuen Gesellschaft zu übertragen. Das Linksbündnis erwägt mehr Personalstellen für eine schwungvollere Realisierung. Doch die Verwaltung möchte erst Erfahrungen sammeln.

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