Nahversorgung im Strohgäu Dort einkaufen, wo gelebt wird

Die Nahversorgung steht in regelmäßigen Abständen auf der Tagesordnung eines jeden Gemeinderats. Er kann allerdings nichts weiter tun, als den Gewerbetreibenden den Boden zu bereiten.

Die Innenstädte   –  hier im Bild:    Gerlingen  – sollen belebt sein.  Das ist der Wunsch aller  Kommunalpolitiker. Dies in der Realität umzusetzen, ist schwierig. Foto: factum/Granville
Die Innenstädte – hier im Bild: Gerlingen – sollen belebt sein. Das ist der Wunsch aller Kommunalpolitiker. Dies in der Realität umzusetzen, ist schwierig. Foto: factum/Granville

Strohgäu - So unterschiedlich die Kommunen sind, in einem gleichen sie sich: Jede Verwaltung, jeder Gemeinderat ist bestrebt, die Nahversorgung im Ort zu gewährleisten. Glücklich schätzt sich eine Gemeinde, wenn auf ihrer Gemarkung gar alle Dinge des täglichen Bedarfs angeboten werden. Doch die Kommunalpolitik kann nur den Boden bereiten für Neuansiedlungen oder Umsiedlungen, auch der Wirtschaftsförderer – so dessen Funktion nicht wie in Gerlingen und Hemmingen in der Person des Bürgermeisters verankert ist – kann daran nichts ändern. Die Entscheidung treffen letztlich die Wirtschaftstreibenden, Einzelhändler wie Konzerne.

Der eine Laden zu, der andere neu eröffnet – das war 2016 auch ein Thema in Gerlingen. Im größten Geschäft tat sich in diesem Jahr nichts: Der ehemalige Praktiker-Baumarkt an der Weilimdorfer Straße blieb geschlossen; im September 2013 war das Geschäft nach der Insolvenz der Baumarktkette geschlossen worden. Zwei Jahre später hatte der Bürgermeister Georg Brenner im Technischen Ausschuss bekannt gegeben, dass ein Nachfolger gefunden und eine Bauvoranfrage eingereicht sei. Danach aber, so hieß es am Montag aus dem Rathaus, sei noch kein Bauantrag eingegangen. Immer wieder gibt es im Gemeinderat Nachfragen. Einmal antwortete Brenner sinngemäß, er wisse so viel wie die Stadträte – nämlich dass der Markt längst neu eröffnet sein solle. Mittlerweile haben sich Tauben den Eingangsbereich als neuen Nistplatz auserkoren.

Ein Gelände liegt brach

In Ditzingen wird man gegen den Leerstand wenig einzuwenden haben. Er verschafft dem vergleichsweise neuen Baumarkt beim Bahnhof die Möglichkeit, sich zu etablieren. Dass sich die Baumärkte – so denn der Gerlinger eröffnet ist – gegenseitig das Geschäft wegnehmen, ist kaum zu befürchten. Die Baumarkt-Dichte ist seit jeher groß im Umkreis weniger Kilometer: In Leonberg, Rutesheim, Stuttgart existieren sie seit langem in enger Nachbarschaft.

Derweil auf dem ehemaligen Baumarktgelände in Gerlingen sich nichts tut, hat sich in der Stadt am Fuße der Solitude einige Hundert Meter weiter an derselben Straße ein kleines Einkaufszentrum gebildet: Neben einem Drogeriemarkt und einem Discounter hat das Landwirtsehepaar Müller vor wenigen Monaten seinen erweiterten Hofladen eröffnet. Weil es immer mehr Menschen in diesen Bereich der Nahversorgung zieht, hatte die Stadtverwaltung vorgeschlagen, auf derselben Straßenseite einen Gehweg in der Ortsmitte neu anzulegen. Dieser Plan, für den auch unter dem Stichwort Barrierefreiheit geworben wurde, scheiterte im Gemeinderat. Zwei andere Geschäfte machten im Spätsommer zu: Das Ehepaar Filep schloss seinen Supermarkt an der Kirchstraße – aus gesundheitlichen Gründen schon im August anstatt zum Jahresende. Auch das Damenmodengeschäft Anne B. in der Urbanstraße machte zu; die Inhaberin wollte sich auf ihr Hauptgeschäft in Bietigheim-Bissingen konzentrieren.

Aus Kallenberg, dem dritten und kleinsten Stadtteil von Korntal-Münchingen, hingegen gab es gute Nachrichten: dort eröffnete der Ditzinger Einzelhändler David Matkovic Anfang November einen zweiten großen Edeka-Standort. Matkovic betreibt seinen ersten im Strohgäu in Ditzingen, zwischen Innenstadt und neuem Bahnhofscenter.

Matkovic bietet die Waren in Korntal-Münchingen in denselben Räumen feil, in denen bis Ende Februar eine Kaufland-Filiale ihr Sortiment offerierte. Im Bereich der Vorhaben blieb in Korntal-Münchingen hingegen auch 2016 der Plan, neben dem Korntaler Bahnhof einen großen Lidl-Markt zu bauen. Der Edeka in der Stadtmitte allerdings, im Koroneo, ist eröffnet.

Unterschiedliche Bewertung des Bahnhofareals

So sehr sich die Lagen gleichen, so unterschiedlich wird ein Discounter am Bahnhof in der kommunalpolitischen Diskussion bewertet. In Ditzingen ist er fester Bestandteil des Bahnhofscenters. Er gilt als ein Ankermieter, der die Kundschaft in das Gebäude ziehen soll. Das Gebäude insgesamt wiederum – unter anderem werden hier auch Schuhe und Bekleidung angeboten – soll sowohl die Pendler im Ort halten, also auch die Beschäftigten des nahen Industriegebiets anziehen. In Korntal hingegen wird der Lidl eher skeptisch gesehen. Lidl hatte die Fläche einst ohne das Wissen der Stadt von der Bahn erworben. Doch der Bahnhof mit einem künftigen Lidl liegt weit außerhalb, ebenso wie der bestehende Penny-Markt. Beides, so lautete lange die öffentlich formulierte Befürchtung, würde es den Korntaler Innenstadthändlern noch schwerer machen. Umso mehr gewann das Koroneo an Bedeutung .

Wie es hingegen mit dem Hofladen am Ortsrand von Münchingen weitergeht, ist ebenso unklar wie die Frage des Vollsortimenters mitten im Ort. Das Projekt steht zwar ganz oben auf der Prioritätenliste gar der Verwaltung – aber die Grundstücke sind so dörflich kleinteilig, dass gleich mehrere Eigentümer verkaufen müssen, sollte dort die Existenzgrundlage für einen Vollsortimenter geschaffen werden.




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