Nachwuchs-Cellisten in Rutesheim Die große Castingshow

Cellospiel im Garten: Gabriele Brodmann, Matthias Trück, Joachim Brodmann und der 16-jährige Celloschüler Yibai Chen Foto: Gottfried Stoppel

Einmal im Jahr kommen junge Nachwuchs-Cellisten aus aller Welt nach Rutesheim, um hier für eine Woche mit den führenden Meistern des Instruments zu spielen. Besuch in einem Ort, an dem in Kürze wieder das Cellofieber ausbrechen wird.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Rutesheim - Es könnte gut sein, dass hier gerade einer der zukünftigen Top-Cellisten der Welt frühstückt. Yibai Chen – dunkler Pulli, dunkle Jeans – sitzt höflich wartend am Tisch. Seine Hände sind zart, nur die Hornhaut an den Fingerkuppen verrät Kennern seine Leidenschaft. Und wenn er die Handflächen aneinanderlegt, sind die Finger an seiner linken Hand länger als die der rechten. Eine berufsbedingte Fehlbildung sozusagen. Ginge es nach dem 16-Jährigen, würde er wohl auch jetzt schon wieder auf seinem Cello spielen.

 

Yibai hat in kurzer Zeit einen weiten Weg hinter sich gebracht. Er kommt aus der chinesischen Millionen-Stadt Shanghai. Wenn er reist, dann bucht er zwei Plätze im Flugzeug zum vollen Preis: einen für sich, einen für sein Cello. Das Reisen mit dem großen Streichinstrument ist manchmal beschwerlich, vor allem aber teuer. Aber Yibai und auch kein anderer Musiker käme jemals auf die Idee, sein Instrument in den Frachtraum zu geben. Ein Cello ist, wenn nicht ein Partner für das Leben, so doch ein langjähriger Lebensabschnittspartner.

Aber trotz aller Beschwernisse wollte Yibai genau hierher: nach Rutesheim. Genauer gesagt hat er irgendwann mit 13 Jahren von einem Freund seines chinesischen Cellolehrers erfahren, dass es in dem 11 000 Einwohner großen Ort im Kreis Böblingen eine ganz einmalige Veranstaltung gibt: die Cello-akademie. Yibai wäre vermutlich auch in die tiefste Steppe oder ins ewige Eis gefahren. Die Celloleidenschaft ist der Kompass in seinem Leben. Die Nadel zeigte nach Rutesheim. In den Ort, in dem, das darf man wohl sagen, ohne seinen Bewohnern allzu nahe zu treten, sonst nicht unbedingt der Bär wild steppt.

Tagsüber Meisterkurse, abends Meisterkonzerte

Aber wenn’s auf November und die Herbstferien zugeht, dann packen hier 150 Freiwillige an, finden 120 Gäste aus aller Welt – von China bis Australien – eine Gastfamilie. Dann ändert sich auch das Ortsbild. Denn dann tragen mehr als hundert Musiker und Musikerinnen ihr Cello sieben Tage lang durch den Ort. Tagsüber Meisterkurse, abends Meisterkonzerte. Dann wird das Schulzentrum zum großen Übungsraum und Konzerthaus. Ebenso wie die anderen Hallen im Ort. „Für eine kurze Zeit verändert sich die Stadt sehr“, sagt Matthias Trück. Er ist der Vater der Celloakademie und selbst, wenn er nicht plant und organisiert, als Musiker mit seinem Celloquartett Quattrocelli und anderen Formationen unterwegs. Die Cello-akademie feiert dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag. Es ist nicht ganz so, wie wenn in Wacken die Heavy-Metal-Fans einfallen. Aber ein bisschen schon. Kultur-Clash inbegriffen, wenn weltunkundige Chinesen oder Russen auf echte Schwaben treffen.

Aber nirgendwo anders kommt man den Meisterlehrern näher. Sie sind renommierte Solisten oder Professoren der Musikhochschulen Weimar, Berlin, München, Dresden und Leipzig. „Am Anfang dachte ich noch, Hamburg oder Frankfurt wären geeigneter gewesen“, sagt Matthias Trück. Doch dann besann sich der heute 45-jährige Cellist auf seine Wurzeln. Die liegen in Rutesheim, hier ist er aufgewachsen, hier ist er in die Schule gegangen, hier wohnen seine Eltern noch immer. Hier kennt er die Infrastruktur und die Menschen, die man für eine anfangs verwegene Idee gewinnen muss. Dass er Menschen für seine Idee gewinnen kann, ahnt man, wenn man ihm zuhört. Stundenlang könnte er Cello-geschichten erzählen. Von den Tönen Pablo Casals, die förmlich noch über dem Instrument hingen, das der Meister selbst 60 Jahre gespielt hat. Einer der Professoren der Akademie und einstiger WG-Genosse Trücks spielte es für einige Zeit. Trück erzählt Geschichten wie diese von unerschütterlicher Hingabe an den Klang des Cellos.

Zu seiner Akademie-Vision gesellte sich jedoch schnell eine gehörige Portion Pragmatismus. Nur dort, wo man die Menschen kennt, kann man die Logistik für eine sieben Tage dauernde große Cello-Castingshow aus dem Nichts aufbauen. In Rutesheim gibt es ein großes Schulzentrum und die Freunde der Eltern. Trück blieb bei Rutesheim – und kommt geradezu ins Schwärmen über den Charme der abgelegenen Lage, die zum Alleinstellungsmerkmal der Celloakademie wurde. „Das Entrückte, dass man nicht wegrennen kann, ist unsere große Stärke.“ Mittags und abends gibt es hier Essen in der Schulmensa, Tischfußball und eine Kellerbar – und nicht Sushi, Clubs und Stadtlichter. So stehen Konzertprofis neben Nachwuchsmusikern am Tischkicker, während sie woanders mindestens ein Orchestergraben trennt.

Die Schattenseite der Leidenschaft

Yibais Ehrgeiz ist groß. Genau hierher wollte er, um den Lehrer zu finden, der ihn zum perfekten Spieler macht. In Person des Berliner Musikprofessors Danjulo Ishizaka hat er ihn gefunden. „Ich höre immer wieder“, sagt Trück, „dass es schwer sei, bei uns angenommen zu werden.“ In der Tat, die Bewerbungen würden immer perfekter, die Spieler immer jünger. Er zeigt das Bewerbungsvideo des 13-jährigen Thomas Prechal auf Youtube, der eine Eigenkomposition für Cello und Orchester eingereicht hat. Halb im Scherz, halb im Ernst sagt Türk: „Ich würde heute wahrscheinlich nicht mehr genommen.“ Das ist die Schattenseite der Leidenschaft: Der Druck, der auf den Spielern liege, wachse stetig.

Yibai hat alle Hindernisse genommen. Mit einem Mitschnitt, den sie auf Youtube hochladen, müssen sich die jungen Cellisten bewerben. Die Plattform ist in China offiziell gesperrt – Yibai kennt einen Umweg. Dieses Jahr hat er einen Mitschnitt eines Konzerts in Warschau eingereicht. Er war 14 Jahre, als zum ersten Mal in Rutesheim angenommen wurde.

Gabriele und Joachim Brodmann kennt er seit dieser Zeit. Gabriele Brodmann räumt schnell Butter, Brot, Käse und Wurst vom Tisch. Es ist ein Samstagvormittag an der Schwelle vom Sommer zum Herbst. Im Garten hinterm Haus hängen noch die Äpfel am Baum. Ihr Sanitärbetrieb hatte heute geschlossen. Die beiden kümmern sich sonst um Heizungen, undichte Wasserhähne und Abdichtbleche. Er draußen bei den Kunden, sie am Telefon hinterm Schreibtisch. Aber auch das Ehepaar ist Teil des Rutesheimer Cellowunders. Und zwar von Anfang an.

Hier kommt die Jugendarbeit der evangelischen Kirche ins Spiel, durch die alle irgendwie miteinander bekannt sind. „Als es losging, wurden alle gefragt, die die Familie Trück kennen, ob jemand bei ihnen wohnen könne“, erinnert sich Gabriele Brodmann lachend. Weil die eigenen Kinder selbst sehr reiselustig sind, sagten die Brodmanns Ja. Und da sie aus dem Schüleraustausch gelernt hatte, dass man nicht viel Aufhebens um die Gäste machen, sondern sie einfach in den Alltag integrieren sollte, musste der spätere Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker Bruno Delepelaire bei den Brodmanns mit den längst erwachsenen, aber in dieser Beziehung sentimentalen Kindern im Garten Ostereier suchen.

Am liebsten würde er immer nur spielen

Ein Cello eröffnet Welten: dem Musiker die Eiersuche und Gabriele Brodmann, die von sich selbst behauptet, „total unmusikalisch“ zu sein, die Welt des Cellospiels. Sie ist eine genaue Beobachterin und vor allem Zuhörerin geworden. „Ich liebe den Klang“, sagt sie. Keine Frage, dass sie und ihr Mann zu den Meisterkonzerten gehen. Joachim Brodmann spielt von Kindheit an Geige. So wie sein Vater, der so wie sein Sohn nicht nur Klempnermeister war. Bei den Brodmanns passt vieles zusammen.

Yibai hat inzwischen sein Cello geholt. Sein Englisch ist noch besser als sein Deutsch. Seit einem Jahr lebt er in Berlin. Er setzt sich aufrecht hin, klemmt sein Instrument zwischen die Beine, macht die Augen zu und versinkt in den Tönen. Wenn es nach ihm ginge, würde er spielen, immer nur spielen. Seit seinem fünften Lebensjahr ist das so. Da hat er mit einem Baby-Cello angefangen und in seiner Heimatstadt Shanghai auch schon Unterricht bekommen. Seine Eltern unterstützen seine Ambitionen bis heute sehr.

Seine Mutter mache ebenfalls Musik. „Sie spielt traditionelle chinesische Instrumente“, sagt er. Sie habe ihm aber drei Instrumente zur Auswahl gegeben: Klavier, Geige und Cello. Das Cello war’s. „In Rutesheim hat sich mein Verhältnis zum Cellospiel total verändert“, sagt er so schwärmerisch, wie es in der fremden Sprache geht. In Rutesheim habe er entdeckt, wie er das Instrument spielen wolle und wie es klingen solle. Sein erstes Bewerbungsvideo von 2016, ein Konzert mit den „Zigeunerweisen“ hat er inzwischen gelöscht. Sein Spiel sei jetzt viel besser. Er will noch besser werden.

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