Thomas Krücken hat ein klares Bild vor Augen, wenn er sich den Spieler der Zukunft vorstellt. Den spielintelligenten Entscheider im immer schneller werdenden Spiel. Denjenigen, der weiß, was in welcher Situation zu tun ist – und der die vielen kleinen Dinge des Fußballs richtigmacht. Technisch, taktisch, athletisch.
Mit dieser Vision des Spielers 2024 hat der Nachwuchschef des VfB Stuttgart seine Arbeit vor drei Jahren an der Mercedesstraße 109 in Bad Cannstatt begonnen. Einer Adresse, die traditionell für gute Jugendarbeit steht – aber ebenso ein Verein, der in seiner Talentförderung nach einer Phase des Stillstands reformiert werden musste.
Einführung des Potenzialtrainings als Schlüssel
Krücken hat viele Neuerungen angestoßen und zahlreiche Veränderungen seither durchgesetzt. Zum Beispiel die Einführung des Potenzialtrainings. Als Krücken 2019 mit diesem Wort ständig um sich warf, wussten die meisten Mitarbeiter im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) nicht, was gemeint war. Jetzt ist es ein stehender Begriff in der Akademiewelt. „Seit drei Jahren steht bei uns der Spieler im Zentrum der Nachwuchsförderung. Das unterscheidet uns von anderen Clubs. Wir investieren viel Zeit in unser Potenzialtraining. Über 50 Prozent der Trainingsinhalte sind individualisiert – und das entpuppt sich bei vielen Talenten als Entwicklungsbeschleuniger“, sagt Krücken.
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Das bedeutet nicht zwingend weniger Mannschaftstraining, doch es ist ein Mehr an Übungseinheiten, die sich an den Stärken und Schwächen eines Talents orientieren. Die Trainer sind angehalten, Risikobereitschaft zu schulen, Torschüsse, Dribblings, Eins-gegen-Eins-Situationen. Die Kinder und Jugendlichen werden ermutigt, selbst spielerische Lösungen auf engstem Raum unter Zeitdruck zu finden und nicht auf Anweisungen zu warten.
U17-EM beweist gute Spielerentwicklung beim VfB
Wenn man so will, wird auf den VfB-Plätzen mit hohem Aufwand ein Straßenfußballambiente nachgestellt. Da gehört das umgerüstete Golfcart samt Riesenbildschirm zur Videoanalyse auf dem Rasen ebenso dazu wie Mentaltraining. Stolze Werte ergeben sich aus dem Prozess. „Wir hatten kürzlich bei der U-17-EM mit sieben nominierten VfB-Spielern die zweitmeisten Kaderabstellungen in ganz Europa. Das ist ein starker Indikator für eine gelungene Spielerentwicklung in diesem Jahrgang“, sagt Krücken, „die hohe Zahl an VfB-Talenten in diesem Turnier zeigt zudem, dass die Spieler großes Vertrauen in unsere Arbeit haben und den Weg zum Profi mit uns gehen wollen.“
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Nur Sporting Lissabon wies bei der Europameisterschaft der B-Junioren in Israel mehr fußballerische Begabungen aus als der VfB. Kein Zufall, sondern das Produkt eines seit Langem konsequent umgesetzten Geschäftsmodells. Der portugiesische Club bildet exzellent aus – für das eigene Profiteam, aber ebenso für die europäische Elite. Tiago Tomas fand so seinen Weg aus der Lissabonner Akademie nach Stuttgart. Ähnlich wie es den Stuttgartern mit ihren jungen Wilden in der Vergangenheit selbst immer wieder gelungen ist. In der Gegenwart steht nun der Geburtsjahrgang 2005 exemplarisch: Er durchläuft die neue Stuttgarter Schule.
Toptalente sollen langfristig bleiben
Dennis Seimen, Alexandre Azevedo, Samuele di Benedetto, Paulo Fritschi, Laurin Ulrich (alle Deutschland), Jan-Carlo Simic (Serbien) und Semih Kara (Türkei) sind die verheißungsvollen U-17-EM-Teilnehmer. Sie alle sollen langfristig bleiben, um ihnen bereits jetzt die passenden Perspektiven aufzuzeigen. Aber auch den bisherigen A-Junioren um Torjäger Thomas Kastanaras herum wird einiges zugetraut. „Wir haben in den Jahrgängen 2003, 2004 und 2005 einige sehr spannende Talente in unseren Kadern. Dem Leistungsprinzip folgend werden wir durch harte Arbeit im Detail sowie Beharrlichkeit, eine kluge Steuerung und mutige Entscheidungen Spieler aus den eigenen Reihen des NLZ in die Profimannschaft entwickeln. Unser ausgegebenes Ziel ist es, aus zwei Jahrgängen dauerhaft drei Spieler nach oben zu bringen. Das ist uns zuletzt gelungen“, sagt Krücken.
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Lilian Egloff, Mohamed Sankoh und Alexis Tibidi sind die bislang letzten NLZ-Spieler, die im Kader von Pellegrino Matarazzo standen. Mit dem Chefcoach sowie dem Sportdirektor Sven Mislintat und dem Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle (auch Sportvorstand wie sein Vorgänger Thomas Hitzlsperger) tauscht sich Krücken ebenso regelmäßig aus wie mit Frank Fahrenhorst, dem Trainer der zweiten Mannschaft. In der Regionalliga wird bei Bedarf die Ausbildungszeit verlängert. Denn der Übergang zum Aktivenbereich bleibt entscheidend, und die Durchlässigkeit zum Bundesligabetrieb ein zentrales Thema beim VfB.
Entscheidende Schnittstelle im Übergangsbereich
Schon viele Hochbegabte sind an der Schnittstelle hängengeblieben. Das soll sich in absehbarer Zeit wieder ändern. Mit einem schönen Nebeneffekt für den Junioren-Rekordmeister. „Unsere Entwicklungserfolge bei den Spielern drücken sich auch in Ergebnissen aus. In der gerade abgelaufenen Saison sind wir mit der U 19 und der U 17 in zwei Finals gestanden. Die U 19 hat dabei den DFB-Pokal gewonnen, und die U 17 unterlag im Endspiel um die deutsche Meisterschaft Schalke 04 erst im Elfmeterschießen, zuvor hatte sie die Saison über keine Partie verloren“, sagt Krücken.
Dabei hat die Mannschaft von U-17-Trainer Markus Fiedler vor allem eines geschafft – selbst unter Druck keine langen Pässe zu spielen. Was Krückens Spielidee für den VfB-Nachwuchs ziemlich nahe kommt. Denn auch das gehört zu seiner Vision 2024, der sich die Realität schon im Jahr 2022 mit weiteren spannenden Jahrgängen nähert.