Nachwuchsmangel im Job „Migration wird in Zukunft eine maßgebliche Säule sein“
Junge Menschen sind auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt. Ein Berufsforscher erklärt, was ihnen heute wichtig ist und wie sich das von früheren Generationen unterscheidet.
Junge Menschen sind auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt. Ein Berufsforscher erklärt, was ihnen heute wichtig ist und wie sich das von früheren Generationen unterscheidet.
Die deutsche Gesellschaft wird älter, das bedeutet: Viele Arbeitgeber müssen intensiver als einst um Nachwuchs kämpfen. Gleichzeitig hält sich in Zeiten des Fachkräftemangels hartnäckig der Vorwurf, der jungen Generation mangele es heutzutage an Arbeitswillen.
Im Gespräch mit unserer Zeitung ordnet Timon Hellwagner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Rolle und die Bedürfnisse junger Menschen im Berufsleben ein.
Herr Hellwagner, werden junge Menschen im Zuge des demografischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt noch wichtiger als ohnehin schon?
Ja, das kann man so sagen. 2010 ging rund ein Viertel der Betriebe davon aus, in den folgenden beiden Jahren Schwierigkeiten zu haben, Fachkräfte zu finden. Im Jahr 2024 waren es knapp zwei Drittel der Betriebe. Und in den kommenden Jahren werden die geburtenstärksten Jahrgänge der Baby-Boomer-Generation in Rente gehen.
Das wird nochmal eine stärkere Belastung für den deutschen Arbeitsmarkt darstellen. Wenn mehr ältere Personen den Arbeitsmarkt verlassen und weniger junge Personen nachrücken, dann ist natürlich die Nachfrage nach den jungen Personen größer.
Was ist jungen Menschen bei der Berufswahl und im Arbeitsleben heutzutage besonders wichtig?
Dazu gibt es verschiedene Befragungen. Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass Flexibilität bei der Arbeitszeit und die Möglichkeit zu Homeoffice eine wichtige Rolle spielen.
Ist das eine neue Entwicklung?
Vergleiche über längere Zeiträume sind insofern schwierig, als dass sich zum Beispiel die Frage nach dem Homeoffice vor 40 Jahren noch nicht gestellt hat. Wenn wir aber auf die Daten zum Arbeitsverhalten junger Personen schauen, dann sehen wir, dass sich da über Jahrzehnte vergleichsweise wenig verändert hat. Der Beschäftigungsumschlag etwa – also wie oft junge Personen einen Job aufnehmen und beenden – ist relativ stabil. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation spielt demnach eine geringere Rolle als das Alter.
Der demografische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel können allerdings dazu beitragen, dass Themen, die für junge Menschen heute wichtig sind, wie zum Beispiel flexible Arbeitszeiten, präsenter werden – weil sich die Verhandlungsposition junger Menschen verändert hat.
Haben Sie das Gefühl, dass diese Erkenntnis in der Breite bei den Betrieben angekommen ist?
Ja. Das IAB-Betriebspanel fragt genau diese Dinge ab. Dort haben 2024 rund zwei Drittel der Betriebe angegeben, dass sie die Schaffung von attraktiven Arbeitsbedingungen als eine wichtige Strategie sehen, um Fachkräfte zu bekommen.
Wie ordnen Sie vor diesem Hintergrund Forderungen nach einer Erhöhung der Wochenarbeitszeit oder der Streichung von Feiertagen ein?
Bei der Arbeitszeitdebatte kommt es immer auf den Blickwinkel an. Grundsätzlich stimmt es, dass die durchschnittliche Arbeitszeit pro erwerbstätiger Person seit mittlerweile Jahrzehnten beständig sinkt. Das liegt aber vor allem daran, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen zugenommen hat und Frauen relativ häufig in Teilzeit arbeiten. Wenn wir uns aber den Vollzeitbereich anschauen, dann sehen wir, dass der langjährige Rückgang geringer ausgefallen ist.
Die Summe aller gearbeiteten Stunden, das Arbeitsvolumen, befand sich hingegen auch im Jahr 2024 in der Nähe des historischen Höchststands. Eine neue IAB-Befragung zeigt außerdem, dass bei Einführung eines steuerfreien Überstundenzuschlags, wie er im Koalitionsvertrag vorgesehen ist, die Bereitschaft Überstunden auszuweiten bei Personen unter 30 Jahren am höchsten ist. Das spricht nicht dafür, dass junge Menschen grundsätzlich weniger arbeiten wollen.
Welche Ansätze gibt es, um mit diesen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt umzugehen?
Gesamtwirtschaftlich gibt es neben der Arbeitszeit weitere Ansatzpunkte, um solchen Veränderungen zu begegnen. Einer ist die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung – also wie viele in Deutschland lebende Menschen auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind. Da sehen wir ganz klar einen über Jahrzehnte ansteigenden Trend, vor allem bei Frauen und älteren Personen.
Von 2015 bis 2023 ist aber auch die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen um knapp sechs Prozentpunkte gestiegen. Junge Personen beteiligen sich heute so stark am Arbeitsmarkt wie schon lange nicht mehr. Das ist eine sehr positive Nachricht, gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.
Ein anderer Ansatzpunkt ist die Migration. Die Nettomigration nach Deutschland hat in den vergangenen Jahren ganz stark dazu beigetragen, dass das Arbeitskräfteangebot weiter gewachsen ist. Migration wird in dieser Hinsicht auch in Zukunft eine maßgebliche Säule sein.
Welche Faktoren sind besonders wichtig, wenn es darum geht, Zugewanderte in den Arbeitsmarkt zu integrieren – auch auf Seite von einzelnen Betrieben?
Da gibt es verschiedene Hebel, zum Beispiel berufsbegleitende Sprachkurse. Daneben ist aber auch wichtig, das Arbeitsklima dahingehend zu verändern, dass Zugewanderte keine Diskriminierung erleben. Es geht darum, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich Zugewanderte wohlfühlen.