InterviewNachwuchssorgen beim Bundeskriminalamt „Beim Deutsch-Test gibt es Modernisierungsbedarf“

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Das BKA ist die Speerspitze des Bundes bei der Verbrecherbekämpfung. Doch die Ermittler haben Nachwuchssorgen. Was auch an der Qualität und den Deutschkenntnissen der Bewerber liegt.

Ermittler des Bundeskriminalamts Nachwuchssorgen – die Deutschkenntnisse der Bewerber sind verbesserungswürdig. Foto: dpa
Ermittler des Bundeskriminalamts Nachwuchssorgen – die Deutschkenntnisse der Bewerber sind verbesserungswürdig. Foto: dpa

Stuttgart - Das Bundeskriminalamt (BKA) hat ein echtes Problem: Jedes Jahr fallen reihenweise Bewerber für die begehrte Kommissars-Laufbahn durch den Deutschtest. Damit die Studienplätze überhaupt besetzt werden können, müssen die Anforderungen und Qualitätskriterien gesenkt werden. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) im BKA, Dietrich Urban, über die Nachwuchssorgen bei den Bundesermittlern:

Herr Urban, in den Medien ist zu lesen, dass das BKA nicht mehr genug qualifizierte Bewerber für den Beruf des Kommissars bekommt, weil die Kandidaten reihenweise durch den Deutschtest fallen. Wie ernst ist das Nachwuchsproblem beim Bundeskriminalamt?
Dietrich Urban. Foto: BDK
Das BKA konnte in den letzten Jahren immer aus hohen Bewerberzahlen die Besten auswählen. Dabei konnte die Auswahl zwischen 30 und 40 Bewerbern für eine Stelle getroffen werden. Es gibt andere Behörden, wie zum Beispiel die Bundespolizei, die lediglich zwischen sechs und sieben Bewerbern für die Besetzung einer Stelle auswählen können. Daher war das BKA lange in der komfortablen Lage, eine breite Auswahl bei der Bestenauslese zur Verfügung gehabt zu haben.
Sie „konnten“ das bisher, sagen Sie. Ist das jetzt nicht mehr so?
Durch den demografischen Wandel muss sich auch das BKA vermehrt um die besten Köpfe bemühen. Unsere heutigen Bewerber bringen ganz unterschiedliche Qualitäten mit, die wir zum Teil auch im BKA gut nutzen können. Andere Kenntnisse, die wir früher größtenteils voraussetzen konnten – dass man beispielsweise die Kommasetzung und die Groß- und Kleinschreibung nahezu fehlerlos beherrscht – müssen unter Umständen in der Vorbereitung auf den Beruf des Kriminalbeamten noch verbessert werden. Das ist aber kein spezielles Problem des BKA.
Sondern?
Es ist das Problem aller Behörden und aller Arbeitgeber, in denen die deutsche Sprache wesentliches Werkzeug des Berufsbildes ist.
Wenn man sich den Deutschtest des BKA einmal anschaut, wirkt er etwas überholt.
Das stimmt. Der Rechtsschreibtest, der etwas antiquiert ist, müsste dringend überarbeitet werden. Ein Beispiel: Man muss zum Beispiel einen Lückentest ergänzen. Das hat eigentlich weniger mit Rechtschreibung zu tun als mehr mit der richtigen Schreibweise von besonderen Worten wie zum Beispiel Chrysantheme. Daran scheitern immer mehr Bewerber, weil es kein Wort ist, das man ständig benutzt. Hier gibt es sicherlich Modernisierungsbedarf!
So weit so gut. Aber wie viel Bewerber kann das BKA überhaupt pro Studienjahr aufnehmen?
Die alten Strukturen, wie wir sie bis heute beim BKA haben, sind nur in der der Lage, bis zu 160 Bewerber pro Jahr zu verkraften. Das liegt an der Zahl der Unterkünfte, der Dozenten, der Lehrräume und so weiter. Das BKA kann aktuell nicht einfach mehr Bewerber für das Studium zulassen, weil die Kapazitäten hierfür nicht ausreichen. Klassengrößen sollten daher nicht größer als 25 sein. Deshalb ist es auch im Moment nicht ohne Weiteres möglich, ad hoc 150 oder 200 Studierende pro Studiengang aufzunehmen, obwohl wir sie für die Arbeit des BKA dringend brauchen könnten.
Stimmt es, dass die Studentenzahlen aufgestockt werden sollten, weil die Aufgaben des BKA und damit auch der Bedarf an Nachwuchs größer geworden ist?
Es ist richtig, dass das Bundesministerium des Inneren (BMI) schon vor einem Jahr die Vorgabe an das BKA hatte, dass anstelle der 60 bis 70 pro Halbjahr bis zu 120 Studierende eingestellt werden sollten. Das BKA wäre momentan nicht in der Lage, so viele Studierende aufzunehmen, weil die Infrastruktur dazu fehlt.
Das Problem existiert aber auch bei anderen Bundesbehörden.
Auch das ist richtig. Im Sicherheitsbereich müssen kurzfristig alle Behörden mit erhöhten Einstellungszahlen umgehen lernen. Das BKA ist nicht die einzige Behörde mit diesen Herausforderungen.
Und wie geht es weiter? Wird die Infrastruktur ausgebaut und die Studentenzahlen erhöht?
Es ist angestrebt, zum 1. April 2017 gut 100 Kriminalkommissar-Anwärterinnen und -Anwärter einzustellen. Und dann in den nächsten drei Halbjahren bis Ende 2018 jeweils 150. Zum 1. April 2019 sollen es wieder 50 bis 60 pro Halbjahr werden. Dann wird für die nächsten Jahre eine Zahl von insgesamt etwa 620 Neueinstellungen als Kriminalkommissar-Anwärterinnen und -Anwärter erreicht werden, die dem BKA bis Ende des Jahrzehnts zugehen werden. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter unterstützt diese Personalmaßnahmen gewohnt konstruktiv, unter anderem mit seinen Vorstellungen zum Berufsbild eines Kriminalisten, um hier auch das richtige Personal auszuwählen.
Beim BKA denkt man offenbar sehr langfristig.
Das sind die Stellen, die das BKA in den nächsten Jahren sukzessive besetzen kann. Schon jetzt laufen die Ausschreibungen für das Studienhalbjahr, das am 1. April 2018 beginnt.
Zurück zum Rechtschreibetest. Stimmt es, dass die Bewerber die deutsche Sprache immer schlechter beherrschen?
Beim Rechtschreibtest mussten tatsächlich im laufenden Verfahren 2016 Anpassungen vorgenommen werden. Das hat es sicher schon früher gegeben, um auf besondere Anforderungen und Situationen zu reagieren. Nur trifft es das BKA diesmal doppelt und dreifach, weil mehr Stellen besetzt, gleichzeitig die Infrastruktur ausgebaut sowie die Vorgaben des BMI und nicht zuletzt auch die gesetzlichen Aufträge erfüllt werden müssen. Deswegen müssen jetzt schnell kreative Wege gefunden werden, diesen Herausforderungen angemessen gerecht zu werden.
Und das tun sie?
Bei dem Deutschtest war es bislang so, dass eine Quote von 50 Prozent erreicht werden musste. Anders gesagt: Man muss 50 Prozent der Fragen richtig beantworten, um zu bestehen. Jetzt hat man die Quote auf 40 Prozent abgesenkt. Der Grund: Innerhalb dieser zehn Prozent scheitern an die 40 Prozent der Bewerber. Sie bekommen also 40 Prozent mehr Bewerberinnen und Bewerber über die Klippe, wenn sie die Quote absenken.
Das heißt: weniger Qualität.
Leicht ist dieser Schritt sicher nicht gefallen. Weil wir beim BKA immer noch sagen, dass die deutsche Sprache Basis des Berufes als Kriminalkommissar ist, unser täglich Brot also. Wir müssen mit unserer Muttersprache gut umgehen können.
Polizeianwärter sagen, dass ihnen vor nichts so sehr graust wie vor dem Deutschtest.
Der Rechtsschreibtest war bislang ein Ausschlusskriterium, an dem sehr viele scheiterten. Wenn man den nicht überstanden hat, war man raus aus dem Bewerbungsverfahren. Wie oben bereits angedeutet, gibt es aber bereits Überlegungen, wie man die erforderlichen Kenntnisse zeitgemäßer erheben und gegebenenfalls während des Studiums noch verbessern kann. Aber noch einmal: Wir müssen das Ganze gesamtgesellschaftlich betrachten und auch unser Schulsystem in Teilen hinterfragen. Wir haben Bewerber mit Deutschleistungskurs, die an unserem Rechtschreibtest scheitern. Das ist alarmierend, auch wenn der Test als solches sicherlich auch auf den Prüfstand gehört. Aber das ist kein spezifisches BKA-Problem.