Nadelöhr A 81 bei Leonberg Nur so konnte der größte Rettungseinsatz im Engelbergtunnel gelingen
Ein Lkw brennt am 3. März im Engelbergtunnel. Der Ernstfall für über 400 Einsatzkräfte tritt ein.
Ein Lkw brennt am 3. März im Engelbergtunnel. Der Ernstfall für über 400 Einsatzkräfte tritt ein.
Um 14.19 Uhr am Dienstag, 3. März, wird aus einem normalen Arbeitstag ein Ausnahmezustand. Im Engelbergtunnel bei Leonberg brennt ein Lkw mit Anhänger, der Kühlschränke geladen hat. Dichter Rauch zieht durch die Röhre, Menschen sind in Gefahr. Während die meisten erst durch Meldungen in sozialen Netzwerken oder im Radio davon erfahren, sind bereits Dutzende Männer und Frauen auf dem Weg zum Tunnel – viele direkt vom Arbeitsplatz, manche vom Mittagstisch zu Hause.
Über 400 Einsatzkräfte werden es am Ende des Tages sein. Weit über 200 von verschiedenen Feuerwehren, über 100 von Rettungsdiensten sowie etwa 40 bis 50 Polizeibeamte. Dazu kommen auch Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) sowie Mitarbeiter der Stadt Leonberg, des Landkreises Böblingen sowie der Autobahn GmbH. Doch wie kann ein Einsatz in einer solchen Größenordnung überhaupt funktionieren?
Hört man sich bei den beteiligten Organisationen um, läuft es auf drei Dinge hinaus: eine klare Einsatzstruktur, eine an den Tunnel angepasste Ausbildung und gute Kommunikation untereinander.
Kleinere Autobrände hat es im 1998/99 fertiggestellten Engelbergbasistunnel, so der korrekte Namen, schon gegeben, auch größere Unfälle. Aber noch nie ein so verheerendes Feuer. Der Schaden allein am Tunnel wurde kurz nach dem Brand auf 10 bis 15 Millionen Euro geschätzt. Zwei Personen erlitten eine Rauchgasvergiftung.
Dass nicht mehr Menschen zu Schaden gekommen sind, liegt auch am schnellen Einsatz der Feuerwehren aus Leonberg und Gerlingen. Mit der Fertigstellung des Engelbergbasistunnels wurde auch eine Alarm- und Ausrückeordnung festgelegt, wie der Gesamtkommandant der Leonberger Feuerwehr, Wolfgang Zimmermann erläutert. „Damit nichts schieflaufen kann“, sagt er.
Darin ist festgelegt, was bei den verschiedenen Arten von Not- und Einsatzfällen zu geschehen ist. Etwa welche Blaulichtorganisation – von Polizei über Feuerwehr bis Rettungsdienst und THW – in welchem Umfang alarmiert und zum Einsatz geschickt wird. Und darauf bauen auch die Ausbildung und das Training der jeweiligen Einsatzkräfte auf.
Man kann sich das vorstellen wie ein Baumdiagramm. Am Ausgangspunkt ist die Einsatzleitung. „Da Dreiviertel der Tunnelfläche auf Leonberger Gemarkung liegen, hat immer Leonberg die Einsatzleitung“, erklärt Zimmermann. Und damit in den meisten Fällen er selbst.
Allein muss Zimmermann den Job aber nicht machen. Denn in einem solchen Ernstfall steht er einem Führungsstab vor, zu dem auch die Führungsgruppe der Feuerwehr, der Leiter des Rettungsdienstes, der leitende Notarzt sowie je ein Vertreter der Polizei und der Autobahn AG gehören.
„Der Führungsstab trifft sich im Feuerwehrhaus und koordiniert von dort aus den Einsatz“, erklärt der Leonberger Kommandant. Im Einsatzlagezentrum kann beispielsweise auf alle Aufnahmen der Überwachungskameras im Tunnel zugegriffen werden. Von dort aus wird der Einsatz koordiniert. Und das über Stunden, manchmal auch Tage wie etwa beim Brand der Vergärungsanlage 2019, dem bisher größten Einsatz der Leonberger Feuerwehr.
Den größten Teil der Einsatzkräfte machen die Feuerwehrleute aus. Die „erste Welle“ bilden dabei stets Leonberg und Gerlingen, da der Tunnel auf dem Gebiet der beiden Städte liegt. „Wir üben schon seit ewigen Zeiten zusammen. Wir gehen da Hand in Hand“, sagt der Leonberger Kommandant. Leonberg und Gerlingen seien dabei in ständigem Austausch.
Die zweite Welle bilden dann Feuerwehren aus dem Umland. Im Falle von Gerlingen sind das beispielsweise Ditzingen, Möglingen und Markgröningen. Bei größeren Einsätzen unterstützt auch die Feuerwehr Herrenberg. „Die haben mit dem Schönbuchtunnel ja eine ähnliche Aufgabe und die nötige Tunnel-Ausbildung“, erklärt Wolfgang Zimmermann.
Ausbildung ist in dem Zusammenhang ein entscheidendes Stichwort. Denn der Tunnel stellt die Brandschützer vor besondere Herausforderungen. „Wenn wir da reingehen, wissen wir nicht, was uns erwartet. Deshalb ist es wichtig, dass unsere Leute sicher vorgehen können“, sagt der Leonberger Kommandant. „Die Abläufe müssen sitzen, das muss alles ineinandergreifen“, verdeutlicht er. Deshalb sind spezielle Übungen für die Feuerwehren besonders wichtig.
Aber eben auch besonders aufwendig und teuer. Bevor die noch andauernden Bauarbeiten am Engelbergtunnel gestartet sind, hatte der Bund 2018/19 den Feuerwehren aus Leonberg, Gerlingen und Ditzingen einen Lehrgang an der Europäischen Feuerwehrakademie in der Schweiz finanziert. Dort gibt es einen unterirdischen Tunnel, in dem speziell Einsätze in Tunnel geübt werden können.
„Es hätte schon vor zwei Jahren eine Großübungen im Engelbergtunnel stattfinden sollen, aber sie wurde immer wieder verschoben“, berichtet Wolfgang Zimmermann. Sie sei jetzt für Ende November geplant. „In Gerlingen behandeln wir das Thema Einsätze im Tunnel jährlich in unserem Übungsplan. In diesem Jahr sind sogar zwei Sonderübungen geplant“, berichtet Dennis Blos, Pressesprecher der Feuerwehr Gerlingen.
Dass am Ende nur zwei Menschen durch Rauchgas verletzt wurden und sonst niemand zu Schaden kam, ist auch ein Zeichen für einen erfolgreich verlaufenen Großeinsatz. „Und das fast nur mit Ehrenamtlichen“, betont der Leonberger Feuerwehrkommandant, der selbst fest bei der Stadt angestellt ist.
Insgesamt hat die Leonberger Wehr acht Vollzeitbeschäftigte bei rund 150 Aktiven in der Einsatzabteilung. Die Feuerwehr Gerlingen hat derzeit bei 71 Aktiven nur einen bei der Stadt Angestellten – den Gerätewart. Da bleibt Wolfgang Zimmermann als Einsatzleiter nur eine Erkenntnis: „Der Einsatz beim Tunnelbrand war eine Riesenleistung von allen.“