Nahostkonflikt in Israel Alltag zwischen Schutzbunker und Strandspaziergang
Viele Israelis haben für den Fall eines Luftangriffs Vorkehrungen getroffen. Eine Familie nahe Tel Aviv zeigt, wie sie sich schützt und wie sie mit der Angst umgeht.
Viele Israelis haben für den Fall eines Luftangriffs Vorkehrungen getroffen. Eine Familie nahe Tel Aviv zeigt, wie sie sich schützt und wie sie mit der Angst umgeht.
Sollte es hart auf hart kommen, gibt es zumindest frische Windeln. In dem Schutzraum ihrer Wohnung, dessen verstärkte Wände vor iranischen Raketen schützen sollen, öffnet Danielle Lutski Yassaf, 40, die Türen eines Schranks. Rechts stapeln sich Windelpakete für ihren anderthalbjährigen Sohn Shay. Links stehen große Stofftaschen in den Regalen, gefüllt mit haltbaren Lebensmitteln: Kekse, Brotchips, allerhand Konserven. Die Familie lebt in Rechovot, einer Kleinstadt südlich Tel Avivs. Lutski Yassaf, Unternehmens- und Finanzberaterin, hat den Schutzraum für lange Aufenthalte ausgestattet, seitdem im April erstmals ein Angriff aus dem Iran drohte. „Ich habe mir gedacht: Das ist doch verrückt, Essen im Schutzraum zu lagern – im Jahr 2024!“, sagt sie. „Ich habe mich gefühlt wie in einem absurden Film. Aber es beruhigt mich, vorbereitet zu sein.“
Mitte April hatte Iran Israel zum ersten Mal direkt angegriffen, nachdem ein hochrangiger Kommandeur der Revolutionsgarden bei einem mutmaßlich israelischen Luftangriff in Syrien ums Leben gekommen war. Zwar konnten die Drohnen und Raketen größtenteils noch außerhalb der Landesgrenzen abgewehrt werden.
Doch die Angst vor einem Vergeltungsschlag seitens des Irans ist geblieben: Vor allem, nachdem Ende Juli Israels Armee, die IDF, per Luftschlag Fuad Shukr in Beirut ausgeschaltet hat – einen hochrangigen Kommandeur der vom Iran geförderten Hisbollah. Wenige Stunden später ging in einem Gästehaus in Teheran eine Bombe hoch und tötete den damaligen Hamasführer Ismail Haniyeh, der zur Amtseinführung des neuen iranischen Präsidenten nach angereist war. Für den Angriff auf Shukr übernahm Israel Verantwortung, für die Tötung Haniyehs nicht. Doch kaum jemand zweifelt daran, wer hinter dem Attentat steckt. Irans Oberster Führer, Ayatollah Ali Khamenei, drohte Israel denn auch „harte Bestrafung“ an.
Manche israelischen Analysten fürchten, das iranische Regime könnte aus dem ersten fehlgeschlagenen Angriff im April gelernt und wichtige Schlüsse für einen zweiten Angriff gezogen haben. Ein hochrangiger Kommandeur der Revolutionsgarden, Mohsen Chizari, sagte kürzlich, die iranische Vergeltung für die Tötung Haniyehs werde „anders und überraschend“ sein.
Die Familie Lutski Yassaf jedenfalls befindet sich seit April in Alarmbereitschaft: Schon einmal hatten sie unfreiwillig den Ernstfall geprobt: Am Abend des 13. Aprils meldeten die Nachrichtenagenturen, iranische Mittelstreckenraketen seien auf dem Weg nach Israel, würden in mehreren Stunden ihr Ziel erreichen. Lutski Yassaf stellte sicher, dass ihr Schutzraum vorbereitet war – und ging schlafen. „Hätte es Sirenenalarm gegeben, wären wir aufgestanden und in den Schutzraum gegangen“, sagt sie. „Aber warum soll ich bis dahin wach bleiben?“
Viele Israelis haben für den Fall eines großen Luftangriffs Vorkehrungen getroffen: Das Nötigste im Schutzraum gelagert, eine Tasche für den Bunker gepackt. Dennoch ist im Zentrum des Landes längst wieder Normalität eingekehrt: In Tel Aviv sind die zahlreichen Cafés belebt. Eltern schieben Kinderwagen durch die Stadt, die Spielplätze sind gefüllt, ebenso Strände und Parks.
Danielle Lutski Yassaf hat es nach der Auslöschung Haniyehs in Teheran zunächst vermieden, an den Strand zu gehen: Sie fürchtete, im Falle eines Luftalarms nicht schnell genug einen Bunker zu erreichen. Ein Freund habe sich über sie lustig gemacht, erzählt sie. Inzwischen spaziert sie wieder ans Meer. „Das Leben geht weiter, was soll man machen“, sagt sie.
Die Israelis sind Konflikt und Kriege gewohnt. Doch nie zuvor kamen in Israel so viele Menschen ums Leben wie am 7. Oktober 2023. Und kein Krieg zog sich so lange hin wie der aktuelle im Gazastreifen, der unter den Palästinensern immense Opfer fordert: Mehr als 42 000 Tote meldet die Hamas. Und auch wenn die Zahlen umstritten sind und nicht unterscheiden zwischen Kämpfern und Zivilisten, ist der Blutzoll in Gaza dramatisch. Zudem sind weiterhin rund hundert Israelis in der Hand der Hamas. Seit dem Fund der sechs ermordeten Geiseln vor wenigen Tagen ringt die israelische Regierung stärker als je zuvor mit der Frage, welcher Preis für deren Befreiung der richtige ist.
Dennoch kommen Untersuchungen immer wieder zu dem verblüffenden Ergebnis, dass die Menschen in Israel zu den glücklichsten der Welt zählen. Im World Happiness Report der Vereinten Nationen 2024 landete Israel auf Platz fünf – weit vor Deutschland (24). „Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass wir optimistisch sind“, sagt Danielle Lutski Yassaf. „Wir sind stark: physisch, geistig und mental. Wir wissen, dass wir überwinden werden, was immer auch kommt. Wir haben ja keine andere Wahl.“